LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über die Imperfektion der Perfektion

Ob ich nie Probleme hätte, mir alle zwei Wochen wieder ein neues Thema einfallen zu lassen, werde ich häufig gefragt. Doch an den Einfällen mangelt es nicht. Die Ideen gehen den Menschen nicht aus. Das Problem besteht vielmehr darin, die eigenen Ideen weiterzuentwickeln, zu formen und umzusetzen. Es ist eine Herausforderung, sich jedes Mal wieder aufs Neue zu erfinden und sich selbst zu übertreffen. Das ist das eigentlich Anstrengende, der eigene Perfektionismus, also der Anspruch, aus der eigenen Idee das möglichst Beste zu machen.

Strenge Normen der Schriftsprache

Bei einem Text sind die Anforderungen besonders hoch und zahlreich, von der rein formalen Ästhetik über die Prägnanz bis hin zur Stilistik und grammatischen Korrektheit muss alles ein elaboriertes Gesamtbild ergeben. 

Was wir dabei oft außen vor lassen, ist der Inhalt selbst beziehungsweise die Aussage des Textes. Ich finde das sehr bedauerlich, dass jemand, der alle Kommaregeln kennt und ein paar Fremdwörter benutzt, die gut klingen aber kaum verstanden werden, bewundert wird, eine bedeutsame Botschaft, die nicht tausend Mal umwickelt und hinter schönen Worten versteckt wurde, jedoch kaum zu glänzen vermag. Wer brillieren will, muss nicht unbedingt viel zu sagen haben, er muss nur wissen, wie er es sagen muss, um möglichst gebildet zu wirken. 

Mit Sicherheit ist es wichtig, seine Worte mit Bedacht zu wählen, ich denke nur, dass das Augenmerk manchmal zu sehr auf die unwichtigen Dinge gerichtet ist. Das ließ sich beispielsweise auch in der Debatte um das Luxemburgische beobachten. Sprachkritik fungierte als Totschlagargument. Jemand, der sich für die Sprache einsetzen wollte, wurde oftmals zum Schweigen gebracht, indem auf seine Rechtschreibfehler verwiesen wurde, noch bevor er überhaupt ein Argument äußern konnte. Der Blick für die (sprachliche) Perfektion lenkt ab, zieht alle Aufmerksamkeit auf sich wie ein Magnet; alles andere tritt in den Hintergrund.

Experte statt Allgemeinbildung

Daraus ergibt sich, dass der Perfektion im Allgemeinen etwas Negatives anhaftet. Der Perfektionist fokussiert sich auf eine bestimmte Sache. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sich sein Blickfeld verkleinert, er wird blind für alles andere um ihn herum. Wie ein Fotoapparat im Makromodus. Vermeiden lässt sich das aber nicht. Wer brillieren möchte, wer sich von der Konkurrenz absetzen will, der muss sich mehr mit seiner Tätigkeit beschäftigen als jene und der muss es dabei in Kauf nehmen, andere Dinge zu vernachlässigen. Ich erlaube mir, an dieser Stelle kurz aus der deutschen Übersetzung von Umberto Ecos Nullnummer zu zitieren: „[…] wenn du siegen willst, musst du eins und nur dieses eine wissen und darfst keine Zeit damit verlieren, auch noch alles andere zu lernen, das Vergnügen der [wahren] Gelehrtheit ist den Verlierern vorbehalten. Je mehr einer Dinge weiß, desto mehr sind die Dinge bei ihm nicht zum Besten gelaufen.“

Immer nur an das Eine denken

Es hat nichts mit jugendlicher Rebellion zu tun, wenn ein junger Mensch - ich denke jetzt an jemanden, der noch zur Schule geht - sich vom Zeitaufwand, der mit schulischem Leistungsdruck und Hobbies einhergeht, erdrückt fühlt und behauptet: „Ech hu kee Liewe méi!“. Dahinter verbirgt sich nämlich durchaus etwas Wahres. Wer nicht den ganzen Tag trainiert, wird niemals ein guter Fußballspieler, wer nicht täglich mehrere Stunden am Stück übt, wird niemals ein guter Geiger. Mozart galt als Wunderkind, weil sein Leben von Kind auf durch Musik bestimmt war. Es reicht demnach nicht einmal, im Jetzt-Moment so viel zu üben wie nur möglich, sondern man sollte möglichst schon als Kind wissen, worin man einmal brillieren möchte, weil man andernfalls derart in den Rückstand gerät, dass man es niemals wieder wird aufholen können. Perfektion bedeutet, sein Leben nur einer einzigen Sache zu widmen, es sei denn, man ist ein Wunderkind.

Kuchenstücke

Wie könnte ich das kritisieren? Es ist menschlich, in etwas wirklich gut sein zu wollen und gut heißt per se auch: besser als andere. Aber wir sollten uns bewusst sein, dass wir uns gegen die Perfektion entscheiden können und ein anderes Dasein als das eines „Fachidioten“ haben können. Ich kann keinen Ratschlag erteilen oder beurteilen, was richtig ist und was nicht. Ich kann nur die Erkenntnis teilen, dass wir nicht alles haben können. Wenn wir die Perfektion wählen, verzichten wir auf andere Dinge, haben wir hingegen ein breites Interessengebiet und unterschiedliche Hobbies, dann entfernen wir uns immer weiter von dem Wunsch, in all diesen Dingen so gut wie möglich zu sein. Ein Bekannter von mir hat einmal die schöne Metapher benutzt, das Gehirn sei ein Kuchen, dessen Stücke man nach Gutdünken verteilen müsse. Ich finde, in dem Fall passt diese Beschreibung tatsächlich sehr gut. Auch wenn es letztlich wohl eher die Zeit ist, deren Umfang begrenzt ist, als die Kapazitäten unserer mentalen und physischen Fähigkeiten. 

Wer sich, wie ich, gegen diese Tatsache sträubt und versuchen will, alles zu haben, dem empfehle ich den Film „Limitless“, zu dem es mittlerweile auch eine gleichnamige Serie gibt. Dort kann man sich der Illusion hingeben, mit Hilfe einer Superpille mehrere Fähigkeiten zu perfektionieren - wobei selbst hier ein hoher Preis gezahlt werden muss.