LUXEMBURG
BODO BOST

In Brasilien, dem zweiten Hotspot der Corona-Pandemie weltweit, sind auch die Nachkommen der Luxemburger Auswanderer von der Pandemie betroffen

Noch im Januar war mit dem Stadtrat Felipe Kuhn Braun (32) aus Novo Hamburgo einer der bekanntesten brasilianischen Luxemburger zu Besuch in der Großregion. Er konnte als Historiker und Genealoge vielen Brasilianern Luxemburger Herkunft helfen, ihre Luxemburger Vorfahren zu finden, was zur Erlangung der Luxemburger Staatsangehörigkeit Voraussetzung ist. Nachdem Kuhn Braun im März, nach sechs Wochen in Europa, nach Brasilien zurückgekehrt war, hat er, wie er jetzt berichtet, sich freiwillig einer Selbstisolation für zehn Tage unterzogen, weil zu dieser Zeit das Virus in Brasilien bereits ausgebrochen war.   
In Brasilien war das Corona-Virus zunächst im März in der Amazonasregion ausgebrochen und hatte sich dann sehr schnell über die großen Millionenstädte bis in den Süden des Landes ausgebreitet. Der Süden des Landes, wo jetzt ja Winter herrscht, gilt allerdings immer noch als die am wenigsten betroffene Region Brasiliens, das mittlerweile mit 100.000 Toten an zweiter Stelle der infizierten Länder weltweit steht. Das Bundesland Rio Grande do Sul weist den geringsten Corona-Index pro Hunderttausend Einwohner für ganz Brasilien aus. Der Fußball, Nationalsport Brasiliens, ruht immer noch im Lande des Zuckerhuts. Sogar das berühmte Fußballstadion Maracanã in Rio wurde zu einer Notklinik umfunktioniert. Mit zu der schnellen Verbreitung beigetragen hat auch die unverantwortliche Position des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro, der ähnlich wie US-Präsident Trump das Virus herunterspielt und immer noch von einer Grippe spricht und sich weigerte, einen Lockdown für ganz Brasilien zu verkünden.  Allerdings sind in Brasilien viele Bundesstaaten und vor allem Städte mit gutem Beispiel vorangegangen und haben regionale oder lokale Lockdowns verordnet, gegen den Willen der Zentralregierung. Mitte Juli wurde Staatspräsident Bolsonaro selbst mit Corona infiziert, aber weil er angeblich ein sehr guter Sportler war, habe er, nach eigener Auskunft, das Virus gut überstanden und hat Ende Juli bereits die Stadt Bagé im Zentrum von Rio Grande do Sul besucht, um dort ein Zentrum des sozialen Wohnungsbaus einzuweihen. Auch bei dieser Veranstaltung machte Bolsonaro wieder ein „Bad in der Menge“, was eigentlich zurzeit in diesem südlichsten Bundesland Brasiliens, wo auch viele Luxemburger leben, verboten ist.
Das Bundesland Rio Grande do Sul hat als erstes in ganz Brasilien ein Corona-Warnsystem mit Farben eingeführt. Die Corona-Rate von Rio Grande so Sul ist zwar die niedrigste ganz Brasiliens, aber auch hier liegen die täglichen Infektionszahlen von 1.300 und Todeszahlen von 30 weit über den derzeitigen Zahlen von Luxemburg. Der Winter, der dort zurzeit herrscht, könnte auch als Beschleuniger dienen.
Espirito Santo ist ein Hotspot der Pandemie in Brasilien
Winter ist es derzeit in Espirito Santo nicht. Espirito Santo hat einen weit höheren Anteil an der Pandemie als der Süden des Landes, hier liegen die Hotspots in Brasilien. Dieser Teil Brasiliens, 500 km nördlich von Rio, liegt im subtropischen Bereich des Landes. Zwischen 1857-59 kamen nach Auskunft des Nationalarchivs von Espirito Santo 93 Luxemburger aus der Mosel/Sauer-Gegend in dieses Gebiet. Die Siedler sollten vor allem das Bergland besiedeln und verkehrsmäßig erschließen. Diese Gegend hatte, obwohl sie bereits in den Tropen lag, wegen der Höhe noch ein gemäßigtes Klima und war der menschlichen Arbeit, vor allem für den Kaffeeanbau,  zuträglicher als die heißen Niederungen an der Küste. Hier liegt auch der Ort Luxemburgo, der einzige Ort in Brasilien, den die Luxemburger nach ihrer alten Heimat benannten. Hier hatte zusammen mit Minas Gerais auch einst die ARBED eines ihrer Zentren in Brasilien.
Der Ort Luxemburgo, 1858 von dem Moersdorfer Auswanderer Mathias Schaefer gegründet, gehört heute zur Gemeinde Santa Leopoldina. In der Gemeinde Santa Leopoldina, die etwa 12.000 Einwohner hat, haben sich bislang 172 Menschen mit dem Virus infiziert, sechs sind daran gestorben. Besonders betroffen ist die Siedlung  Barra de Mangaraí, ein Nachbarort von Luxemburgo. Hier hat die Gesundheitsverwaltung mobile Coronateams losgeschickt, die die Straßen und Häuser desinfizieren und auch mobile Coronatests durchführen. Die höchste Coronasterberate in Espirito Santo hat die Stadt Vila Velha, ein Vorort der Hauptstadt Vitoria. Von den 170.000 Einwohnern von Vila Velha sind bereits 400 an dem Virus gestorben. In Vila Velha lebt Sebastião Schaefer, ein Nachkomme von Mathias Schaefer aus Moersdorf, er hat vor einigen Jahren damit begonnen, die Luxemburger zu sammeln und Gesprächskreise und Arbeitsgruppen gebildet, die im letzten Jahr auch erstmals den Luxemburger Nationalfeiertag in Luxemburgo gefeiert hatten. In diesem Jahr war dies nicht möglich, immer noch gilt  in allen Regionen von Espirito Santo ein strenger Lockdown, mit Versammlungsverbot für Gruppen über vier Personen.
Besonders besorgt sind die brasilianischen Luxemburger wegen des ausgesetzten Flugverkehrs nach Europa, denn viele Luxemburger hätten es angesichts der Coronakrise, die in Brasilien ja eine seit Jahren andauernde wirtschaftliche und soziale Krise noch verschärft, jetzt vorgezogen ins Heimatland der Vorfahren zurückzukehren, deren Pässe schon viele haben. Auch Sebastião Schaefer plant mit seiner Familie im nächsten Jahr die Übersiedlung in die Heimat der Vorfahren. Viele, die die Luxemburger Nationalität noch nicht haben, waren allerdings erfreut, als die Luxemburger Regierung die Periode zur Unterzeichnung der „déclaration de recouvrement de la nationalité luxembourgeoise“ im Standesamt des „Bierger Center“ der Stadt Luxemburg bis zum 31. Dezember 2021 verlängert hat.

„Hospital Luxemburgo“ in Minas Gerais

Im Nachbarbundesstaat Minas Gerais leben zwar nur wenige Nachkommen Luxemburger Auswanderer. Hier war jedoch mit der „Belgo Mineira“ einst das Zentrum der Luxemburger Stahlindustrie in Brasilien. Seit 1986 gibt es hier in der Hauptstadt Belo Horizonte das „Hospital Luxemburgo“, das zum „Instituto Mário Penna“ der Universitätsklinik gehört. Auch diese Klinik, eigentlich eine der führenden Krebsklinken Brasiliens, ist jetzt zu einem Behandlungszentrum für  Coronapatienten geworden. Die Klinik ist Teil des einst sehr beachtlichen sozialen Engagements der Luxemburger Stahl-Pioniere, deren nachhaltiges Werk bis heute auch in der Coronakrise nachwirkt.