KÖLN
SAMUEL HAMEN

Zu Besuch in Jan Böhmermanns Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“

Irgendwann fährt ein Laster mit leerem Anhänger an den Wartenden vorbei. Der Fahrer schaut sich kurz im Innenhof um, glotzt auf die verblassten „Teppich König“-Boards, dann auf die Menschen, die hier im Industriegebiet in Köln-Ehrenfeld um kurz vor 17 .00 für was auch immer Schlange stehen. Matratzen-Endverkauf? Indoor-Flohmarkt? Hierhin wollte er nicht. Irritiert macht er kehrt und fährt davon.

Was die Leute an diesem Mittwoch anlockt, sind keine um 70% reduzierten Softfluid-Matratzen, sondern die Aufzeichnung des „Neo Magazin Royale“, einer Late-Night-Comedy-Sendung mit dem 34jährigen Jan Böhmermann als Gastgeber.

Die Sendung lief bis vor kurzem ausschließlich beim Digital-Sender „ZDF Neo“ und wurde Anfang diesen Jahres in den Hauptkanal überführt.

Alt sind hier alle über 35

Um kurz nach fünf ist Einlass, um viertel nach fünf wird dann „Glump“ getrunken, ein Cola- und alkoholhaltiges Getränk, das in einer der ersten Sendungen als Gag werbewirksam angepriesen wurde.

Es schmeckt hinreißend schlecht nach Jägermeister und Aldi-Cola. Während darauf gewartet wird, im eigentlichen Studio Platz zu nehmen, geht der Blick umher. Als alt fallen jene in der Menge auf, die älter sind als 35 oder die keine zugeknöpften Slimfit-Hemden zu neonfarbenen Nike- oder Vans-Schuhen tragen. Dass es Böhmermann gelingt, eben diese junge Zielgruppe anzusprechen, erklärt seinen Erfolg inner- und außerhalb des ZDF. Das Zweite Deutsche Fernsehen will sein Image des Schlager- und Schlaganfallsenders ablegen, und Böhmermann bietet mit Rubriken wie „Prism is a dancer“, jungen Studio-Gästen und dem Rapper Dendemann als Sänger der Show eine Plattform, die auch die U-30er zu begeistern und zu binden vermag. „Neo Magazin Royale“ ist, um im Jargon zu bleiben, zurzeit „the shit“.

Am letzten Mittwoch sind Sido, Teddy und Fahri zu Gast. Ihren Kinofilm „Halbe Brüder“ promoten sie nur am Rande. Stattdessen wird Teddy unter anderem gefragt, ob er lieber neben Helene Fischer fischen oder neben Claudia Schiffer schiffen will.

Er wählt letzteres. Ansonsten wird „Der Spiegel“ mit dem neuesten Merkel-Cover gedisst und Bushido sowie die deutsche Band Revolverheld (#revolverhate) kriegen jeweils ihr Fett weg. Mit der Kategorie des Niveaus kommt man hier nicht weit. Sie ist auch völlig ungeeignet für das, was Böhmermann allwöchentlich abliefert. Es ist eine Art der Unterhaltung, die sich in ihrer eigenen satirischen Überdrehtheit ernst nimmt, und sie entblößt alles und jeden, auch sich selbst.

Pöbeln, bis die Quote kommt

Die Strategie ist klar: Pöbeln, bis die Quote kommt. Beispielsweise gegen Joko und Klaas, die auf ProSieben um dieselbe Zielgruppe buhlen, gegen Campino und dessen Band-Aid-Spendensong oder gegen Günter Jauch und dessen Versuche, sich als Talkshow-Master zu gebärden. Ein Clip der Sendung, in dem behauptet wird, die Redaktion Jauchs sei auf eine Video-Montage seitens des „Neo Magazin Royale“ hereingefallen und Yanis Varoufakis habe den Mittelfinger gar nicht gezeigt, wurde später von Böhmermann selbst als Fake bezeichnet. Verwirrung allenthalben. Der Clip hat auf Youtube mehr als zweieinhalb Millionen Aufrufe.

Um kurz vor sieben ist die Aufzeichnung vorbei, Böhmermann spricht noch einen Teaser für die nächste Sendung ein und zieht dabei gleich mal über André Rieu her. Dann verabschiedet er das Publikum, das in die Dämmerung und den Nieselregen entlassen wird. Der weithin sichtbare Fernsehturm Kölns mit dem ewig gleichen, lilanen Telekom-Logo wirkt plötzlich merkwürdig altmodisch.