LUXEMBURG
LJ

Jubiläumsausgabe der Lesbar

Die luxemburgische Poetry-Slammerin und Schriftstellerin Paule Daro (21) studiert Indologie an der Universität Leipzig und arbeitet freiberuflich als Yogalehrerin, Performance-Künstlerin und Leiterin kreativer Workshops. 2015 erschien ihr Debütroman „Angesichts des Schwarzen Lochs“ bei den Editions Phi.

Lëtzebuerger Journal

Ich könnte euch

meinen ungewöhnlichen,

französischen Namen nennen

Meine Körpergröße,

meine Schulnoten, mein Gewicht

Es gab Zeiten, da habe ich mich über Zahlen definiert

Ich könnte euch sagen,

wer ich einmal war

Aber dann komme ich selbst

nicht mehr klar

Und weiß nicht mehr, welche Version von mir nun die richtige war

 

Ich bin so viel mehr...

als meine Vergangenheit

Ich bin Langzeit-Gänsehaut

und Zärtlichkeit

Ich bin der Kuss

Den du mir gibst

Die Schluss-

Zeile meines Lieblingsgedichts

Ich bin ein Wunsch

Und wenn ich mich auflöse,

bin ich Freude

Ich bin reich

In mir drin

Ich wünschte, ich wär „die Eine“

Für dich

Aber ich weiß nicht

Ob es jemanden gibt

Der sich in mein Wesen einfügt

Ich bin scharfkantig

und voller Manien

Ich wünschte, ich würde mich nicht so gerne ausziehen

Ich bin der Erzähler

Meiner eigenen Fehler

Bin ein romantisches Rendezvous... mit mir selbst

 

Ich bin ausgezeichnet... besessen

Und störrisch, mehr als nur

ein bisschen

Habe ein großes Talent dafür,

Luftschlösser zu errichten

Und Träume zu verfolgen, die man eher Verrücktheiten nennen sollte

Ich bin die, die sich dann auch noch alles traut, was sie sich ausdenkt

Und sich dementsprechend oft das Herz ausrenkt

Ich bin eine Piratenbraut

Eine Wikingerfrau

Eine Fantasiererin und stolz drauf

Ich bin ein unkontrolliert drehender Kreisel

Meine Kreativität ist nicht linear

Ich lese zwei bis fünf Bücher auf einmal

Ich bin ein hoffnungsloser Fall

Bin ein unaufhaltsamer

Wörterschwall

Ich bin mehr als du an meiner äußeren Hülle siehst

I´m a wild and beautiful beast

Je suis le changement

Tout le temps

Ich bin unfertig

Ich bin ein Muster, das ihr nicht erkennt, und deswegen Chaos nennt

Ich bin

Alles

Ist möglich, wenn

du bloß aufhörst,

dich einzuschränken

Durch dein Denken

Ein Baum denkt nicht nach,

wie groß und hoch er wachsen darf, er wächst jeden Tag

ein kleines Stück

Ein Baum denkt nicht nach,

oder das Wachsen missglückt

 

Ich bin... Was ich bin, kann man nicht ausdrücken

Ich bin schön, auch ohne mich zu schmücken

Auch ohne Make-Up bin ich

ausschweifender als die meisten

Ich bin gut, auch ohne etwas

zu leisten

Ich bin das Postkartengefühl

Ich bin oft ein bisschen zu ehrlich

Ich bin die mit dem Studienwunsch: so weit weg wie möglich

Ich bin der Traum Lebenskünstlerin zu werden, irgendetwas –

aber groß

Ich zu sein, das ist das große Los

 

Ich bin ein seltsam seltenes Wesen

Bin federleicht, aber schwer

zu begreifen

Ich bin ein seichter Teich und ein bodenlos endloser Ozean

Erst seht ihr in mich hinein

Dann bin ich dunkel, unbegreiflich und geheim

 

Ich bin die Stille,

bevor die Welle bricht

Ich bin nicht

Die Traurigkeit

Ich bin traurig, manchmal,

aber ich bin nicht die Traurigkeit

Ich bin kein Abdruck meiner Eltern

Ich bin selten

Ich bin nicht

Was ich mit meinem Kopf

und Körper herumtrage

Bin weit mehr als ich

durch Worte sage

Je tiefer ich in mich hineinwandere

Desto mehr seh ich, ich bin leer

Ich bin mehr

Ich gebe mir Mühe

die Gedankenmüllhalde

in meinen Kopf zu entleeren

Mich gegen die Glaubenssätze

zu wehren

Die sagen, ich sei nichts wert

Ich will nur denken,

was mich positiv nährt

 

Wer bin ich?

 

Ich bin nicht von dir getrennt

Ich bin komplett und perfekt

Ich bin frei

Umarmt

Beschenkt

Geliebt

Beschützt

So heile ich mich selbst

 

Ich bin Liebe

Bin alle Menschen, die ich liebe und je geliebt habe, ich trage sie in mir

Meine Mom, die mich liebt, auf die Art und Weise, wie sie es versteht

Mein Vater, der nicht immer da war, aber er war es

Die zarte, begabte Lea, die es manchmal schwer hatte neben einer wild werdenden Frau wie mir

Die laut lachende Mara, die alles gewagt hat: Ob Punk oder Zirkus

 

Ich bin Millionärin...der Liebe

Ich brauche nicht mehr, um die innere Angst zu besiegen

Ich bin nicht verliebt

Die Liebe ist in mir

Ich bin mehr als

nur Individuumspoesie

Denn durch diese Worte bin ich verbunden mit dir

 

Wer bin ich?

Ist eine Frage, die sich selbst zerstört

Je öfter man sie stellt

 

Wer bin ich?

Wer bin ich?

Wer bin ich?

 

Was bleibt ist...

 

Der Geschmack

des am-Leben-Seins

Das Gefühl: Ich bin eins

Mit mir selbst im Reinen

Nicht allein

Leuchtend

Mich freuend

 

Bis ICH verschwinde

Was bleibt ist die Stille.       

Lëtzebuerger Journal

Bernhard Hennen                         

Die Elfen

Als Mandred Torgridson auf der Flucht vor einem dämonischen Wesen in die Albenmark gelangt, kann er kaum glauben, was er sieht: fabelhafte Tierwesen, magische Bäume und Elfen. Die Legenden seiner Ahnen sind also wahr. Mandred ergreift die Gelegenheit beim Schopf und bittet die Elfenkönigin um Hilfe gegen den Dämon, diese verlangt als Lohn den erstgeborenen Sohn Mandreds. Mit diesem Handel beginnt eine lange Reise, die das Schicksal aller Völker dramatisch verändern wird. Nach Stan Nicholls und Markus Heitz versucht auch Bernard Hennen sich an einem Roman über eine phantastische Vielvölkerwelt, in der Elfen eine wichtige Rolle spielen. Aber es gibt hier noch viele weitere magische Wesen – so viele, dass dem Leser zuweilen der Überblick verloren geht. Hinzu kommt, dass der Autor sich nicht mit Anleihen bei germanischen und nordischen Mythologien begnügt. Er verknüpft diese noch mit diversen Elementen aus den Sagenwelten anderer Kulturen. Wer Fantasy mag, Komplexität nicht scheut und auf Zeitreisen den Kopf nicht verliert, der sollte sich von Bernhard Hennen in ein faszinierendes Universum entführen lassen. Ich jedenfalls konnte auch die zahlreichen Fortsetzungen und Spin-offs dieses Fantasyromans nicht schnell genug verschlingen, um endlich mehr über die im ersten Teil nur angeschnittenen, hochspannenden Geschehnisse zu erfahren. (Von Luc, 19 Jahre, Lycée Michel Lucius)

 Heyne Verlag | 1.040 Seiten | 15,99 Euro

Marc-Uwe Kling                             

Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat

Internet? Das war mal. Die Oma hat es aus Versehen kaputt gemacht. Nun ist die ganze Welt vom Netz. Leider, denn bis jetzt hatten alle eine Beschäftigung: Max spielte Handyspiele und verschickte Nachrichten, Opa schaute Leuten online beim Angeln zu und Luisa hörte Musik. Nur Tiffany ist nicht traurig, dass das Internet kaputt ist, da sie ohnehin lieber Puzzle legt. Plötzlich klingelt es an der Tür: Es ist ein Pizzajunge, der sich verfahren hat, weil seine Navi-App nicht mehr geht, und der jetzt nicht weiß, was er mit seinen Pizzen machen soll. Die Familie beschließt, die Pizzen gemeinsam mit dem Jungen zu essen. Danach schlägt die Mutter vor, dass sie Geschichten erfinden, wie die Oma das Internet kaputt gemacht hat. Tiffany freut sich, dass sie endlich was zusammen machen. Beim Geschichtenerfinden kommen die Familienmitglieder auf die verrücktesten Ideen. Mir persönlich hat die von Opa am besten gefallen. Ich finde das Kinderbuch von Marc-Uwe Kling echt spannend, und dass die Oma sich nicht so richtig um sich selbst kümmern kann, ist schon ziemlich witzig. Es ist einfach eine perfekte Geschichte.

(Von Maria, 9 Jahre, Grundschule Lorentzweiler)

Carlsen | 72 Seiten | 12 Euro

Erin Hunter

Warrior Cats: In die Wildnis

Ich empfehle den ersten Teil der Fantasy-Romanserie „Warrior Cats“, die mehr als 30 Bände umfasst und von vier britischen Autorinnen unter dem gemeinsamen Pseudonym Erin Hunter geschrieben wurde. In die Wildnis, so der Titel von Band 1, handelt von einem feuerroten Hauskätzchen namens Sammy, das mit seinen menschlichen Besitzern an einem Waldrand lebt und sich nach Freiheit und der großen weiten Welt sehnt. Nach einem Zusammenstoß mit Wildkatzen beschließt Sammy seinen Zweibeinern davonzulaufen, um mit dem Donnerclan, einem von vier Katzenclans, im Wald zu leben. Schon bald wird der Stubentiger festsellen, dass das Leben in der Wildnis nicht ganz so einfach ist, wie er es sich vorgestellt hat. Denn er muss gegen die anderen Clans, Streuner und Hauskatzen, aber auch gegen Verräter in seiner eigenen Gruppe kämpfen. Und es wird immer gefährlicher. Ein Kritikpunkt wäre vielleicht, dass das Buch ein paar Längen hat, aber die werden durch die vielen abenteuerlichen Momente wieder wettgemacht. „In die Wildnis“ hat den Grundstein für etliche fantastische Romane gelegt, die vielleicht noch einen Tick besser geschrieben sind. Alles in allem aber stellt dieser Band einen sehr gelungener Start in eine lesenswerte Reihe dar.

(Von Viljami, 12 Jahre, Grundschule Lorentzweiler)

Beltz & Gelberg | 303 Seiten | 8,95 Euro

Lëtzebuerger Journal

Jerome David Salinger

The Catcher in the Rye

The Catcher in the Rye” is J. D. Salinger’s only published novel. Released in 1951 after a decade-long gestation period, it grew into one of the most important and commercially successful works of American literature.

I was sixteen when I read it for the first time. I didn’t understand much of the 1950ies youth slang, and the plot left me bewildered. It was just about some teenager getting kicked out of school, walking around New York and thinking about ducks. Everybody he encounters on his journey depresses him by their ‘phony’ behavior. There wasn’t much catching, and what does rye even mean? This was all so different from what I’d expected. Still, Catcher left a lasting, oddly poetic impression.

Now, eight years later, The Catcher in the Rye and I meet again. I decided to write my Bachelor thesis on it. I understood it this time. As countless people before me, I read myself into the mind of a highly depressed sixteen-year old and nodded to his every comment of socio-moral disgust. Growing up is terrible. People turn into phonies. Let’s just run away!

I started to think, write and smoke like protagonist Holden Caulfield. I even started to have Catcher-related nightmares. Facing distress of my own, the novel gave me reasons to feel worse. I couldn’t put it down, but it surely put me down.

Things changed on rue John Lennon, when my sister told me the book had too much of a grip on me. My thesis supervisor echoed the same sentiment and told me to distance myself from the text and look at it academically, critically. Secondary literature made me realize that people are going to find what they are looking for in the Catcher. If you are looking for reasons to feel down, you will find them. If you approach the text with enough critical distance, however, you might understand why many people cannot seem to adjust to the society around them.

Read at your own risk. (By Nicolas Calmes)

Fun-Fact-Fundgrube (Teil 2)

Blaise Bailey Finnegan III

Achtung: Einer der folgenden Fun Facts ist erfunden. Die Lösung steht unten!

1.Jeder Bibliophile kennt das Problem, dass man mehr Bücher anhäuft, als man jemals lesen kann. Diese Erfahrung scheint so universell zu sein, dass es im Japanischen sogar einen eigenen Begriff dafür gibt: Tsundoku.

2.Beim alljährlichen Nikkei Hoshi Shinichi-Literaturwettbewerb in Japan werden auch nicht-menschliche Teilnehmer zugelassen. 2016 stammten 11 der 1.450 Romane, die beim Preis eingereicht wurden, aus der Feder von Künstlichen Intelligenzen. Eines dieser Werke, das den wunderbar selbstreflexiven Titel The Day A Computer Writes A Novel trägt, schaffte es sogar bis in die zweite Runde. An dieser Stelle sei jedoch erwähnt, dass die KI Unterstützung von menschlichen Forschern beim Schreiben erhalten hat – so ganz überflüssig sind wir dann glücklicherweise doch nicht.

Wer bislang beruhigt davon ausgegangen ist, dass Sam Raimis Version des Necronomicons in Evil Dead nur Fiktion sei, der sollte an dieser Stelle lieber nicht weiterlesen. Es existieren nämlich 18 Bücher in der Welt, die nachgewiesenermaßen in Menschenhaut gebunden sind – eine Praxis, die sich anthropodermische Bibliopegie nennt. Dämonen beschwören kann man mit diesen makabren Monographien dem aktuellen Kenntnisstand nach aber nicht.

4.In der englischen Grafschaft Sussex gibt es eine obskure Sportart namens „Book Hauling“, bei der man so viele Bücher wie möglich aufeinanderstapeln und von einem Punkt zum anderen tragen muss, ohne dass die Konstruktion umkippt. Als Belohnung für die in den 1970ern von Literaturstudenten etablierte Disziplin gibt es sour beer und einen Büchergutschein.

5. Der Begriff Quark für subatomare Partikel in der Physik stammt ursprünglich aus James Joyces Finne-gan’s Wake. Unter anderem wegen des ständigen Rückgriffs auf Neologismen wie diesen und seiner non-linearen Struktur gilt das Buch auch als eines der schwierigsten Werke in der englischsprachigen Literatur überhaupt.