LUXEMBURG
DANIEL OLY

Der Schrecken des Grabenkriegs wird in „Verdun“ digitalisiert

Das Donnern von Trommelfeuer in der Ferne, nur wenige Meter vor mir schlagen Mörsergranaten ein. Matsch spritzt auf. Ohrenbetäubender Lärm, einzig übertönt von den Gewehrsalven und dem Knattern der Maschinengewehre. Ein kurzer Blick über die Grabenlinie muss mir als Gewissheit reichen: Zwischen dem Stacheldraht und den Bombenkratern lauert der Feind. Der schrille Ton der Trillerpfeife kündet von der nächsten Menschenwelle, die vom Niemandsland herüberschwemmt. Lautes Gebrüll, Handgranaten fliegen, Flüche werden ausgestoßen und eher als mir lieb ist, stecke ich in einem blutigen Handgemenge. Erste beklemmende Minuten zeigen: So beeindruckend und Furcht einflößend wie das Indiespiel „Verdun“ ist momentan kaum ein anderer (Team-) Shooter.

Untheatralische Teamarbeit

Einer der Gründe dafür dürfte sein, dass „Verdun“ ohne den für das Genre übliche überspielten Pathos auskommt: Actionreiche, schnelle Kämpfe sucht man vergebens, schon die kleinste Verletzung kann tödlich enden und der größte Feind ist oft der Stacheldraht. Knallharte Schützengrabenrealität also - fehlt eigentlich nur, dass man in Feuerpausen auf Ratten- und Läusejagd gehen muss. Dumm nur, dass es an sich keine Pausen gibt: Aufgabe im Spiel ist es nämlich, jeweils den eigenen Graben lange genug zu verteidigen und, sofern erfolgreich, zum Sturmangriff auf den feindlichen Graben zu blasen. Da gilt es, allen Mut zusammen zu nehmen und sich auf den Feind zu werfen. Aber: Den Helden spielen kann man nicht, blindes Voranstürmen allein führt oft nur ins Verderben.

Dafür arbeitet man in Vierertrupps, mitsamt klarer Rollenverteilung als Schütze, Grenadier oder Unteroffizier. Zur Auswahl stehen (bislang) nur Frontschweine und die leichte Infanterie, die sich dafür dementsprechend unterschiedlich spielen. Enge Zusammenarbeit ist wichtig, denn ohne Hilfe seiner Soldaten könnte etwa der Offizier kaum länger als einige Sekunden überleben. Im Umkehrschluss gönnt er seinen Mannschaftsmitgliedern einen Kampfbonus, solange sie sich in seiner Nähe befinden. Und so ein Schützengraben stürmt sich schließlich nicht alleine: Wie bei anderen King-of-the-Hill-Spielsystemen gilt es auch hier, möglichst viele Spieler der eigenen Mannschaft im Graben zu haben, um ihn zu erobern.

Auch von der Präsentationsseite braucht sich „Verdun“ schon jetzt nicht zu verstecken: Die liebevoll gestalteten Karten, Spieler- oder Waffenmodelle sind auf der Höhe der Zeit, die Soundkulisse gut. Ein paar kleinere Sound- und Grafikprobleme lassen aber noch erkennen, dass sich der Titel immer noch in der fortwährenden Entwicklung befindet. Wöchentliche und fast schon tägliche Updates lassen aber immer wieder Fortschritt erkennen. Ein gelungener Einstand auf der großen Bühne für die kleinen niederländischen Entwicklerstudios Blackmill Games und M2H Game Studios also? Es fehlen zwar noch einige Features wie Senfgas (Gottseidank!), eine brauchbare Übersetzung oder mehrere Fraktionen - spielbar sind bislang „nur“ Frankreich und Deutschland - funktionieren tut das Spiel aber trotzdem schon. Demnach ist es nicht nur für Freunde jüngerer Kriegsgeschichte einen Blick wert.