PATRICK WELTER

Es waren flammende Bilder, die ins Mark gefahren sind. Dabei war klar, dass es bei dieser Katastrophe nur um Materie, Holz, Stein, Metall und nicht um Menschenleben ging. Dennoch, als der Dachreiter - eine architektonische Zugabe von Viollet-le-duc - in das über dem Mittelschiff von Notre-Dame tobende Feuer stürzte, war die innere Betroffenheit nicht kleiner als an dem Tag, als die Türme des WTC in New York zusammenbrachen und 3.000 Leute unter sich begruben.

Wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, war sie wahrscheinlich sogar größer. Hat das Gewölbe gehalten? Ist die gotische Konstruktion der Hitze und dem Wasser gewachsen? In der Höhe, in der das Feuer tobt, hat jeder Stein eine austarierte Funktion. Die Gewölbefelder zwischen den Rippen 33 Meter über dem Boden des Kirchenschiffs sind hauchdünn… Kann das gut gehen? All das beschäftigt mich beim Betrachten der Bilder aus Paris. Spät in der Nacht kommen dann die ersten Bilder, die zeigen, dass einzelne Gewölbeflächen durchschlagen, es aber keinen kompletten Einsturz gegeben hat.

Ich war am Montagabend sicherlich nicht alleine dabei, Stunden lang durch alle Nachrichtenkanäle zu zappen, um die aktuellsten Bilder und neuesten Nachrichten zu hören. Die eher pessimistischen Aussagen der Pariser Feuerwehr waren beunruhigend und wohltuend zu gleich - da waren keine Schönredner am Werk. Präsident Macron brachte dann den Pathos, der angesichts der Zehntausenden, die still um die Ile de la Cité herumstanden, den richtigen Ton traf.

Ein altes Gemäuer brennt ab und Menschen drum herum weinen und beten. Binnen weniger Stunden kommen fast 700 Millionen Euro an Spenden für den Wiederaufbau zusammen. Angesichts dessen gab es auch verständnisloses Kopfschütteln, das alles für alte Steine? Die Überschwemmungskatastrophen in Mosambik nehmen wir zwar wahr, lassen sie aber nicht an uns heran. Genauso wie Flüchtlingskrise, Bürgerkriege, Unwetter. Überall sind Menschen Opfer der Umstände, aber sie sind verdammt weit weg, da nützt auch die mediale Dauerberieselung nichts. Im Gegenteil, je mehr fremdes Unglück in der Ferne, desto leichter klinken wir uns aus.

Ganz anders bei einem Symbol wie Notre-Dame, der Kathedrale mit einer 850-jährigen Geschichte. Notre Dame ist ein wunderschönes Stück gotischer Architektur, das auch einen pessimistischen Agnostiker wie mich begeistert. Dabei ist die Kathedrale von Amiens prächtiger, die von St. Denis kunsthistorisch wichtiger und Chartres sowieso unübertroffen, aber Notre-Dame kennt jeder, sie ist das Symbol für Frankreich - das unverrückbar und unzerstörbar erschien. Der Brand in Paris berührt so viele, weil diese Kathedrale eben nicht mehr nur für den Glaubensapparat der katholischen Kirche steht, sondern weil sie europäische Geschichte zum Anfassen ist. Notre-Dame ist eine architektonische Chiffre für Frankreich. Genauso wie der Kölner Dom für Deutschland, die Pyramiden für Ägypten und Big Ben für Großbritannien. Alles alte Freunde, die man irgendwie nicht verlieren möchte, weil sie schon Generationen kennen und kannten.