TETINGEN
PATRICK VERSALL

Natalie Ortner inszeniert ab morgen August Strindbergs„Totentanz“ in der Schongfabrik Téiteng

Der schwedische Dramatiker August Strindberg gehörte, als Zeitgenosse Sigmund Freuds, zur ersten Generation von Autoren, die psychoanalytische Dramen verfassten. Ab morgen inszeniert Natalie Ortner Strindbergs „Totentanz“ im Auftrag von Jean-Paul Maes‘ Kaleidoskop-Theater in der ehemaligen Schuhfabrik Tetingen.

Tristes Eheleben

Im Mittelpunkt des 1901 veröffentlichten Dramas steht die Dreierkonstellation Edgar, Alice und Kurt, es geht um Machtverhältnisse. Die Ausgangssituation ist klar definiert: Edgar und Alice fristen mehr ihr Dasein in ihrem Haus auf einer kleinen Insel, als dass sie ihr Leben in vollen Zügen genießen.

Nach 25 Jahren Ehe reiben sich die beiden Partner tagtäglich aneinander, rauben sich förmlich gegenseitig die Luft zum Überleben in ihrem eigenen, kleinen Kosmos. Bis eines Tages ein Lebenselixier in Form des Gastes Kurt in die vier Wände des Paares einkehrt, eine Figur, an die Alice wie auch Edgar hohe Erwartungen stellen.

Die ganzen Sehnsüchte des Paares werden auf eine Person projiziert, eine Person, die dafür gar alles andere als geschaffen ist, so die Regisseurin. „Diese Figur zerbricht dann auch richtig, sie kippt“, erklärt Natalie Ortner. Im Zerbrechen dieser Figur liegt die eigentliche Dramatik des Stücks. Tragisch sei, so die junge Regisseurin, dass die Figuren, so destruktiv sie nach außen scheinen, sich in diesem eigenartigen Kosmos zuhause fühlen.

„Sie sind in ihrer Form so gefangen und können nicht ausbrechen, sie hassen sich unendlich.“ Das eigentlich Verrückte an der Situation ist, dass sie nicht voneinander loskommen, sie nicht in der Lage sind, aus ihrem Leben, das sie anwidert, auszubrechen.

Sehnsucht nach Akzeptanz

Als Kurt auf die Insel kommt, begehen Alice und Edgar den Fehler, den Gast an sich zu reißen. „Es ist die Sehnsucht, wichtig zu sein, geliebt und akzeptiert zu werden“, so Natalie Ortner. Edgar hat große Angst vor dem Verlassensein, Alice fürchtet, irgendwann nicht mehr als Frau wahrgenommen zu werden. Sie, die ehemalige, erfolgreiche Künstlerin klammert sich an ihrer glanzvollen Vergangenheit fest, die in ihrer Fantasie weiter existiert.

Kurt bringt die verloren geglaubte Außenwelt zurück auf die Insel, zurück ins Leben des Paares. Er biete, so Natalie Ortner, eine Projektionsfläche für die Sehnsüchte der beiden. Es kommt zu einem Dreierkampf; Kurt wird zum Spielball von Alice und Edgar, zu einer Opfergabe, die sich auf dem Opfer-Altar der verletzten Eitelkeiten zweier unnachgiebiger Figuren wiederfindet.

„Totentanz“ habe auch heute nichts ans Aktualität eingebüßt, erklärt Natalie Ortner ihre Begeisterung für das Strindberg-Drama. „Es passieren Dinge, die auch uns im Alltag widerfahren können.“