CLAUDE KARGER

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Theresa May das Handtuch werfen würde. Die britische Premierministerin, die ihr Land zum geordneten Brexit führen wollte, hat schon lange die Kontrolle über die Ereignisse verloren. Die gescheiterten Gespräche mit der „Labour“-Opposition haben ihr auch die letzte Option genommen, eine parlamentarische Mehrheit für ihren Austrittsplan zu bekommen, den sie tatsächlich noch ein viertes Mal zur Abstimmung bringen wollte - am Ende versprach sie sogar noch ein Votum über ein zweites Referendum, um Corbyns Leute doch noch ins Boot zu bewegen. Da schrumpfte der schon dünne Rückhalt aus den eigenen Tory-Reihen noch ein Stück. May, der man nicht vorwerfen kann, nicht mit Ausdauer und Leidenschaft für einen guten Ausweg ihres Landes aus der brenzligen Lage gekämpft zu haben, in die es ihr Vorgänger David Cameron durch politische Pokerspielchen gebracht hat.

Die Chefin geht in Tränen. Es sind Tränen der Erschöpfung, der Enttäuschung, der Wut aber natürlich auch des Bedauerns „the country that I love“ nun Kräften zu überlassen, die es weiter spalten werden. Männer wie Boris Johnson brachten sich gestern bereits ins Gespräch.

Er war einer der Fahnenträger der „Brexiteers“, die einst mit einer unsäglichen Anti-EU-Kampagne das Referendum beeinflussten und wurde dann von der Tory-Chefin eine Weile mit dem Chefdiplomatenposten ruhig gestellt. Dass dem unberechenbaren Wuschelkopf das nicht reichte, ließ er schon oft durchblicken. Den Außenminister schmiss er hin und sägte fortan langsam an Mays Stuhl.... Die „Hardliner“, die Cameron einst in Schach halten wollte, haben nun die besten Chancen auf den Tory-Vorsitz.

Damit ist das Risiko für einen ungeordneten Brexit definitiv gestiegen. Schwierig, einen neuen Deal zu erreichen, mit Leuten, die nicht an Kompromissen interessiert sind. Die EU hat gestern schon mal Neuverhandlungen ausgeschlossen. Und es ist zum jetzigen Zeitpunkt schwer vorauszusehen, welche Strategie eine neue Tory-Regierung in der Causa Brexit fahren wird. Wenn es eine solche Regierung künftig überhaupt noch gibt. Vergessen wird nicht, dass nur die Koalition mit der kleinen nordirischen DUP May 2017 überhaupt ermöglichte, im Sattel zu bleiben. Kann sein, dass das zu erwartende Debakel für die Konservativen bei den Europawahlen das dünne Eis, auf dem sie regieren, noch weiter abschmelzen lässt. Dass das austrittswillige Großbritannien noch Europawahlen abhalten muss - bei denen Ober-Europaskeptiker Nigel Farage offenbar den großen Reibach machen dürfte - ist schon äußerst skurril. Spannend wird, wie die Hunderttausenden wählen werden, die in den letzten Monaten gegen den Brexit auf die Straße gegangen sind.

Können die „Hardliner“ ignorieren, wenn pro-europäische Kräfte die Oberhand bekommen?

Aber es werden vor allem die innerbritischen Machtspiele sein, die bestimmen, ob die geordnete Scheidung bis zum 31. Oktober drin sein wird. Ein „softes“ Ende des tränenreichen Brexit-Dramas, auf dessen Grundlage eine neue Beziehung aufgebaut werden könnte, wäre sowohl der EU als auch Großbritannien zu wünschen. Aber alles hängt weiterhin in der Luft.