BRÜSSELSOPHIE ROHRMEIER (DPA)/LJ

Leben im Brüsseler Europaviertel

Sarkozy hat schöne Mädchen. Junge Frauen aus Osteuropa. Er steht an der Theke einer Kneipe in Brüssel. Gestreiftes Polohemd, einfache Jeans. „Für Politik interessiere ich mich nicht“, sagt Sarkozy. Dabei lebt der Franzose von der Politik. Denn die Kneipe mit den schönen Kellnerinnen hinter der Theke gehört ihm. Das „Le Franklin“ liegt gegenüber der EU-Kommission, im Europaviertel. Sein Geschäft macht Sarkozy mit Journalisten und Lobbyisten, Verwaltern und Entscheidern. „Ich bin abhängig von Europa. Ich profitiere davon“, sagt Sarkozy. Louis Sarkozy. Von seinem französischen Namensvetter Nicolas wird noch die Rede sein.

„Die arbeiten nicht für die EU. Die sehen arm aus“

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Sie übt einen Sog aus, verspricht Freiheit, Frieden, Wohlstand. Trotz des Griechenland-Dramas. Von sechs auf 28 Länder ist sie angeschwollen. Das schwemmt immer mehr Menschen nach Brüssel. Mehr als 44.000 Mitarbeiter haben die Kommission, das Parlament und der Rat der EU. Ohne Abgeordnete und deren Mitarbeiter, ohne Lobbyisten und Anwälte. All diese Menschen geben in der Stadt ihr Geld aus, besonders im Quartier Européen. An dessen äußerstem Rand führt Louis Sarkozy seit 27 Jahren das „Le Franklin“. Eine Minute entfernt vom wuchtigen Monument der EU: der Kommission. An ihren Fassaden unzählige Blenden, wie Rasiermesser. 240.000 Quadratmeter, 16 Stockwerke erheben sich als massive Wand, stellen sich jedem in den Blick, der aus den Straßen auf sie zuläuft.

Am Sockel des Monuments also hat Louis Sarkozy sich niedergelassen. In einem schmalen Art-Déco-Eckhaus am äußersten Rand des Quartiers. Gedrungen steht es an der Front der Straßenkreuzung. Scheckig, dreckig-weiß der Anstrich. Sarkozy erkennt die Kommissionsleute, wenn sie seine Kneipe betreten. Und er erkennt die anderen. „Die da“, sagt er und nickt hinüber zu zwei jungen Männern in Funktionsjacken mit dem kantigen Haarschnitt der Straßenjugend, „die arbeiten nicht für die EU. Die sehen arm aus.“ Seine Schultern hat Sarkozy immer nach oben gezogen, auch wenn er Fußball schaut im Kneipen-Fernseher. Die Haare grau wie der Bart. Eher Bär statt Boss.

Aber er trägt den Nachnamen des einstigen Präsidenten Frankreichs. „Ich habe ihm mal geschrieben, um zu fragen, ob wir aus der gleichen Familie stammen“, sagt Louis Sarkozy. Er hat den Familiennamen nicht von der französischen Mutter, sondern vom Vater. Der war Ungar, wie der Vater von Nicolas Sarkozy. Eine Antwort aus Paris kam nie.

Gemeinsam trinken

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Aber wenn Touristen nach Brüssel kommen, in die Hauptstadt der EU, sehen sie nicht die Assemblée Nationale von Paris, nicht das Weiße Haus von Washington, nicht den Berliner Reichstag. Sie sehen die Kommission, den Glas- und Stahlkoloss mit dem Namen Berlaymont. Spottname: „Berlaymonster“.

Abends treibt es die Anzugträger und Frauen im Business-Dress aus der Kommission in die Kneipen des Europaviertels. Vor allem ins Irish Pub „Kitty O’Shea’s“, zum After-Work-Drink und Netzwerken. Smart. Lässig. So sehr zwei Guinness mit Kollegen das eben zulassen. Graue Gruppen zwischen Möbeln aus dunklem Holz. Damit kann Sarkozy nicht mithalten. Seine Theke ist schwarz lackiert. Seine Sitzbank ist mit grünem Plastik überzogen. In der Ecke steht ein Spielautomat. Hierher kommen auch Menschen, die allein trinken.

Jan Hermans trinkt selten allein. „Ich liebe meinen Job, verdammt noch mal“, sagt der Fruchtsaftlobbyist. Er sitzt an der Theke im „Le Franklin“ und trinkt Wodka Red Bull. Dunkelblaues Sakko mit Goldknöpfen, helle Bügelfaltenhose. Hermans wohnt um die Ecke und zieht jeden Abend durch die Kneipen, er zeigt sich. 63 Jahre ist er alt. Früher war er Lobbyist für die Milchbranche. Heute versucht er, die Kommission auf seine Saft-Linie zu bringen. „Wer etwas gegen Europa hat, ist ein verdammter Idiot. Das könnten Arschlöcher sein, Betrunkene, irgendwer.“ So sieht es Hermans und nimmt einen Schluck Wodka. Die EU bringt Reisefreiheit. Und den Gewinn für die Läden im Viertel. Für einen griechischen Salat kann ein Bistro hier schließlich schon mal 18,20 Euro nehmen. Onkar Shergill fühlt sich nicht wie ein Gewinner. Nur ein paar Schritte entfernt von Sarkozys Kneipe steht der Inder in seinem vollgestopften Eckladen, die Arme auf seine kleine Kühltruhe gestützt. „Je mehr EU-Leute kommen, desto mehr Kunden verliere ich“, sagt Shergill. Er blickt durch die offene Ladentür auf die Straße.

„Wunderbare Mädchen“

Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Viele laufen an Shergills Minimarkt vorbei auf dem Weg zu den EU-Gebäuden. Sie laufen vorbei. Zu den großen Kühlregalen moderner Supermärkte. Deren Zahl wächst. Für alle, die nach langen Bürotagen portioniertes Gemüse suchen oder es nur sonntags zum Einkaufen schaffen. In Brüssel geben viele mit hohem Gehalt und hohen Ansprüchen ihr Geld aus. Als Dienstreisende - oder wohlhabende Expatriates, die aus dem Ausland kommen und länger hier wohnen. Das macht vieles teurer.

Brüsseler Mieten sind immer noch niedriger als in Paris oder London. Aber zwischen 2004 und 2013 sind sie um ein Fünftel gestiegen. Die Expats sind ein Grund dafür. Die Mietbehörde nennt das die „Internationalisierung Brüssels“. Der Bezirk Woluwe-Saint-Pierre ist der teuerste der Stadt. Für Sarkozy ist auch das Quartier Européen ein Luxusviertel.

Louis Sarkozy ist schon eine Institution. Er liebt es, dass der Sog der EU ihm Gäste bringt aus aller Welt. Manchmal wichtige Gäste. Einmal war Herman van Rompuy bei ihm, der frühere belgische Premier und Präsident des Europäischen Rats. Er ließ ein Foto von sich machen, mit einer Kellnerin. „Das gehört sich nicht, so ein alter Mann“, sagt Sarkozy. Das Bild hängt an der Pinnwand neben der Theke.

Es wird bis Dezember dort hängen. Dann wird Louis Sarkozy es abnehmen. Denn zum Jahresende muss er das „Le Franklin“ schließen. Der Hausbesitzer will den alten Mietvertrag nicht verlängern. Die Europäische Union wächst, sie baut aus, sie stockt auf. Aber Sarkozy will bleiben, woanders im Viertel wieder öffnen. Er hat ja Stammkunden. „Und wunderbare Mädchen.“