Vor 14 Tagen konnte man allgemein feststellen, dass die in Luxemburg anwesenden Deutschen plötzlich von einer sichtlichen Unruhe gepackt wurden. Die „tapfersten“ von ihnen schnürten gleich ihr Bündel und zogen ab. Die anderen bereiteten ihre Abreise vor. Die überstürzte Flucht der Zivilverwaltung in der Nacht zum 1. September war dann das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Mit ihr verließ das Gros der Nazis das Land“, berichtete das „Luxemburger Wort“ in seiner Ausgabe vom 13. September 1944.
Die Nazis kamen zurück
Schon am 28. August - drei Tage nach der Einnahme Paris durch die Alliierten, ein Sieg von enormer psychologischer Wirkung - hatte der „Chef der Zivilverwaltung“, Gustav Simon, den Deutschen in Luxemburg befohlen, sich auf einen Abzug vorzubereiten. In den Tagen danach flohen rund 10.000 Deutsche und Kollaborateure in Richtung Trier. „Die Luxemburger sahen sich in einer besonderen Situation“, analysiert der Historiker Steve Kayser, der Direktor des „Centre de documentation et de recherche sur l‘enrôlement forcé“ und Koordinator der Gedenkzeremonien im „von heute auf morgen waren ihre Unterdrücker abgezogen, ohne dass garantiert war, dass das so bleibt und vor allem ohne die Anwesenheit alliierter Kräfte“. Schon jubeln oder erstmal abwarten?
Ein Gefühl der Unsicherheit lastete auf der Bevölkerung. Das öffentliche Leben war wie gelähmt: Kein öffentlicher Transport, keine Schule, viele Stromunterbrechungen. Nach vier Jahren und vier Monaten unter dem Nazi-Joch - der Terror ging nahezu bis zum Schluss weiter - war die Hoffnung auf ein Ende des Leidens immens. Doch zu früh brach der Jubel in manchen Gemeinden aus, zu früh wagten sich Wehrdienstverweigerer aus ihren Verstecken.
Massaker in Düdelingen
Die Düdelinger sollten in aller Härte zu spüren bekommen, dass die Nazi-Bedrohung immer noch da war. Als sich die Leute am 2. September beim Stadthaus versammelt hatten, in freudiger Erwartung der Ankunft amerikanischer Truppen, tauchte eine Waffen-SS-Einheit auf und feuerte in die Menge - sechs Düdelinger, darunter ein Kind, kamen um, vier wurden gen Osten deportiert und sahen ihre Heimat nie wieder. Als Gauleiter Simon und seine Helfer am 3. September wieder im „Arbed“-Gebäude auftauchten - wohin sie zurück beordert worden waren - war das Durcheinander komplett. Doch die Nazis sollten noch knapp eine Woche durchhalten und mit aller Brutalität gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Endlich, am 9. September 1944, setzten die Amerikaner über die luxemburgisch-belgische Grenze in Petingen, wo sie gleich in Kämpfe verwickelt wurden, bei denen der GI Hyman Josefson sein Leben ließ - er war der erste Befreier der auf luxemburgischem Territorium fiel. Unter den US-Truppen, an der Seite von General Lunsford E. Oliver befand sich auch der Gatte der Großherzogin, Prinz Félix. „Um 15.00 an diesem Tag sollte dieser nach langen Jahren im Exil wieder erstmals ein Bier in Luxemburg genießen können, angeboten von einem Gaststättenbetreiber in Bascharage“, erzählt Steve Kayser.
Panzerkampf zwischen Dippach und Bartringen
Doch der Vorstoß in Richtung Hauptstadt verlief nicht unproblematisch: Zwischen Dippach und Bartringen kam es zu Kämpfen, ein halbes Dutzend deutsche Panzer stellten sich der „5th Armored Division“ in den Weg. Endlich aber, am darauf folgenden Morgen fuhren die US-Truppen in die Hauptstadt ein. „Géint 9 Auer huet et e bêmol geheescht an der Lonkescher Stross geheescht: Se sinn do, des Keier ass et sécher“, berichtete das „Wort“ am 11. September 1944, „scho fueren déi éischt 6 Panzerspähween verbei, op dem éischten fir drop flattert de Lëtzebuerger Fuendel. D’Leit können hiren An net trauen. Mais et ass net méi drun ze zweifelen: D’Amerikaner sinn do“. Um 10.30 zeigt sich Prinz Felix zusammen mit General Oliver und dem Bürgermeister Gaston Diederich auf dem Balkon des „Cercle Municipal“. Am Nachmittag stößt Erbgroßherzog Jean zu seinem Vater und zieht unter Jubelgeschrei durch die Straßen bis zum Stadthaus. In den darauf folgenden Tagen breiteten sich die US-Kräfte in den anderen Regionen des Landes aus; die Absicherung der Flusstäler und der Brücken war oberstes Gebot. Abgesichert werden konnte am 11. September der Radiosender in Junglinster.
Bei Stolzemburg setzen erstmals US-Truppen nach Deutschland über
Am gleichen Tag noch setzten US-Soldaten bei Stolzemburg über die Our: Es war das erste Mal, dass alliierte Truppen den Fuß auf deutsches Gebiet setzten. Doch der Krieg sollte noch fast acht Monate dauern, der Weg Luxemburgs in die Freiheit noch lang sein. Am 14. September hatte sich entlang von Our, Sauer und Mosel eine Front aufgebaut, hatten sich deutsche Kräfte hinter der so genannten Siegfried-Linie versammelt. Am 16. Dezember holten sie zur Gegenoffensive in den Ardennen aus. Die mörderische „Battle of the Bulge“ sollte sich erst im Januar 1945 entscheiden. „Die zweite Phase der Befreiung begann“, so Steve Kayser, „die Evakuierung der Bevölkerung aus den Grenzgebieten mit Deutschland war für viele eine schmerzhafte Erfahrung. Viele sahen ihre oft völlig zerstörten Häuser erst im Frühjahr 1945 wieder“. Am 23. September 1944 kehrte die Luxemburger Regierung aus dem Exil zurück, versuchte wieder die Verwaltung und vor allem die öffentliche Sicherheit in Gang zu bekommen.
Dem Leiden kein Ende
Aber der Krieg sollte noch lange weiter an zahlreichen Zeitgenossen nagen, auch in den befreiten Gebieten: Die Sorge war groß um die Angehörigen, die die Deutschen in Militär- und Arbeitsdienst oder zur Umsiedelung gezwungen hatten. Noch Mitte Juli waren 1.200 Luxemburger für den Arbeitsdienst im Reich verpflichtet worden; die Deutschen ließen sie nicht heimkehren, integrierten sie stattdessen im November in die Wehrmacht. Viele mussten ihr Leben an der Front lassen, in Konzentrationslagern und in Gefängnissen. Am 16. und 20. September 1944 etwa starben 16 Kriegsdienstverweigerer und Deserteure im Kugelhagel im Gefängnis von Diez an der Lahn. Das Leiden sollte also noch viele Monate, ja noch Jahre dauern.


