LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Plädoyer für den mündlich vorgetragenen Text

Anna Thalbachs Stimme ertönt aus meinem Handy. „Pim greift sich sofort den metallenen Spitzgriff; Laurens sucht kurz Blickkontakt zu mir, versucht Pim zur Vernunft zu bringen.“ Diesen Satz zu lesen und genau zu wissen, was dieser Pim mit dem metallenen Spitzgriff anstellen wird, ist eine Sache. Es von einer Person laut vorgetragen zu bekommen, einen Text, der zudem noch in der Ich-Form geschrieben ist, lässt dem Zuhörer regelrecht das Blut in den Adern gefrieren! Eva erwacht zum Leben, ihr Schicksal geht dem Zuhörer nahe. Tagelang konnte ich das Gehörte nicht mehr vergessen. Auf die Gewaltszenen in „Und es schmilzt“ von Lize Spit will ich an der Stelle nicht weiter eingehen, dafür aber auf die Vorzüge des Hörbuchs im Allgemeinen, das ich seit einiger Zeit für mich entdeckt habe.

Häufige Einwände und Bedenken

Zunächst will ich auf zwei häufige Einwände zu sprechen kommen. Erstens, das geben Viele zu bedenken, sei Lesen ein persönliches und privates Erlebnis. Gäbe es einen Sprecher, so zerstöre dies die Intimität zwischen Leser einerseits und Text und Figuren andererseits und zudem sei der Rezipient in der freien Entfaltung seiner eigenen Vorstellungskraft gehemmt. Die Stimme und Vortragsart des Sprechers beeinflusse ihn zu sehr. Diese Annahme vertrat ich selbst, bis ich mich davon überzeugt habe, dass es professionellen Sprechern gelingt, den Erzähler und damit den Text an sich lebendiger und greifbarer werden zu lassen, ohne dabei jedoch zu viel von sich selbst in den Text hineinzulegen. Ein guter Sprecher erleichtert die Aufnahme und Identifikation, macht den Text aber, wie befürchtet, nicht zu einem ganz anderen.

Zweitens, so heißt es, sei die „monotone“ Vortragsart, die verhindert, dass die Persönlichkeit des Sprechers zu sehr durchdringt, ermüdend und einschläfernd. Es sei anstrengend, zuzuhören. Ich persönlich kann diese Ansicht verstehen, teile sie aber nicht. Ich bewundere die Art und Weise des professionellen Vorlesens und halte sie für beruhigend und angenehm. Wer selbst schon einmal probiert hat, das zu imitieren, weiß wie schwer das ist. Ich glaube, dass der mündliche Vortrag eines Textes das Verständnis im Gegenteil erleichtert und dem Zuhörer weniger Konzentration abverlangt, als dieser beim stummen Lesen vom gedruckten Papier aufbringen müsste.

Integration in den Alltag

Abgesehen davon kann man ein Hörbuch jederzeit und überall hören: beim Kochen, beim Essen, im Bus, auf dem Weg zur Arbeit, vor dem Zubettgehen usw. Gegenüber dem gedruckten Buch hat es den Vorteil, dass man die Hände frei hat und den Blick nicht die ganze Zeit starr nach unten gerichtet halten muss. In Zeiten des Multitaskings, in denen wir gerne hundert Sachen gleichzeitig erledigen, ist das ein großer Vorteil, was natürlich nicht bedeutet, dass man das Gehörte an sich vorbeiplätschern lassen sollte. Das würde mir sowieso nicht gelingen, selbst wenn ich es wollte. Letztens hätte ich im Bus fast losgeschrien, weil es so schien, dass der Serienmörder – egal, zurück zum Thema.

Auch preislich gesehen hat das Hörbuch keine Nachteile gegenüber dem gedruckten Buch oder E-Book – im Gegenteil! Ein einzelnes Hörbuch als CD kostet zwar nicht gerade wenig, doch jetzt kommt der Clou: „Audible“, „Spotify“ und „Deezer“ bieten Abos an, bei denen man schon für zehn Euro monatlich auf eine sehr große Auswahl an Hörbüchern, aktuelle Besteller und Neuerscheinungen inbegriffen, zugreifen kann. Sicher werden längst nicht alle Bücher vertont, aber man wird überrascht sein, wie viele Texte man wiederfindet, die aktuell in der Buchhandlung stehen.

Die Rolle des gedruckten Buches

Schon häufig wurde bemängelt, das gedruckte Buch sei auch deshalb in Gefahr, weil es für den Endverbraucher zu teuer sei und es für dieses Unterhaltungs- und Bildungsmedium anders als für Filme und Serien keine Streamingangebote gebe, die man für einen fixen monatlichen Betrag nutzen könnte. Zum Glück kann man sagen, gibt es in dieser Hinsicht mittlerweile einige Entwicklungen. Neben den Hörbuch-Abos bietet beispielsweise „skoobe“ eine monatliche E-Book-Flatrate an.

Ich hoffe, dass diese Plattformen in näherer Zukunft noch bekannter werden, weil sie dem Buch wieder zu mehr Popularität verhelfen könnten. Auch könnte das einen Ausweg aus dem Teufelskreis darstellen, dass Bücher aufgrund des geringen Leserkreises teurer werden, weswegen sie wiederum weniger Käufer anlocken.

Die Frage, die sich dabei natürlich stellt, ist, wo das gedruckte Buch sich einreiht. Ist dessen Produktion noch zu finanzieren, wenn es sich preislich nach unten hin angleicht und mit diesem Trend mitgeht und wird es irgendwann, wenn es nicht mitzieht, dem E-Book komplett weichen müssen?

Für mich persönlich ist es aktuell jedenfalls so, dass dem gedruckten Buch etwas Exklusives anhaftet. Ich halte es mit besonders großer Freude und Achtung in den Händen, kann es mir mit meinem beschränkten Studentinnenbudget aber auch nicht immer leisten. Für den Rest der Zeit greife ich dann, weil ich sowieso schon so viel auf einen Bildschirm starre, liebe auf Hörbücher als auf E-Books zurück. Aktuell höre ich Jilliane Hoffmans „Insomnia“, gelesen von der bekannten deutschen Schauspielerin Andrea Sawatzki. Eigentlich entspricht dieses Genre gar nicht meinem Geschmack, aber zum Glück habe ich reingehört, denn anders hätte ich dieses fantastische und spannende Buch niemals entdeckt.