LUXEMBURG

Auf Sturz folgt Sturz: Elise Schmit spürt in ihrem ersten Erzählband den Momenten menschlichen Scheiterns nach

Mit Ikarus nimmt das kulturgeschichtliche Unheil seinen Anfang: Sobald der Mensch zu fliegen versucht und damit in einem metaphorischen Sinn nach der göttlichen Sphäre strebt, muss er zwangsweise fallen. Das Straucheln, der Stoff jeder Tragödie, wird daher zu einem dem Menschen grundsätzlich immanenten Wesenszug – das Scheitern an Gott, am Faustischen Versuch, Allmacht zu erlangen, zu seinem Schicksal.

Nicht ganz so pathetisch, aber nicht minder existenziell erzählt die 1982 in Luxemburg geborene Autorin Elise Schmit in ihrem Debüt „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“ von Momenten des Scheiterns und Verlierens. Von besonderer Brisanz erweist sich die Thematik an einer Klippe. In der Erzählung „Letztes Haus vor dem Meer“ wohnt eine ältere Dame nur wenige Meter von ihr entfernt. Obwohl sie sich vorgenommen hatte, keinem der vor ihrer Tür allseits präsenten Touristen mehr zu helfen, warnt sie vergeblich einen jungen Gelegenheitswanderer bei abendlichem Unwetter weiter den beschwerlichen Weg zu gehen. Am nächsten Morgen gilt er als vermisst. Statt von einem faktischen handelt „Im Zug“, eine weitere der sechs Erzählungen, von einem biografischen Sturz. Nachdem ein Mann erfolglos auf ein Date wartet, steigt der Verschmähte in einen Zug und fährt quer durch Deutschland, um am Ende auf den weiten Horizont des Meeres zu schauen. Sich auszuklinken, wäre wiederum der Wunsch eines Technikers, dessen Konzentration sich im Lärm seiner Familie auflöst. Der Fall eines zu reparierenden Radios scheint die ganze Tragik dieses zutiefst bürgerlichen Schicksals einzufangen.

Foto: Verlag - Lëtzebuerger Journal
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Einsame Protagonisten

Was all die Figuren eint, ist ihre stille Einsamkeit, ihr fast schon misanthropisches Solitärdasein. Sie wirken bisweilen wie verlorene Eremiten in einer spätmodernen Welt, die eigentlich keinen Raum mehr für Rückzüge gewährt. Seien es die ökonomische Erschließung von Landschaften oder der digitale Fortschritt – Schmits Texte deuten viele gesellschaftskritische Momente an, verweigern jedoch tiefergehende Analysen. Dasselbe gilt auch zumindest für einen Teil ihrer Protagonisten. Oftmals stecken in den Geschichten mehr Kult und Habitus des Besonderen als wahre Substanz. Beispielgebend ist die ins Magische ragende Überhöhung einer nachwirkenden, zufälligen Straßenbegegnung in Indien. Ein Blick erwidert einen anderen, ohne dass daraus eine Beziehung folgt: „Es war nichts Anzügliches und nichts Freundliches und nichts Erwartungsvolles in seiner Haltung, sein Blick glitt nicht an mir herab, um die Länge meiner Beine einzuschätzen […]; es schien auch nicht, als wolle er mich ansprechen […]. Er sah mir in die Augen und ich ihm, als gäbe es sonst nichts zu sehen. In wenigen Augenblicken war er an mir vorbei, aber mir war, als ob mich etwas festhielt und an ihn zurückband“. Sichtlich bemüht sich die Autorin um das Vortäuschen einer geheimnisvollen Aura, welche aber letztlich doch zu krampfhaft gewollt anmutet.

Was ihr gelingt, ist die Nutzung der Kürze. In wenigen Sätzen zieht sie uns in die Psychen ihrer Figuren hinein. Subtil beschreibt Schmit deren Regungen und Gedanken. Nähe ist der Schatz ihrer Prosaminiaturen, die gekonnt an die Tradition amerikanischer Short Stories anknüpfen. Offener Einstieg, ein für die Novelle bestimmendes Spannungs- beziehungsweise Erregungsmoment und schließlich wiederum ein offenes Ende – so sind die Texte in „Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen“ gebaut. 

Mehrfach ausgezeichnet beim „Concours littéraire national“, geben sie der im deutschsprachigen Raum etwas vernachlässigten luxemburgischen Literatur eine Stimme. Ihre Sprache ist dabei frei von jedwedem Ballast. Klarheit und Lakonie kennzeichnen ihre Sätze, welche vielleicht im englischsprachigen Gebiet am ehesten an Ernest Hemingways und im deutschsprachigen möglicherweise an Ulrike Edschmids Ausdruck erinnern. Auf kleinstem Raum sowie mit sparsamen Mitteln diskutiert die studierte Germanistin und Philosophin existenzielle Fragen der Condition humaine und skizziert eine Gesellschaft der Krisen und Gefahren im Mikrokosmos. Sieht man von der erwähnten Effekthascherei an manchen Stellen ab, überzeugt der Band durch seine Ambition, Allzumenschliches authentisch einzufangen. Schmit ist in diesem Sinne eine Porträtistin, deren Bilder einen Einblick in verschlossene Seelenwelten gewähren. (Von Björn Hayer)

 

 Elise Schmit: Stürze aus unterschiedlichen Fallhöhen. Hydre Editions, 144 Seiten, 15 Euro

Lëtzebuerger Journal

Antoine Wauters

Moi, Marthe et les autres

D’un monde en ruines, on ne peut extraire que des fragments. En près de deux cents brefs paragraphes, le narrateur du récit d’Antoine Wauters nous donne à lire les nouvelles d’un monde post-apocalyptique. Personne ne sait ce qui a eu lieu; le fait est que la société de consommation, de l’abondance, s’est effondrée: «Nous avions trop. Aussi était-il juste et bon de tout perdre, puis de tout recommencer.» Hardy, Marthe et les autres doivent reprendre à zéro, tant bien que mal. Ils tentent de survivre dans l’univers hostile qu’est devenue la terre: trouver de la nourriture, se protéger du froid, échapper à la violence, forment leur quotidien. Les usages et les coutumes s’étant perdus, la petite communauté réinvente les rites (les enterrements, par exemple) et se raconte, comme des mythes, les histoires du monde ancien. Bien des mots ont perdu leur signification, et d’autres ont perdu des lettres, comme si l’oubli rongeait petit à petit le langage d’antan: Notr-Dam, Biblioth Natnial, Coc-Cla… À cette ruine du langage s’adjoint la fin de la morale: le cannibalisme, la drogue, la sexualité débridée sont la norme, sans jugement. Mais l’humanité demeure, malgré tout, grâce aux histoires, aux chansons et à la tendresse. L’art et l’amour survivent à l’apocalypse – comme une lueur dans notre nuit. (Par Julien Jeusette)

Editions Verdier, 80 pages, 12,50 euros

Mikael Ross

Der Umfall

Klar bleiben wir zusammen“, sagt Noels Mutter. „Für immer immer.“ Aber in der Nacht findet er sie neben der Badewanne. Sie steht nicht mehr auf. „Und Blut … Da is auch Blut … Blut auf dem Boden … gehört da nich hin.“ Noel schafft es, den Krankenwagen zu rufen, aber seine Mumsie kann niemand retten. Der junge Mann landet in Neuerkerode, einem Dorf, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben. Allmählich gewöhnt sich Noel dort ein. Er lernt Valentin kennen, der auf dem Trockenen pedantisch und im Schwimmbad ekstatisch ist, und Alice, die ihn Pummelino nennt und mit ein paar Judogriffen aufs Kreuz legt. Und dann ist da noch Penelope. Vielleicht ist sie die Prinzessin aus seinem Traum. „Der Umfall“ ist die Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum der Evangelischen Stiftung Neuerkerode und gleichzeitig ein bewegender Roman über einen jungen Mann, der alles, was ihn hält, verliert und sich mit nichts als ein paar Geschichten in einer neuen Umgebung zurechtfindet. Mikael Ross („Lauter leben!“) erzählt konsequent aus Noels Perspektive, in schnellen Strichen, bunt, rasant und magisch-realistisch. Noels Art, die Welt zu sehen, gibt dem Buch Witz und Poesie. Durch die Erinnerungen einer alten Dame blicken wir auf die NS-Zeit zurück, als viele Bewohner*innen Neuerkerodes zwangssterilisiert und getötet wurden. (Von Elisabeth Dietz)

avant Verlag, 128 Seiten, 28 Euro

Michal Hvorecky

Troll

„Troll“ erzählt von einer nahen Zukunft in Osteuropa. Die Menschen leben in einem totalitären System, dessen Informationspolitik längst nicht mehr auf Fakten beruht, sondern den Wert einer Meldung an der Aufmerksamkeit bemisst, die sie erzeugt. Der Protagonist, ein übergewichtiger Sonderling, der schon früh mit gesundheitlichen Problemen kämpft, weil seine Eltern ihn nie haben impfen lassen, trifft im Krankenhaus auf eine junge, drogenabhängige Frau. Beide freunden sich an und beschließen, eine Trollfabrik, deren Geschäftsmodell auf Falschmeldungen und Rufmordkampagnen beruht, von innen heraus zu zersetzen. Aus dem Auge des Sturms, den sie entfesseln, beobachten sie die Erosion der Gesellschaft in rivalisierende, aufgehetzte Kleinstgruppen. Es gelingt ihnen sogar, Falschmeldungen bei seriösen Nachrichtensendern zu platzieren. Michal Hvoreckys Roman entwickelt ein beklemmendes Szenario, das vor allem deshalb Angst auslöst, weil es so plausibel ist. „Troll“ entwirft das Bild einer Gesellschaft, in der grundlegende Werte und Bezugsgrößen nicht mehr gelten, in denen es weder ein funktionierendes Informationswesen gibt noch ein adäquates Gesundheitssystem oder einen funktionierenden Polizeiapparat. Hvorecky hat den Roman zum „postfaktischen“ Zeitalter geschrieben. Rasant, pointiert und ziemlich beängstigend. (Von Sophie Weigand)

Tropen Verlag, 215 Seiten, 18,00 Euro

Lëtzebuerger Journal

Max Frisch

Stiller

Stiller. Max Frisch. „ Ich bin nicht Stiller.“ Der erste Satz des Romans. Er ist nicht Stiller. Zwei Mädchen, die das Jahr wiederholen mussten: „Super, der Stiller! Nicht wie dieses andere, nein, der Faust, der ist o.k., aber tödlich, der Mann, Thomas mit Vornamen.“ Stiller also. Krame ihn aus einem verstaubten Regal. 448 Seiten. Auf dem Buchdeckel starrt mich der Autor hinter seiner dicken schwarzen Hornbrille an. Ich habe das Buch gehasst, politisch korrekter, nicht gemocht. Gelesen und mich gefragt was mir diese doofe Geschichte mit diesem Typen, der nicht Stiller sein will, bringen sollte. Ach so, ja. Das Abitur. Darum mich also mit Julika beschäftigt, Stillers Ehefrau. Stiller hat seinen Namen geändert. White nennt er sich nun. War in Amerika. Man nimmt ihn fest bei seiner Einreise in die Schweiz, weil man ihn für den verschollenen Herrn Stiller hält. Sie wollen ihn in seine alte Rolle zwingen. Mir ist das wurscht. Soll er sich Nudel oder Gurke nennen, meinetwegen. Das Buch ist „adipös“. Sein Gesabber nimmt kein Ende. Der Typ nimmt sich ernst. So was von. Seine Ehefrau besucht ihn, erkennt ihn. Er will aber nicht erkannt werden. Julika und Stiller, ihre Ehe, ihre Eheprobleme, Stillers Affäre mit einer anderen. Bin gerade 18 geworden, warum tut man mir diese Eheprobleme an? Kein Humor. Alles bitterer Ernst. Wie die schwarze Brille. Wie Frischs Blick auf dem Foto. Ich will das Abitur schaffen. Mäxchen, dein Gelaber wird mich davon nicht abhalten. Im Hintergrund der Lehrer, erörtert Rip Van Winkle. Ein Märchen, das Stiller, oder eben nicht Stiller, erzählt. Macht die Sache auch nicht spannender. Julika ist krank. Mich macht sie wahnsinnig. Könnte nicht wer sterben? Julika stirbt. Ich bin erlöst! Dann kann ich mich endlich mit Gustav Aschenbach beschäftigen. Der war mir sofort sympathisch. (Von Carla Lucarelli)

 Suhrkamp, 448 Seiten, 10 Euro

Jérôme Jaminet

Die Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen Kritikers

Ich leide unter chronischer Kritikeritis. Klingt komisch, ist aber so. Ein schlimmes Gebrechen, sage ich Ihnen, besonders im Spätherbst! Gegen die saisonale Grippe gibt es bekanntlich eine Impfung, aber gegen die Welle an mediokren Neuerscheinungen bin ich als Kritiker machtlos. Kein Buch ist auch keine Lösung. Ich muss die Beschwerden wohl oder übel ertragen: die Nackenverspannung nach dem Kopfschütteln, den Blähbauch von der heißen Luft eines Seitengassenromans, die Lähmung in den Fingerspitzen, die keine weitere Seite mehr wenden wollen. Sie ahnen, woran professionelle Seitensezierer zuweilen am meisten leiden: am Lesen. Vorbei sind die glücklichen vortheoretischen Lesezeiten der Jugend, als ich noch mit Genuss im Buchstabenmeer versinken oder mich im Bücherweitwurf üben durfte. Als unfreier Literaturkritiker mit überzüchtetem Geschmack kann ich nicht mehr über Pannen und Patzer hinweglesen. Abbrechen geht gar nicht. Nur Klappentextabschreiber lesen die Bücher nicht zu Ende, die sie besprechen sollen. Womit wir bei der zweiten Leidensursache angelangt wären: dem Schreiben. Was muss ich nicht alles tun! Analysieren, beschreiben, erzählen, kontextualisieren, symptomatisieren, pointieren und, natürlich, werten. Und die Kriterien? Genauigkeit der Sprache, Glaubwürdigkeit der Figuren, Kongruenz von Form und Inhalt, Komplexität, Originalität, Dringlichkeit – das alles ist wichtig, aber gute Bücher zeichnen sich für mich vor allem dadurch aus, dass sie etwas in mir anstoßen, dass sie mich verunsichern und verwandeln. Wie heißt es bei Rilke: „Doch seine Züge, die geordnet waren / blieben für immer umgestellt“. Wenn ich zu einem Werturteil gekommen bin, folgt der schweißtreibendste Arbeitsschritt: die überzeugende Begründung in einer möglichst geistreichen und unterhaltsamen Rezension. Ich will die Leser schließlich nicht nur informieren und orientieren, sondern auch Einfluss auf ihre Kaufentscheidungen nehmen. Allerdings – und das ist Leidensursache Nummer drei – haben die Besprechungen im Feuilleton meist den Wirkungsgrad einer Glühlampe. Da müht man sich als Kritiker ab und am Ende des Tages zählen Mundpropaganda, Amazon-Ratings und Bestsellerlisten. Es ist zum Seitenausreißen! Aber natürlich werde ich weiterhin lesen, schreiben und wirken lassen. So gut es geht. Trotz Kritikeritis.