LUXEMBURGCHRISTIAN BLOCK

Der Germanist Tim Reuter hat sich eingehend mit dem Bernhardschen Werk beschäftigt

Wie er letzten Endes bei Thomas Bernhard landete, weiß Tim Reuter gar nicht mehr so genau. „Ich bin relativ spät während meines Studiums auf Bernhard gestoßen“, sagt er. Bernhard sei ein Autor, den immer nur ein bestimmter Personenkreis gelesen habe - Kenner sprechen vom „Bernhard-Sog“, den schließlich auch Tim Reuter erwischte. Die Beschäftigung mit dem eigensinnigen Österreicher wurde letztlich so intensiv, dass er sich ihm in seiner Dissertation an der Ludwig-Maximilian-Universität München annahm. Unter dem Titel „Vaterland, Unsinn“ ist sie vor wenigen Monaten in abgewandelter Form als Monographie erschienen. Darin beleuchtet Reuter auch die Beziehung Bernhards zu Luxemburg im Allgemeinen und zu den Mondorfer Dichtertagen und Anise Koltz im Besonderen - und war selbst überrascht, was er dabei alles entdeckte.

Ein Mann, viele Widersprüche

Ohne Zweifel ist Thomas Bernhard ein Autor, der auch heute noch polarisiert. In den vergangenen Tagen und Stunden, zum Anlass seines 25. Todestages an diesem Mittwoch, mehren sich die Artikel, Reportagen und Wiederholungen seiner kultigen Interviews, über sein Werk und den besonderen Bernhardschen ,Kopf‘. Neben seinem einzigartigen Stil, einer Reihe von Skandalen, der Kunst der Selbstinszenierung sind es auch die vielen Widersprüchlichkeiten, die dazu Anreiz geben, sich mit ihm zu beschäftigen. Zum Beispiel, dass sich Bernhard, der sich gerne über die österreichische Provinz ausließ, 1965 einen Vierkanthof zulegte. Auch in Bernhards Romanen finden sich solche Ambivalenzen wieder. „Es gibt einen Groll gegen die Gesellschaft, die eine Distanzierung mit sich bringt. Dann sind die Figuren allerdings alleine, was dazu führt, dass sie den menschlichen Kontakt wieder suchen“, erläutert Reuter diese Ambivalenz. Für Thomas Bernhards gesamtes Werk gelte dieses ,Einerseits-Andererseits´-Verhältnis. „Bernhard hat immer die doppelte Perspektive, das macht den Großteil seines Werks aus“.

Einmalig sei die Konsequenz seines Stils, aber auch die Art, Kritik zu formulieren, die sich wie eine Linie durch sein Schaffen zieht. Das hat Bernhard selbst Kritik eingebracht, wenn er etwa die nicht aufgearbeitete nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs aufgreift und sich darüber nach dem gleichen Muster aufregt wie über die Toiletten in Wien. Reuter hebt allerdings hervor, dass Bernhards Stimme durchaus Gewicht hatte. „Er gehörte zu denjenigen, die den Zweiten Weltkrieg noch bewusst miterlebt haben, war aber zu jung, um schuldig zu sein.“ Als Zeitzeuge bewahrte er sich trotz seiner Übertreibungskunst eine Glaubwürdigkeit. Außerdem stand das Werk für Bernhard immer an erster Stelle. Er verstand es aber auch, die Kritik, die gegen ihn vorgebracht wird, vorausgreifend in seinen Texten miteinzuarbeiten.

Bernhard als Netzwerker und Reisender

Entscheidend für den Verlauf seiner Karriere ist in den Augen Tim Reuters der Umstand, dass er mit seinem Romanerstling „Frost“ einen gewaltigen Erfolg hatte und auch, dass seine Theaterstücke direkt auf den großen Bühnen aufgeführt wurden. Dadurch habe Bernhard einen gewissen „Snobismus“ an den Tag legen können und erklärt auch die hohen Ansprüche, die er zu gewissen Momenten stellte.

In der Entstehungsgeschichte von „Frost“ spielt die Verbindung zu Luxemburg eine ausschlaggebende Rolle. „Ich hätte nie erwartet, dass dabei so viel herauskommen würde“, sagt Reuter, der sich inzwischen von einer wissenschaftlichen Karriere abgewendet hat und im September vergangenen Jahres ins Unterrichtswesen gewechselt ist. Er arbeitet jedoch weiterhin mit dem Literaturhaus in Mersch zusammen und plant auch in Zukunft, publizistisch aktiv zu sein. Bernhards Verbindung zu Luxemburg und den insgesamt drei Teilnahmen an den Mondorfer Dichtertagen sei einerseits klar utilitaristisch motiviert gewesen, zum Beispiel das Knüpfen von Kontakten mit Autoren und Verlegern, was zeigt, dass Bernhard eher ein „über den österreichischen Tellerrand hinausblickender Netzwerker“ war als der Einzelgänger, als den er sich darstellte (und dargestellt wird). In Mondorf fand sich eine Reihe namhafter österreichischer Autoren ein: Peter Handke, Ernst Jandl, Christine Lavant oder auch Elfriede Jelinek. In Mondorf machten Bernhard und Wieland Schmied auch die Veröffentlichung von „Frost“ aus - was den Übergang Bernhards zur Prosa besiegelte. Andererseits habe Bernhard die Veranstalterin, die luxemburgische Schriftstellerin Anise Koltz, die sein Talent früh erkannte, „wirklich geschätzt“. Denn über die Dichtertage hinaus besuchte Bernhard Luxemburg. In „Frost“ findet sich im übrigen eine Anspielung an diese Freundschaft, wenn von einem „Buch über die Gehirnkrankheiten von Koltz“ die Rede ist.

In Reuters Monographie sind auch zwei bisher unveröffentlichte Gedichte abgedruckt, die aus einem Brief Bernhards an Anise Koltz stammen und die sie in der Zeitschrift „jeune poésie européenne“ publizieren wollte. Allerdings wurde die Zeitschrift nach der zwölften Ausgabe bereits eingestellt. Durch die Arbeit Tim Reuters finden sie jetzt ein neues Sprachrohr und Luxemburg in der Forschung möglicherweise einen neuen Stellenwert.