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CORDELIA CHATON

Andreas Kremer von ITTM Solutions arbeitet an der Medizin von morgen

Andreas Kremer ist Molekularbiologe und Bioinformatiker und hat vor Luxembourg schon in sechs anderen Ländern gelebt und gearbeitet. Eines hat der Mann mit einem Background in Pharma, Forschung und Diagnose dabei immer wieder festgestellt: Medizin kennt mehr Grenzen als viele andere Bereiche. Nicht zuletzt deshalb hat er ITTM Solutions mitbegründet. Hier erklärt er, was Bio-IT ist, was das junge Unternehmen macht und wie die Medizin von morgen aussehen kann.

Herr Kremer, eigentlich sind Sie gar kein Unternehmer. Warum haben Sie trotzdem ein Start-up gegründet?

Andreas Kremer Wir sind eine Ausgründung aus dem „Luxemburg Center for Systems Biomedicine“. Die Idee geht darauf zurück, dass wir wirklich einen Bedarf gesehen haben, weit über Luxemburgs Grenzen hinaus für Daten in der Medizin und Pharmazie. Deshalb lautet unser Motto: „Die richtige Information am richtigen Ort zur richtigen Zeit und im richtigen Kontext.“ Stark vereinfacht gesagt geht es darum, die Möglichkeiten der Digitalisierung mit denen der Medizin zusammen zu bringen. Daten sind das neue Öl. In Luxembourg gibt es tolle und sichere IT-Strukturen, die sich auch für die Gesundheit nutzen lassen. Luxemburg hat in vieler Hinsicht die richtigen Voraussetzungen, aber noch fehlt es wohl an Interesse. Wir wollen mit Qualitätsdaten arbeiten und helfen, diese bereitzustellen, das ist das Ziel.

Können Sie das an einem konkreten Beispiel erklären?

Kremer Ja, nehmen Sie beispielsweise den Blutzucker. Wenn dieser direkt nach meinem Frühstück gemessen wird, ist er relativ hoch. Der Zeitpunkt und die Tatsache, dass zuvor eine Mahlzeit - beispielsweise Kaffee und süßes Gebäck - eingenommen wurde, sind also wichtige Informationen, die bekannt sein müssen, um falsche Schlussfolgerungen zu vermeiden. Wir können die Daten nicht nachträglich ändern , aber in den richtigen Kontext setzen. Ich selbst habe in sieben verschiedenen Ländern gelebt und bei der medizinischen Betreuung wäre es viel besser, einfacher und kostengünstiger gewesen, ein elektronisches Dossier von mir zu haben, das in jedem Land nutzbar ist. Diese Erkenntnis setzt sich auch auf EU-Ebene durch.

Was wird dort gemacht?

Kremer Seit Jahren passiert mehr und mehr digital und in diesem Jahr startete das EU Projekt „Smart4Health“, bei dem es um die EU-weite elektronische Patientenakte geht, die in der Cloud aufbewahrt wird. Wir arbeiten mit daran mit dem Hasso-Plattner-Institut in Potsdam sowie mit Hëllef Doheem und ELIXIR Luxembourg. Das bedeutet, dass in einem Konsortium von 18 Organisationen immerhin drei luxemburgische sind. Das ist natürlich auch gut für die Außenwirkung von Luxemburg.

Werden Sie staatlich gefördert?

Kremer Nein, bislang nicht. Eine Tochter der POST hat in uns investiert. Allerdings würde ich mir staatliche Hilfe nicht ausschließlich beim Geld, sondern auch bei der Regulierung und der Unterstützung des Umfelds wünschen. Ein solcher Bereich wäre auch die Sequenzierung und Interpretation genetischer Informationen. Seit 2018 gibt es ein Gesetz, das nun dem LNS das alleinige Recht dazu gewährt. Wenn das so bleibt, wären unsere Investitionen umsonst gewesen. Derweil nimmt die internationale Konkurrenz zu. Noch ist das Zeitfenster offen, um im digitalen Gesundheitsbereich Akzente zu setzen, aber in anderen Ländern wie beispielsweise den Niederlanden werden große Anstrengungen in diesem Bereich unternommen. Es wäre schade, wenn Luxemburg hier nur dritter oder vierter im Rennen werden würde.

Wie weit sind Sie selbst mit Ihrem Start-up?

Kremer Wir hoffen, dass wir in zwei bis drei Jahren den Break-Even erreichen. Wichtig ist uns, dass der Bürger im Mittelpunkt steht. Wir arbeiten aktuell mit den Daten beispielsweise von Pharmaunternehmen oder Ärzten. Um diese nutzen zu können, müssen sie bereinigt und aufbereitet werden. Diese Arbeit nehmen wir den Unternehmen ab. Danach lassen sich oft interessante Informationen aus den Datensätzen ziehen.

Wie glauben Sie, werden Ihre medizinischen Daten in zehn Jahren verwendet werden?

Kremer Ich hoffe, dass wir bis dahin gelernt haben, die Flut zu steuern und mit anderen Datensätzen - beispielsweise aus der Ernährung - sinnvoll zu kombinieren. Bei kontinuierlichen Datenströmen müssen wir noch von den Finanzsystemen lernen. Es gibt auch übertragbare Projekte aus der Automobilindustrie, bei denen die Vogelperspektive eine Rolle spielt. Viele Informationen sind ja bereits vorhanden und müssen „nur“ kombiniert werden. Ein Beispiel: Krankenschwestern fallen häufig aus wegen Rückenleiden. Für Orthopäden und Physiotherapeuten könnte ein Datenaustausch sinnvoll sein. Doch bislang kommen viele Informationen aus isolierten Bereichen und verbleiben dort. Ein weiteres Beispiel wäre ein Vorfall am Urlaubsort, bei dem es sinnvoll sein kann, dass die Ärzte dort über alle Aspekte den Kranken betreffend schnell informiert sind. Für Luxemburg selbst, ein Land mit vielen Pendlern, ist das Projekt sehr spannend. Natürlich spielen auch noch andere Faktoren eine Rolle wie beispielsweise GDPR.

Was könnte diese Entwicklung hemmen oder aufhalten?

Kremer Die fehlende Offenheit Neuem gegenüber und somit die Möglichkeit, etwas auch mal auszutesten. Digitale Medizin ist in vielen Ländern noch nicht angekommen. Das kontrolliert auszutesten, wäre gut. Denn Dinge, die heute ein Fehler sind, könnten morgen die Lösung sein. Denken Sie nur an Viagra, das eigentlich mal als Herzmittel gedacht war.

Was stimmt Sie zuversichtlich?

Kremer Wir haben gute Institute hier in Luxemburg. Im Sommer gab es ein Treffen organisiert von Luxinnovation in Brüssel, bei dem sich Unternehmen aus diesem Bereich kennen gelernt haben. Jetzt weiß ich besser, was andere machen. Das kann eine gute Grundlage für eine Zusammenarbeit in der Zukunft sein.

www.ittm-solutions.com