COLETTE MART

Während Luxemburg das Kriegsende vor 70 Jahren zelebrierte, blicken die deutschen Medien derzeit auf Deutschlands Stunde null im Frühling 1945 zurück. Sowohl in Spiel- als auch in Dokumentarfilmen wird versucht, einen historischen Moment der Zerstörung, der Niederlage und der Scham aufzuarbeiten, der bis heute nachklingt, da eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte im Nachkriegsdeutschland Jahrzehnte auf sich warten ließ. Sie fand allerdings statt, und zwar gründlicher als in vielen der früheren von Deutschland besetzten Gebiete, wo die Kollaboration mit dem Nazibesatzer oft bis heute ein Tabu geblieben ist.

Inwiefern ist die historische Epoche der Trümmerfrauen, der heimkehrenden Gefangenen oder Soldaten noch heute in der europäischen Geschichte von Bedeutung? Was hat Deutschland, und Europa allgemein, aus dieser Epoche gelernt, und welche Lektionen stehen immer noch aus? Die wichtigste politische Lektion, die aus Deutschlands Stunde null gezogen wurde, ist leider nicht die Erkenntnis, dass Frauen maßgeblich bei der Aufräumung der zerbombten Städte mitgeholfen haben, sondern jene, dass die früheren Machthaber sehr schnell wieder die Fäden in der Nachkriegsgesellschaft zogen; wer also die Fähigkeiten und die richtigen Vernetzungen zur Ausübung von Macht mit sich brachte, der konnte auch im Nachkriegsdeutschland 1945 wieder schnell führende Positionen bekleiden. Auch stellte sich heraus, dass angesichts der Anforderungen des Wiederaufbaus in Deutschland frühere NSDAP-Mitglieder gebraucht wurden, sowohl in der Verwaltung, als auch im Schulwesen und in der Justiz. Dies bedeutete, dass alle Gremien des Staates mit früheren Nazis durchwachsen waren, was dann auch in dem Film „Im Labyrinth des Schweigens“ von Giulio Ricciarelli interessanterweise dokumentiert wird. Eine neue Generation wuchs in Deutschland heran, ohne zu wissen, dass es Konzentrationslager gegeben hat, Akten verschwinden, Namenslisten von Tätern sind schwer aufzutreiben, Naziverbrecher sind geflohen und können unbehelligt weiterleben.

Die deutschen Frauen, die während des Krieges oft auf sich allein gestellt waren, von denen viele verwitwet zurück blieben, und die die Verbrechen der Männer in der Wehrmacht verdrängten, wurden in den sechziger Jahren wieder in eine Hausfrauenrolle zurückgedrängt, in der sie sich auf das deutsche Wirtschaftswunder und die daraus entstehenden materiellen Annehmlichkeiten konzentrieren sollten. Die unbewältigte Vergangenheit hinterließ jedoch ihre unterschwelligen Spuren, es kam Anfang der sechziger Jahre zu einem relativ spektakulären Auschwitz-Prozess, und schlussendlich, in den Siebzigern, zu Studentenrevolten und zur Gründung der Roten-Armee-Fraktion, die direkt darauf zurückzuführen ist, dass junge Menschen sich fragen mussten, warum ihre Eltern einem Hitler zugejubelt haben.

Der Funke der Studentenbewegung sprang auf andere Länder über, und brachte schlussendlich die europäische Gesellschaft entscheidend weiter. Sie wurde zu einem länderübergreifenden Einsatz der Jugend gegen Heuchelei und Verdrängung, promovierte die Emanzipation der Frauen, den Pazifismus, sowie ebenfalls die politische Bildung und die europäische Verständigung.

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