LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Bildung, Kinder, Jugend, Hochschule und Forschung: Die Prioritäten im Regierungsprogramm

Weiter Bildungsminister bleiben nach einer ziemlich stürmischen ersten Legislatur? Für Claude Meisch stellte sich diese Frage kaum. „Ich hatte den Wunsch, dieses Ressort weiter zu führen“, sagt er, „es war mir dabei auch wichtig, den Musikunterricht und die Förderung der Luxemburger Sprache ins Bildungsministerium zu bekommen, als Teil eines ganzheitlichen Bildungsangebotes“. „Wir haben in dieser Legislatur keine so großen strukturellen Reformen wie in der vorigen. Es gilt jetzt, sie umzusetzen und zu begleiten. Ich werde in den nächsten Jahren verstärkt bei den Bildungsakteuren sein, um mit ihnen über die Herausforderungen zu sprechen, denen sie im Alltag begegnen. Ich möchte darüber hinaus auch öfter breite öffentliche Debatten über die Bildungspolitik veranstalten“, fügt der DP-Politiker hinzu, der nun auch das Hochschul- und Forschungsministerium allein führt. In der vorigen Legislatur hatte sich Marc Hansen (DP) als beigeordneter Minister maßgeblich um diese Dossiers und vor allem um die Reform des Uni-Gesetzes gekümmert. Die jetzige Legislatur steht also nun im Zeichen der „Konsolidierung, der Auswertung der Effekte der Reformen und wenn nötig deren Anpassung“, heißt es im Kapitel „Education, Enfance et Jeunesse“ des Koalitionsvertrags. Auf 17 Seiten werden die Prioritäten aufgelistet, denen fünf Prinzipien zugrunde liegen: Die Weiterentwicklung der Reformen, um deren Qualität zu gewährleisten; das Kind im Zentrum der Politik; verschiedene Schulen für verschiedene Talente; Vertrauen und Autonomie sowie Innovation und Modernisierung. Nachfolgend die wichtigsten Akzente aus dem Programm. 

Der „Bildungsdësch“

Die Idee der DP, einen Bildungstisch einzurichten, um grundsätzliche Richtungsentscheidungen nicht nur mit den Akteuren der Bildung, sondern auch mit der Zivilgesellschaft zu diskutieren. „Er soll zusammen kommen, wenn die großen Fragen der Orientierung des Bildungssystems zur Debatte stehen. Als damals beispielsweise der Übergang vom Punkte- zum Kompetenzensystem anstand, wäre es wünschenswert gewesen, einen Bildungstisch mit allen Betroffenen zu haben“, erklärt Claude Meisch, „mir schwebt vor, dass dieser Tisch sich jedes Jahr um ein großes Thema versammelt. Aber wir müssen zunächst die Methodik und die Zusammensetzung festlegen. Die Diskussion will natürlich gründlich vorbereitet sein, das werden wir über wissenschaftliche Studien machen. Ich habe zum Bildungstisch eine Konsultierungsdebatte im Parlament beantragt und hoffe, dass sie um Ostern kommt“.

Die Ausbildung der Bildungsprofis

Hier soll besonders ein quantitativer und qualitativer Sprung bei den Akteuren in der non-formalen Bildung gelingen. In diesem Sinne wird eine „cellule assurance de la qualité de la formation continue“ angekündigt. Auch die Uni soll eine stärkere Rolle bei der Ausbildung von Spezialisten in den Erziehungswissenschaften spielen. „Ja sie wird eine wichtigere Rolle spielen für das Bildungswesen, gerade auch bei der Fortbildung der Lehrkräfte. Wir werden auch daran arbeiten, dass ein Master in Sachen Sozial- und Bildungswissenschaften in Fortbildung möglich ist“, sagt Minister Meisch. Ferner sollen neue Master in Sonderpädagogik, in Schulmanagement und in „Educational Technologies“ kommen. Näher zusammen rücken sollen Uni und „Institut de Formation de l’Education nationale“, wo es für verschiedene Aus- und Fortbildungen ECTS-Punkte geben soll, damit die Teilnehmer später ein Diplom bekommen können. Übrigens ist eine zweite IFEN-Niederlassung in Esch-Belval geplant.

„Chèques-services“-System: aufs Metier

„Wir stehen in Gesprächen mit der FELSEA, der Föderation der Betreiber von Kinderbetreuungsstrukturen um Wege zu finden, das System weiter zu vereinfachen. Wir haben festgestellt, dass einige Strukturen ab der 21. Stunde hohe Tarife anwenden und das kann nicht sein“, sagt Claude Meisch zur angepeilten Vereinfachung der „Chèques-service accueil“. Es soll eine neue Berechnungsformel geben, „um zu gewährleisten, dass die Subvention den Eltern tatsächlich zugute kommt“, heißt es im Koalitionsvertrag. Außerdem sollen die „Maisons-Relais“ künftig kostenlos sein. „Das ist die Fortsetzung unserer Politik hin zu mehr Sachleistungen statt Geldleistungen. Wir haben in der letzten Legislatur die 20 Gratis-Stunden in Kinderbetreuungsstrukturen eingeführt und Gratis-Schulbücher. Nun also auch die Maisons-Relais während den Schulwochen. Das wird uns rund 30 Millionen Euro jährlich kosten“, erklärt Claude Meisch. Während die Flexibilisierung der Öffnungszeiten der Kinderbetreuungsstrukturen analysiert werden soll sowie deren systematische Ansiedlung in Aktivitätszonen, soll eine nationale Vertretung der Eltern in der non-formalen Bildung geschaffen werden und auch eine elektronische Plattform nach dem Modell von „mengschoul.lu“.

Nachhilfe für die Nachhilfe

Von den Grundschulen wird ein Konzept für Nachhilfe verlangt. Auch sollen Eltern und Schüler kostenlos von einer Plattform Übungen herunterladen können, die auf den Nachhilfebedarf der Schüler abgestimmt sind. Die Nachhilfe im Sekundarunterricht während der Sommerferien soll professionalisiert werden und für Sprachennachhilfe wird es Pilotprojekte mit Sprachkolonien im Ausland geben. „Nachhilfe gibt es derzeit in vielen Strukturen und auch die Mission der Lehrer beinhaltet eine Nachhilfekomponente. Nur ist das Angebot nicht zuletzt geographisch ganz unterschiedlich. Wir möchten gewährleisten, dass es ein flächendeckendes und äquivalentes Angebot gibt. In diesem Sinne ist es mir auch wichtig, einen Rahmen für die Ganztagsschule zu definieren, in den auch Außenstehende wie Gemeinden und Vereine mit einbezogen werden“, sagt Claude Meisch.

Ein Doppelabschluss BAC/DAP

Die Modernisierung der Berufsausbildung läuft und es soll neue Ausbildungswege geben, vor allem im digitalen Bereich. Interessant ist die Idee eines Doppel-Abschlussdiploms. „Das ist aus der Feststellung geboren, dass junge Leute, die im klassischen Schulsystem sind auch Lust haben können, ein Handwerk zu erlernen. Wenn sie das Abschlussdiplom in der Tasche haben, können sie das meist nicht mehr. Hier möchten wir eine Gelegenheit schaffen, damit sie sich schon während ihrer Schulzeit in Richtung Handwerk orientieren können. Die Details werden wir noch gemeinsam mit den Berufskammern ausarbeiten und dann ein Pilotprojekt starten“, erklärt Claude Meisch. Auch duale BTS soll es geben, welche die Ausbildung in der Schule und im Unternehmen kombinieren. „Die Reform läuft. Die Handwerkskammer hat bereits einige Meisterbriefe reformiert, hat Berufe zusammen gefasst, zum Beispiel einen Meisterbrief für den Lebensmittelbereich geschaffen. Das wird weiter gehen. Und wir werden dafür sorgen, dass der Zugang zur Meisterausbildung gratis wird“, kommentiert Minister Meisch die diesbezüglichen Bemühungen. „Die Reform von 2008 hat uns viel Kopfzerbrechen bereitet und wir mussten Übergangslösungen finden, damit die Schüler nicht in Sackgassen landen, damit es ihnen nicht unmöglich gemacht wird, Module nachzuholen. Wir haben in der Berufsausbildung nun lange über das Strukturelle geredet. Wir müssen aber unbedingt verstärkt über die Inhalte reden und das frankophone Angebot ausbauen. Manche Ausbildungen gibt es momentan nur auf Deutsch“, sagt er insgesamt zur Berufsausbildung.

Mehr Unterstützung für die Direktionen

Bei der Schulorganisation fällt auf, das die Lyzeumsdirektionen reorganisiert werden sollen: „Es gibt bislang keine klaren Strukturen in den Direktionen. Diese haben sich bislang selbst organisiert. Ich bin aber der Meinung, dass sich der Generaldirektor stärker auf pädagogische Fragen muss konzentrieren können. Andere Bereiche wie Verwaltung oder Personalverwaltung könnte in die Hände anderer Kräfte gelegt werden, die nicht unbedingt aus dem Schulbereich stammen müssen“, sagt Claude Meisch. Zu den Regionaldirektionen im Bildungswesen erklärt er: „Das haben wir 2017 umgesetzt. Die regionalen Bildungsdirektionen sollen Lehrer, aber vor allem auch Kinder und Eltern künftig noch besser unterstützen können. Deshalb werden wir dafür sorgen, dass sie mehr Mittel dafür bekommen“.

Ein noch diversifizierteres Schulangebot 

Das öffentliche Angebot an internationalen und europäischen Klassen soll ausgebaut werden und eine weitere Europaschule soll auf dem Territorium der Hauptstadt entstehen. In den Süden kommt dann ein „Pilotlyzeum“ mit innovation Bildungskonzepten, ähnlich dem „Lycée Ermesinde“ in Mersch. Ferner soll ein Gesetz für die Heimerziehung kommen und eine Reform des eBac und des „distance learning“. Reformiert werden soll auch der Gesetzrahmen zu den Privatschulen samt einer Prozedur zur Auswertung der Opportunität jeder neuen Privatschule. Die soziale Mixität soll hier auf jeden Fall gewährleistet sein. Grenzüberschreitend soll es mehr Schulpartenariate vom Typ „Schengen-Lyzeum“ geben.

Schub für Sprachen 

Mehr Luxemburgisch - durch einen prominenteren Platz für Sprache und Kultur in sämtlichen Klassen, auch in den internationalen - mehr Französisch und mehr Englisch stehen auf dem Schulprogramm. „Es gibt ja bereits Pilotprojekte, die Englisch ab der 7e einführen. Die werden wir evaluieren und prüfen, ab wann Schüler ans Englische herangeführt werden können. Das ist keine einfache Frage, da sie an die Organisation des Stundenplans geknüpft ist“, sagt Claude Meisch zu dem Punkt.

Aus SEA mach „Familienzentrum“

Aus den „Service d’Education et d’Accueil“ (SEA) sollen echte „Familienzentren“ werden, in denen Eltern und Betreuer sich austauschen können. Der Staat wird die Schaffung entsprechender Lokale fördern. Eine neue Idee ist die der „Stadtteileltern“ zur Förderung der Integration in den Vierteln. „Ich glaube, dass es wichtig ist, bei Bildungsfragen auch Ansprechpartner in der Nähe zu haben. Daher kommt diese Idee: Man soll sich im Viertel an andere Eltern wenden können, wenn es schulische Probleme gibt. Wir wissen, dass das keine Tradition hat in Luxemburg, aber wir möchten es versuchen, besonders in sozial schwachen Umfeldern. Hier wird es also ein Pilotprojekt geben“, erklärt der Bildungsminister, der übrigens auch die DP-Idee des „Kindervereinsbus“ umsetzen muss, der Schüler zu sportlichen oder kulturellen Aktivitäten transportieren soll.

Digital überall 

Von der Schaffung eines Ausbildungswegs für einen „instituteur spécialisé en compétences numériques“, über die Digitalisierung der Zensuren, der Schaffung neuer digitaler Austauschplattformen, der Ausrüstung der Klassen mit Tablets und Laptops und die Verallgemeinerung der „I“-Sektion („informatique et communication“) im Sekundarunterricht: Die Förderung digitaler Kompetenzen soll weiteren Schub bekommen. Das sollen auch transversale Themen wie Medienerziehung, Nachhaltigkeit, Kultur und Kreativität, Sexualerziehung, Gleichstellung, Bürgerrechte und Finanzbildung. Speziell unterstützt werden sollen auch Initiativen, die Schülern Lust geben, sich für die sogenannten „STEM“-Fächer zu entscheiden (Wissenschaften, Technologie, Ingenieurswissenschaften und Mathematik).

Boost für „Life Long Learning“

In dem Kapitel wird die Zusammenarbeit mit ADEM und Uni dick unterstrichen. „Es ist wichtig, dass wir formale und non-formale Bildung besser vernetzen. Deshalb werden wir eine Studie unternehmen, um zu analysieren, wer genau was anbietet, um Überlagerungen zu vermeiden und dafür zu sorgen, dass keine Kompetenzen brach liegen. Das werden wir im Zusammenspiel mit dem Arbeitsministerium tun“, sagt Claude Meisch. Auf jeden Fall soll eine nationale „skills bank“ geschaffen werden, eine Plattform, auf der alle Akteure der Fortbildung sind. Kommen soll auch eine „e-learning“-Strategie. „Wir beginnen hier nicht bei Null. Wir haben bereits Plattformen für e-learning, nur wollen wir dafür sorgen, dass e-learning von der Grundausbildung bis zur „validation des acquis“ eingesetzt werden kann. Wichtig ist vor allem, dass wir eine durchgehende Qualität gewährleisten. Deshalb werden wir eine Akkreditierungsagentur schaffen, die darüber wacht“.

Schüler im System behalten

„Wir müssen natürlich alles tun, um zu vermeiden, dass Schüler das System ohne Abschluss verlassen“, sagt der Bildungsminister, „es ist deshalb sehr wichtig, die Unterstützungsdienste in den Schulen zu fördern. Eine große Baustelle ist dabei auch die Inklusion. Wie in der Grundschule brauchen wir auch im „Secondaire“ Inklusionskommissionen und ESEBs - „équipes de soutien aux élèves à besoins spécifiques“ - , die Lehrkräfte bei der Begleitung von Jugendlichen mit spezifischen Bedürfnissen unterstützen können“. Unterstützend für den schulischen Erfolg können auch Internate sein, deren Angebot ausgebaut werden soll. „Wir stellen fest, dass es besonders im Süden des Landes an Internatsplätzen fehlt. Es ist manchmal einfache für junge Leute, näher an ihrer Bildungsstätte zu sein und dort auch betreut werden zu können“, sagt Claude Meisch.

Uni und Forschung

Eine nationale Strategie für Hochschulwesen, Forschung und Innovation soll entwickelt und ein Koordinationskomitee eingesetzt werden, in dem alle Akteure des Hochschulwesens und der Forschung vertreten sind. In der EU-Strategie 2020 ist unter anderem vorgesehen, dass die Zahl der Diplomanden aus dem Hochschulsystem in der Bevölkerung der 30 bis 34jährigen bei 66 Prozent liegen soll. Gleichsam sollen private und öffentliche Forschungsausgaben mindestens ein Prozent des BIP erreichen. Das „performance based funding“-Prinzip stärker in den Konventionen mit den Forschungsinstituten verankern und das Prinzip der komplementären Mittel („matching funds“) soll eingeführt werden, um mehr Gelder aus dem Privatsektor anzuziehen. Für Uni und Forschungszentren gelten in dieser Legislatur folgende Prioritäten: Finanzen (und insbesondere grüne Finanzen), Erziehungswissenschaften, Biomedizin, IT, innovative Materialien, Umwelttechnologien, ökologische Transition und zeitgenössische Geschichte.