WILTZ
CLAUDE MÜLLER

Genüssliches Abenteuerkonzert: Pol Belardi’s Force bei „Jazz am Hexenturm“ in Wiltz

Noch nie gab es so viele Musikgruppen in Luxemburg wie jetzt. Sowohl im Bereich der Popmusik - durch die große Anzahl neuer und schon eingesessener Bands konnte der altbewährte „Rock um Knuedler“ am letzten Sonntag ausschließlich mit Luxemburger Präsenz über die Bühne gehen - als auch in der Jazzszene, die dieses Jahr in Wiltz exklusiv für einheimische Ensembles reserviert war, die mit internationalen Kontakten und ernstzunehmenden Erfolgen auf Festivals und Kritiken in der ausländischen Fachpresse auf sich aufmerksam machen. In diesem Sinne konnte man nach dem Gastspiel von Maxime Bender und „Universal Sky“ auf den Auftritt von Pol Belardi’s „Force“ am letzten Donnerstag beim Freilichtfestival gespannt sein.

Kölner Gitarrist Khabirpour als Gast

Mit dem Kölner Gitarristen Riaz Khabirpour als Gast präsentierte die Band um den Bassisten und Komponisten Pol Belardi ihre rezente CD „Creation/Evolution“ mit verführerischer, leidenschaftlicher Aussage und vollkommener musikalischer Übereinstimmigkeit.

Keine prophetischen Töne und kein seichtes Loungeambiente, weder übertriebener elektronischer Firlefanz, noch modische Anlehnungen an schizophrene Weltmusik konnten den Genuss dieser authentischen Musik trüben. Und schon allein das Nichtvorhandensein dieser heute leider vermeintlich unentbehrlichen Randerscheinungen bei neuen Produktionen lässt das Konzept der spielfreudigen Band in die Liga der interessanten Bands mit Modellcharakter aufsteigen. Sicher sind Anlehnungen an konventionelle Schemata spürbar, aber die Philosophie dieser originellen Strukturen unterliegt gewiss nicht den Gesetzen des Marktes, der sich immer mehr auf das Unterhaltungsgeschäft konzentriert.

Sphärische Klänge, mystische Melodien

Dass diese Musik Geschichte vermittelt und Geschichten erzählen soll, erläuterte der Bandleader in sympathischem Smalltalk, ehe die Band mit „Prayer“ auf das abwechslungsreiche und spannungsgeladene Programm einstimmte. Sphärische Klänge, kombiniert mit mystischen aber bodenfesten Melodielinien charakterisieren den Charme des gut durchdachten Konzepts des Initiators Pol Belardi, der mit dem wunderbarem Sound seines E-Basses zeitweise an die Spielweise eines Steve Swallow erinnerte. Wichtiger Bestandteil der positiven Ausstrahlung seiner Kompositionen sind vor allem der tolerante fast intellektuelle Aufbau und die kontrastreiche, hör- und spürbare Abenteuerlust.

Zusammen mit Jérôme Klein an den Keyboards, der mit einigen markanten Soli im Vordergrund stand, und Niels Engel mit seinem feinnervigen Schlagzeugspiel bildete er eine eindrücklich dichte Rhythmussektion mit hochsensibler dynamischer Beweglichkeit.

Riaz Khabirpour unterstützte mit seinen technisch überzeugenden Geradeausimprovisationen die Integration der funky und fusionorientierten Momente der Combo, während die geschmeidigen, präzisen Phrasierungen und die lockere Ausdrucksweise des hervorragenden Altsaxofonisten David Fettmann für die jazzmäßigen Eindrücke des farbigen Klangbilds sorgten.

Souveräne musikalische Urbanität

Erfolgreiches Resultat dieser kompakten Form einer souveränen Urbanität war ein genüssliches Abenteuerkonzert, das keine neue Zukunftsmusik, aber ein originelles Remake einer bewährten, ehemals progressiven Richtung mit zeitgemäßem Make Up präsentierte.

Zum ersten Mal in der 66-jährigen Geschichte des Festivals hatten die neuen Organisatoren das Jazzgeschehen, das diesmal ausschließlich von Luxemburger Bands gewährleistet wurde, in den kleinen Hof rund um den „Hexenturm“ mit dem neuen „Food & Drinks Village“ verlegt. Was dieser Musik, die ja ursprünglich in kleinen Clubs groß geworden ist, eigentlich zugute kommen soll, ließ aber bei dem außerordentlichen Konzert von „Force“ eine berechtigte Frage aufkommen. Wäre es nicht sinnvoller und dienlicher sowohl für die Bands als auch für das „Nation Branding“, das ja in aller Munde ist, die einheimischen Musiker wieder, wie das früher der Fall war, im Vorprogramm international bekannter „Têtes d’affiche“ auftreten zu lassen? Was auf jeden Fall verhindern würde dass eine verdienstvolle Formation wie Pol Belardi’s Force ihr aufwendiges Programm vor nicht mal 100 Zuhörern präsentieren muss.