PATRICK WELTER

Während Fidel C. wie der geborene Revolutionär aussah, fragt man sich bei Fotos aus dem kubanischen Guerillakrieg, wer denn dieser Lausbub ist, der mit den Soldaten durch den Dschungel zieht? Der kleine Raoul. Raoul Castro, der noch in dieser Woche mit 86 Jahren in den Ruhestand gehen will. Während der „Maximo Lider“ in 48 Jahren von seinem Charme, seinem Nimbus als Revolutionär und seinen einschläfernden Reden lebte, musste der kleine Castro Reales leisten. Über Menschenrechte musste man mit beiden nicht reden, Feinde der Revolution hatten keine Chance.

Trotzdem, wenn man als Tourist mit kubanischen Taxifahrern - den Seismologen der Volksseele - sprach, war die Begeisterung für Fidel ungebrochen. Trotz einer objektiv miesen Bilanz. In der Welt war sein Bild gespalten: Für die US-Amerikaner war Fidel das personifizierte Böse, für die Dritte Welt eine Lichtgestalt und für die Europäer ein folkloristischer Semi-Diktator, bei dem man nett Urlaub machen konnte.

Der kleine Raoul Castro, Zeit seines Lebens Militär, dem die Uniform viel besser passte als seinem Großen Bruder, war für die Welt ein Unbekannter, als er Fidels Nachfolger wurde. Die Zuckerinsel hatte den Zusammenbruch des Sozialismus in Europa nur mit knapper Not überlebt. Echter Wandel setzte erst ein, als Raoul die Staatsführung übernahm. Er baute den Tourismus aus, schuf Reisefreiheit, reduzierte den Beamtenapparat und ließ ein gewisses Maß an Handel und zahlreiche Ein-Personen-Unternehmen zu. Zeitweise hatte er in Venezuela einen neuen Sponsor gefunden, aber nicht lange, denn der Bolivarische Sozialismus machte aus dem reichen Venezuela ein Armenhaus.

Es ist traurig, dass Kuba, das lange Zeit das unbestritten beste Gesundheitssystem Lateinamerikas hatte, heute seine jungen Ärzte exportieren muss, um seine Staatskasse zu füllen. Das Gehalt des Arztes geht an den kubanischen Staat, er selbst erhält im Gastland nur einen Bruchteil davon.

Die vielen Kleinunternehmer, die es jetzt in Kuba gibt, erfüllen den Wunsch von Raoul, die Wirtschaft von unten nach oben anzukurbeln, gleichzeitig werden sie von einer Verwaltung kujoniert, die noch in Fidels Denken verharrt.

Man kann auf Kuba alles kaufen, wenn man konvertierbare Pesos besitzt. Die den Einheimischen vorbehaltene Währung ist nicht das Papier wert, auf dem sie steht. Jeder Taxifahrer, der in seinem Hybridoldtimer - Karosserie Cadillac, Motor von Lada - Touristen durch die Stadt fährt, verdient mehr als ein Arzt. In den staatlichen Läden gibt es Mehl, Öl, Reis und Zucker. Im Devisen-Supermarkt gibt es alles. Weder sozial, noch sozialistisch.

Raouls größter Schritt war es, auf die USA zuzugehen und sich mit Obama auf die Normalisierung der zwischenstaatlichen Verhältnisse zu einigen - gegen den knurrigen Protest von Fidel. Leider konnte niemand ahnen, dass der nächste US-Präsident ein egozentrischer Ignorant sein würde. Zarte Bande halten nur dann, wenn man nicht darauf rumtrampelt.

Wenn die Ära Castro in dieser Woche nach sechzig Jahren ihr Ende findet, dann bleibt Fidel als ewige Ikone über, aber genauso die überraschende Erkenntnis, dass der kleine Raoul - im Rahmen seiner Möglichkeiten - seine Sache erheblich besser gemacht hat, als erwartet.