LUXEMBURGCHRISTINE MANDY

Kriegerin in Schaumstoffrüstung: „Warrior“ von Anne-Mareike Hess im neimënster

Die Lichter werden gedimmt, Anne-Mareike Hess betritt die Bühne. Sie trägt Alltagskleidung, T-Shirt und Leggings, wird weder begleitet von Musik, noch wird sie durch einen Scheinwerfer auffällig in den Mittelpunkt gestellt. Rein oberflächlich betrachtet ist es nicht der spektakuläre, aktionsgeladene Auftakt, den sich der Zuschauer bei einem Tanzstück, das mit „Warrior“ betitelt ist, erwartet.

Beeindruckende Raumpräsenz

Dieser Anschein trügt, denn die luxemburgische Tänzerin und Choreografin gehört zu den Künstlerinnen, die durch ihre Präsenz augenblicklich den gesamten Raum ausfüllen und den Zuschauer in ihren Bann ziehen. Gerade die Stille, erzeugt durch die allgemeine gespannte Erwartungshaltung, ist es, die Eindruck schindet - ein Beweis, dass die Ausstrahlung von Kraft nichts mit Pomp und Effekthascherei zu tun hat.

Erst danach greift Anne-Mareike Hess traditionelle Gesten und Riten auf, die der Vorbereitung eines Kampfes dienen. So nimmt sie mehrmals ein Fläschchen mit einer Flüssigkeit ein, vermutlich ein Stärkungstrank. Auch tiefes, geräuschvolles Ein- und Ausatmen gehört dazu. Hess setzt dabei ihren gesamten Körper ein, bläst ihre Wangen auf wie ein Eichhörnchen, das seinen gesamten Nahrungsvorrat für den Winter dort versteckt.

Kein äußerer Feind

„Gegen wen oder was wappnet sie sich nur?“, fragt man sich als Zuschauer. Ein Merkmal zeitgenössischen Tanzes ist die Multidisziplinarität und so beantwortet Hess diese Frage mittels Gesang. Mehrmals wiederholt sie: „My ennemy is my fear“. Nicht um den äußeren Kampf geht es also, sondern darum, innerlich gegen eigene Ängste, Selbstzweifel und Unsicherheiten anzugehen. Damit ist „Warrior“, nach „Synchronization in process“ (2016) und „Give me a reason to feel“ (2017), die bereits dritte Kreation, in der sich Hess mit Emotionen auseinandersetzt.

Machtvolle Weiblichkeit

Wer die Arte-Serie „move!“ mit der luxemburgischen Tänzerin Sylvia Camarda gesehen hat, wird einige Gesten aus der Folge „Macht“ wiedererkennen wie die erhobene Faust oder eine breite Beinstellung. Die Kampf- und Machtthematik sind demnach miteinander verzahnt. Wer in den Kampf zieht und ihn gewinnen möchte, erhebt immer auch Anspruch, Macht über seinen Feind und seine eigenen Schwächen zu gewinnen.

Viele der Bewegungen aus dem Machtrepertoire werden mit Männlichkeit assoziiert. Hess lässt sie in diesem Fall aber weiblich und anmutig erscheinen. Weiblichkeit selbst wird zelebriert und mit Stärke in Relation gesetzt. So ist es auch zu erklären, dass Hess für ihren Kampf nicht mit einer typischen Kampfausrüstung ausgestattet ist, sondern einer sehr femininen, leichten Schaumstoffkleidung in zarten Pastelltönen. Der weiße Mantel, den sie am Ende überstreift, wirkt so, als könne er zwar vor Kälte, nicht jedoch Gewehrkugeln schützen. Das unterstreicht abermals, dass der hier dargestellte Kampf primär ein innerer ist und nicht mit Gewalt ausgetragen wird.

Ambivalentes Bestreben?

In vielen Momenten wird Macht dargestellt, indem Hess tanzend den größtmöglichen Raum auf der Bühne einzunehmen versucht. Äußerst präzise führt sie, genau im Takt der Musik, schnelle, eckige Bewegungen durch. Zwischendurch aber lassen Wiederholungen, quälende Verlangsamung oder Überspitzung die Gesten grotesk oder ironisch erscheinen.

Das zeigt auf, dass der Versuch, zum „Krieger“ zu werden, zunächst nicht ganz gelingt. Fragilität und Stärke wechseln sich ab, die tiefe, regelmäßige Atmung wird von Husten unterlaufen. Spannung wird nun dadurch erzeugt, dass der Zuschauer bis zum Schluss nicht sicher sein kann, ob Kraft und Stärke die Oberhand gewinnen werden. Er kann sich darüber hinaus die Frage stellen, ob das überhaupt gelingen sollte und der Kampf nicht auch negativ konnotiert ist.

Das Stück lässt genug Freiraum, darüber zu reflektieren, eigene Antworten zu finden und die Thematik gedanklich auf aktuelle politische Ereignisse zu applizieren. Tanz ist, wie Musik, polysem, weist also ein großes, nicht eindeutiges Bedeutungsspektrum auf, das dem Zuschauer eine Eigenleistung abverlangt. Dieses Potenzial wird in „Warrior“ vollends ausgeschöpft. Gleichzeitig gelingt es, nicht zu viele Lücken zu lassen und genau so viel mit an die Hand zu geben, dass jeder sich etwas unter der tänzerischen Darbietung vorstellen kann.

Sieg des Guten

Am Ende scheint die positive Konnotation des Kampfes zu überwiegen. Hess erstrahlt in reinem, leuchtenden Weiß auf der Bühne und erklärt: „So I call to fight with love, open up my heart“.

Wenn der Versuch, zur Kriegerin zu werden, zumindest vorübergehend, gelingt, dann eben nicht, weil eine aggressiv-offensiv Haltung eingenommen wird, sondern die Liebe als finale Kampfstrategie gewählt wird. Durch sie gelingt es, sich von negativen und hinderlichen Emotionen zu befreien. Es geht gerade nicht darum, negative Dinge aus der Außenwelt abzuwehren. Stattdessen müssen die positiven empfangen werden.

Der dreiviertelstündige „Kampf“ kommt zum Abschluss und hat eine spürbare Intimität zwischen Tänzerin und Zuschauer geschaffen. Der anfangs individuelle Kampf wird zu einem gemeinsamen.

Nachdem das Stück am Wochenende im Kulturzentrum neimënster aufgeführt wurde, sind weitere Vorstellungen im Februar 2019 in Berlin und Göteborg sowie im März in Stockholm vorgesehen.Christine Mandy