NORA SCHLEICH

Das Damoklesschwert der Determination

„Wenn wir die genaue Lage und Geschwindigkeit aller Himmelskörper im Universum kennen würden, dann könnten wir die Zukunft mit Sicherheit voraussagen“ Laplace

Die Debatte um die Willensfreiheit ist seit jeher ein beliebtes Thema der Philosophen. Sind wir frei? Oder gibt es doch uns übermächtige Einflüsse die uns, ohne dass wir dies überhaupt bemerken, handeln und entscheiden lassen? Nun existieren etliche Theorien, deren Anliegen es ist darzulegen, inwiefern wir in unserem Dasein begrenzt, bestimmt, ja – gesteuert sind.

Als Vertreter des absoluten Determinismus ist Laplace zu nennen. Nach Laplace ist alles Weltliche notwendigerweise von dem Gesetz der Kausalität bestimmt. Das heißt, dass jedes Geschehen eine Wirkung von einer vorhergehenden Ursache ist. Sowie dieses Geschehen dann selbst nicht nur Effekt, sondern ebenfalls wieder Ursache eines weiteren sein wird. Der einzige Grund aus dem etwas wirkend werden kann, ist demnach, dass es eine Ursache dafür gibt. Einen kausalen Anstupser sozusagen. So unterliegt unser Dasein und unser Walten ebenfalls stets dem Verhältnis von Ursache und Wirkung. Wir Menschen können nur versuchen, uns die Entwicklungen der Welt verständlich zu machen, indem wir an Fiktionen wie Gott, Wünsche, Zufälle festhalten. Die Einsicht in die große, allumfassende Kette von Causa und Effectus und eine, um auf das Zitat von Laplace zurück zu kommen, daraus erfolgende Vorhersage des Zukünftigen, ist für uns unmöglich.

Skinner, seines Zeichens bekannter Behaviorist, steht dafür ein, dass menschliches Handeln stets durch das Umfeld des Handelnden geprägt sei und dass dieses eine hohe Einflussnahme auf den Entscheidungsprozess des Menschen hätte. Laut Skinner ist jedes Tun und jede Idee die Konsequenz einer Prägung der Umgebung. In diesem Sinne lässt sich das Verhalten des Menschen nicht nur von seinem Umfeld ableiten, sondern auch durch dieses erklären. Und nicht nur das, durch das Verändern des Umfeldes kann es auch zu einer modifizierenden Bestimmung, einer Konditionierung des menschlichen Verhaltens kommen. Demnach ist es bei Skinner das Umfeld, durch welches die Menschheit der Determination unterworfen wird. Ein Blick auf verschiedene gesellschaftlichen Tendenzen – nicht nur in Great, oh so Great America – dürfte dieser Theorie einiges an Plausibilität zukommen lassen.

Auf eher agnostischem Terrain bewegt sich Spinoza. Der Philosoph raubt uns die Illusion: Wir meinen nur, uns frei bewegen oder denken zu können, weil wir nicht dazu fähig sind, die eigentliche Ursache unseres Verhaltens einsehen zu können. Wir können nicht wissen, was uns bestimmt, was aber wiederum nicht bedeutet, dass uns nichts bestimmt. Ignoranz ist kein Garant für die Abwesenheit des nicht Zugänglichen. Diese fatale Unwissenheit illustriert Spinoza anhand eines trefflichen Beispiels. Ein Stein wird von einer externen Kraft angestoßen und befindet sich daraufhin in einer fortwährenden Bewegung, auch wenn die verursachende Kraft nicht mehr tätig ist. Der Stein bleibt im Rollen, nicht aus eigener Dynamik, sondern weil zuvor etwas auf ihn gewirkt hat. Nehmen wir nun an, der Stein hätte ein Bewusstsein und würde sich in seinem rollenden Dasein als autonom und frei empfinden und ziehen wir die Parallele zum Menschen: auch uns fehlt die Einsicht in ein externes, ursächliches Anstoßen, welches uns eine bestimmte Verhaltensweise auferlegte. Wir können darum nicht sicher sein, dass das, was wir glauben aus freiem Willen zu tun, auch wirklich aus freien Stücken erfolgt – viel eher plädiert Spinoza dafür, dass Freiheit in der Handlung nicht gegeben ist.

Last but not least gilt es noch den Herrn Freud zu erwähnen. Dessen bekannte psychologisch deterministische These besagt, dass wir durch alle unsere vorhergehenden Erfahrungen und Erlebnisse geprägt sind. Will sagen, dass jede unserer Handlung einen Sinn hat, der durch ein früheres Erleiden zu erklären ist. Kein Verhalten ist demnach zufällig, sondern bewusst oder unbewusst aus der Psyche heraus motiviert. Sei es, dass wir wie blind von Trieben gesteuert sind – seine ausufernde und berüchtigte Interpretation der Wichtigkeit des Sexualtriebes dürfte Ihnen wohl bereits einmal zu Ohren gekommen sein – oder, dass unser mentales Über-Ich als moralische Instanz und mahnendes Gewissen unser Verhalten kontrolliert. So oder so bestimmt unsere Psyche uns selbst, eine absolut spontane, unabhängige und autonome Handlung können wir niemals tätigen.

Die Theorien in Sachen Bestimmt-Sein haben mich stets zum Nachdenken angeregt. Wie erfahre ich mich selbst? Komme ich vielleicht durch gründliches Beobachten dem Grund meiner Gesinnung und Handlung auf die Schliche? Vielleicht löst diese Kolumne ja auch in Ihnen einen reflexiven Spagat aus – wären Ihre Gedanken dann bewusst von dem hier Angeführten in diese Richtung gesteuert?