LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Auf höchstem Niveau: Louis Sclavis mit Streichduo in der Philharmonie

Allzu selten sind hierzulande die Konzerte, die uns in den Genuss hochkarätiger Gegenüberstellungen oder Vereinigung verschiedener Musikrichtungen kommen lassen. Außer einigen meist misslungen oder langweiligen Projekten, die eine Art Worldmusic vermitteln sollen, sind Konzerte mit ausgeklügelten und profund durchdachten Vorstellungen eher Mangelware auf einheimischen Bühnen. Eine rühmliche Ausnahme konnten wir vor etwa zwei Jahren mit dem „Quator Ebène“ und dem französischen Multiinstrumentalisten Michel Portal im großen Auditorium der Philharmonie erleben.

Auch aus Frankreich kommt der in Insiderkreisen seit Jahrzehnten vielbeachtete Louis Sclavis, ein multikulturell orientierter Rohrblattbläser, der am Mittwoch im Kammermusiksaal des Kirchberger Musiktempels sein letztes Jahr bei ECM erschienenes Projekt „Asian Fields“ vorstellte. Sclavis, der in den 1980er Jahren aus dem Musikerkollektiv „Association d’un Folklore imaginaire“ hervorging, hat sich in seiner fast 50-jährigen Karriere immer wieder mit folkloristischen Elementen diverser Kulturen auseinandergesetzt und zählt heute zu den wichtigsten Wegbereitern einer Musik, die momentan sowohl bei Klassikliebhabern wie Jazzfans Hochkonjunktur hat.

Drei Vollblutmusiker

Mit seinem aktuellen Trio, zu dem der Geiger Dominique Pifarély und Vincent Courtois am Cello gehören, hat der Pionier der europäischen Weltmusik, der am 2. Februar seinen 66. Geburtstag feiert, mit „Asian Fields“ erneut, nach seinen Exkursionen in die Traditionen afrikanischer Folklore oder keltischen Ursprungs, ein originelles Bild einer abstrakten Fusion von sich anziehenden Gegensätzen geschaffen. Besonders beim Titelstück der gleichnamigen beim Label „ECM“ erschienenen CD, wo er seine Virtuosität auf der Bassklarinette äußerst effektvoll inszeniert, kommt die Erfahrung der drei Vollblutmusiker in Sachen organisiertem Chaos und individueller Einbringung persönlicher Pointen voll zur Geltung.

Kaum zu glauben, dass einst der New-Orleansklarinettist und Komponist von „Petite Fleur“ Sidney Bechet zu Sclavis‘ Vorbildern gehörte. Heute steht eher seine Vorliebe für das Experimentelle und seine Zusammenarbeit mit großen Meistern der neuen sinfonischen Musik wie Luciano Berio oder Pierre Boulez im Mittelpunkt seiner Inspiration. Seine chamäleonische Vielseitigkeit, sein technisches Können, das ihm einfach alles erlaubt und sein Gespür dafür unkonventionelle Formen der Improvisation in jegliches Ensemble zu integrieren, ließen uns an diesem außergewöhnlichen Konzerterlebnis neue Erkenntnisse über das Gleichgewicht einer neuen europäischen World Music gewinnen.

Spontane Improvisationen

Subtil abstrakt wechselten sich die komponierten Passagen mit den freien kollektiven Parts ab, und schwebende meditative individuelle Soli standen im Kontrast zu wilden Tuttiausbrüchen und komplexen Unisonopassagen, die trotz der hohen Anforderungen an die Solisten nie etwas etüdenhaftes an sich hatten. Anleihen bei Flamenco und indischen Ragas, Free Jazzeinlagen gegen die Perfektion komponierter moderner Kammermusik und der unwiderstehliche Charme des spontanen Improvisierens ließen dem Publikum feudale Beifallsstürme abgewinnen.

Dass diese ungewöhnlich konzentrierten Miniaturen so intensiv und publikumsgerecht in Szene gesetzt sind, ist an sich nicht erstaunlich, spielen die Musiker in wechselnden Besetzungen bereits seit Jahrzehnten zusammen. Mit Pifarély verbindet Sclavis eine 35-jährige Kooperation, bei Courtois kommt man immerhin auf 20 Jahre gemeinsamen Musizierens. Diese lange Zusammenarbeit sei, so Sclavis, „der einzige Weg, etwas wirklich Neues und Eigenartiges hervorzubringen“. Jedenfalls erwies sich der ziemlich komplizierte Parcours durch eine imaginäre, unvergleichliche musikalische Kulisse als nicht katalogisierbare neue Kammermusik auf höchstem Niveau. Oder um es mit dem Schweizer Journalisten und Dramaturgen Peter Ruedi zu sagen: „Am Ende ist es gleichgültig ob diese Musik noch Jazz heißt“.

Für Jazzpuristen erinnerte am Ende der bewegenden, hochinteressanten Soirée eine versöhnliche Ragtimepersiflage als zweite Zugabe an die Anfangszeiten der über 100- jährigen Geschichte des Jazz.