DÜDELINGEN
CLAUDE MÜLLER

Männerrunde bei „We Love Girls, Girrls, Grrrls“ in Düdelingen

Drei europäische Topmusiker, die Italiener Gianluca Petrella (Posaune) und Giovanni Guidi (Piano), beide bekannt durch ihre Zusammenarbeit mit Enrico Rava, sowie der französische Klarinettist und Saxofonist Louis Sclavis, vereint mit dem amerikanischen Schlagzeuger Gerald Cleaver präsentierten am Dienstag in Düdelingen „opderschmelz“ ein originelles Konzeptprogramm, das sowohl der mysteriösen britischen Kultschauspielerin Ida Lupino, wie der extravaganten amerikanischen Musikerin Carla Bley gewidmet war.

Das Besondere an dieser Formation ist die außergewöhnliche Besetzung. Neben Perkussion und Piano bietet das ohne Bassinstrument spielende Quartett zwei Bläsersolisten im Vordergrund, mit Instrumenten, die eher selten im aktuellen Jazz zu hören sind. Die im New Orleans Jazz immer präsente Klarinette, die sich in der Swingära mit Benny Goodman, Artie Shaw oder Woody Herman zur Königin der Instrumente im Jazz entwickelte und die, ebenfalls im traditionellen und später im Cool Jazz mit Bob Brookmeyer oder Jay Jay Johnson, eine wichtige Rolle spielende Posaune gerieten im New Jazz und Fusionbereich eher aufs Abstellgleis. Aber für diese lange Abstinenz wurden wir durch die beiden virtuosen Solisten Sclavis und Petrella durch ihre einmaligen Klangkreationen bestens entschädigt. Die Entführung in eine fast utopische zauberhafte Welt brachte uns nichtalltägliche Eindrücke einer ungewöhnlichen Musik, die durch ihre betörende Eleganz bestach.

Der neben Michel Portal wohl bekannteste französische Starjazzer in New Jazzbereich Louis Sclavis bewies fortlaufend sein berechtigtes Renommee als wichtigster Bassklarinettist seit Eric Dolphy. Mit dem breiten Spektrum seiner manchmal folkloristisch angehauchten, unkonventionellen Improvisationen sorgte er, der auch die meisten Kompositionen des Programms beisteuerte, für die abwechslungsreiche Gestaltung einer harmonischen neuen Stilistik. Zudem verblüffte Sclavis mit raffiniert ausgeklügelten sequenziellen Tonfolgen, die durch seine atemberaubende Zirkularatemtechnik mehrmals während eines längeren Spielraums als originellen Background für die vitalen Ausbrüche des von Energie berstenden Posaunisten diente.

Erfrischend anders war die aufregende Art, mit der Gianluca Petrella seine ganz persönliche Ausdrucksweise des modernen Posaunenspiels demonstrierte. Hier war von dem oft kopierten geschmeidigem Image eines Kai Winding oder dem lieblichen Klangcharakter des Instruments, der meist im gängigen Wellnessjazz zu hören ist, nichts zu spüren.

Feinfühlig und überzeugend

Nach einem halbstündigen, intensiven Medley folgte das erwartete Motivstück des Projekts, die melancholische Melodie „Ida Lupino“ aus der Feder der Pianistin und Komponistin Carla Bley von ihrem Album „Musique Mecanique“ (1979), die Sclavis äußerst feinfühlig und überzeugend für diese Formation bearbeitet hat. Pianist Giovanni Guidi, dessen Tätigkeit hauptsächlich in der Begleitfunktion der beiden Solisten bestand, sorgte mit seiner tonangebenden Balance zwischen abstrakten Strukturen und lyrischen, weit gespannten Melodiebögen für die eigenständige Basis dieser feinnervigen Musik. Auch Gerald Cleaver am Schlagzeug passte mit seinem Gespür für melodische und klangliche Aspekte bestens in das Gesamtkonzept der experimentellen Kreationen.

Eine schwierig verständliche Musik, die mit Jazz eigentlich nichts zu tun hatte, aber eine deutliche Beziehung zu den verschiedensten Richtungen der zeitgenössischen E-Musik zeigte und nach dem anhaltenden Applaus zu beurteilen, ihre positive Wirkung beim zahlreich erschienenen Insiderpublikum erzielte. Leider war dies innerhalb einer Woche, nach dem Gastspiel des Wolfgang Muthspiel-Quintetts, schon das zweite Konzert, das (ohne Zugabe) gerademal nur eine knappe Stunde dauerte.