LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

AAC-Präsident Paul Denzle über die Zukunft der Kabelnetze in Luxemburg und die Schwierigkeiten für die Kabelanbieter

Heute Abend feiert die „Association des Antennes Collectives“ ihr 25. Jubiläum. Sie ist eine ganz besondere Interessenvertretung, denn bei ihr sind sowohl Vereinigungen und Gemeinden, die Kollektivantennen betreiben Mitglied als auch die Kabelnetzbetreiber Eltrona und SFR Luxemburg (heute Telenet). Laut ihrer Webseite zählt die Vereinigung 55 Mitglieder, die insgesamt etwa 140.000 Kunden zählen. Beim „Institut Luxembourgeois de Régulation“ werden derzeit 31 Kablfernsehanbieter geführt.

Die Mitgliederzahl schrumpft seit Jahren, weil immer mehr Vereinigungen sich die Frage stellen müssen, wie sie die Investitionen schultern können, die ein moderner Kabeldienst braucht. „Es ist ein langsamer Konsolidierungsprozess“, sagt AAC-Präsident Paul Denzle, der auch den Kabelnetzbetreiber Eltrona leitet, „er hängt auch vom Engagement der Mitglieder der Kollektivantennenvereinigungen ab“. Viele Stunden müssten investiert werden, um einen Kabeldienst zu betreiben, bei dem ja nicht nur die technische Infrastruktur zu betreuen ist, sondern auch die Rechte für die Inhalte, die verbreitet werden. 1998 gelang es der AAC übrigens erstmals, einen umfassenden Urheberrechtsvertrag abzuschließen.

Die Frage der „kritischen Masse“ und der Rentabilität stelle sich an allen Ecken und Enden: „Ob sie 100 oder 1.000 Kunden haben, die Kosten für die Ausrüstung sind die gleichen“, unterstreicht Paul Denzle. In den letzten Jahren seien erhebliche Anstrengungen unternommen worden, um die Infrastrukturen zu modernisieren. Das gute alte Kupferkabel wurde über die Jahre hinweg von Glasfaser abgelöst, in den letzten Jahren ging es besonders darum, die modernsten Router an den Knotenpunkten zu installieren. Denn das Kabel, das in Luxemburg eine lange Tradition hat und theoretisch mehr als 95 Prozent der Haushalte erreichen könnte, dient längst zu viel mehr, als nur ein TV-Signal in die Stuben zu bringen - was schon mal große Herausforderungen mit sich bringt, nicht zuletzt was die Verschlüsselung des Signals bei PayTV etwa anbelangt. Internet und Telefon befinden sich ebenfalls im „Triple-Play“- oder gar „Quadruple-Play“-Paket (Fernsehen, Internet, Festnetztelefon und mobile Dienste).

Breiter und breiter

Wobei das Fernsehangebot sich in den letzten Jahrzehnten um ein Vielfaches gesteigert hat. Als die AAC gegründet wurde, war vielleicht ein Dutzend TV-Programme im Angebot, heute dürften bereits mehr als 100 zum Standardangebot der Kabelanbieter gehören. Alle digital versteht sich, denn im vergangenen November wurde nach einer langen Übergangszeit auch in Luxemburg das analoge Angebot abgeschaltet. Klar braucht es viel Bandbreite um die Fülle von Daten zu den Kunden zu bringen, welche die digitalen Kanäle bringen. Nicht nur wegen der Fülle der Angebote: Auch die Verbesserung der Bildqualität bringt mehr Daten. Sie geht auch einher mit der technologischen Entwicklung der Fernsehgeräte, die heute meist LED-Geräte sind und bei denen 4K und sogar 8K Auflösungen eine unglaubliche Bildtiefe bieten. Und vielleicht wird bald auch das interaktive Fernsehen Standard, bei dem man etwa die Kamera auswählen kann, aus deren Blickwinkel man ein Fußballspiel beispielsweise am liebsten sieht.

Natürlich brauchen auch die Inhalte im Internet immer mehr Bandbreite. „Koax-Kabel waren immer schon breitbandig“, erklärt Paul Denzle, „im Internet-Zeitalter mussten sie interaktiv werden“. Lange Distanzen werden heute ausschließlich mit Glasfaserkabeln überbrückt, die auch kostspielige und wartungsaufwendige Signalverstärker wegfallen lassen. Denn bei einem über Glasfaser transportierten Signal gibt es kaum Verluste.

Auf die Frage, ob das Kabel irgendwann durch die rasanten Entwicklungen bei der Drahtlosübertragung obsolet werden könnte, antwortet Paul Denzle mit einem entschiedenen „Nein“. Denn Kabelnetzwerke seien an Zuverlässigkeit und Sicherheit nicht zu überbieten und würden bei den Übertragungsgeschwindigkeiten wohl immer einen Schritt voraus sein, „wenn nicht eine bahnbrechende Erfindung kommt“. Die nächste Generation der Mobilfunknetzwerke, 5G, wird zwar theoretisch Übertragungsgeschwindigkeiten von bis zu 4Gb/s ermöglichen, allerdings verlangt ein solches Netzwerk erstens bedeutende Investitionen, und zweitens gibt es zahlreiche Faktoren, die das Signal bremsen können. Bei Glasfasernetzen werden solche Übertragungsgeschwindigkeiten heute schon kommerzialisiert, und das Potenzial ist längst nicht ausgeschöpft.

Kampf um die Ausstrahlungsrechte

Doch die technischen Aspekte sind nur ein Teil des Geschäfts der Kabelnetzanbieter, die übrigens als Telekomdienstleister beim „Institut Luxembourgeois de Régulation“ registriert sind und die entsprechenden Verpflichtungen auch erfüllen müssen.

Es geht vor allem auch um die Rechte für die Ausstrahlung der Programminhalte. Das bedeutet: viele und harte Verhandlungen. Mit Anbietern, die manchmal wenig Interesse an einem überschaubaren Markt haben, auf dem auch noch weit mehr verschiedene Bedürfnisse herrschen als auf anderen. Schließlich hat die Bevölkerung des Großherzogtums einen Ausländeranteil von bald 50 Prozent. Und auch die Luxemburger schauen traditionell gerne Fernsehen aus den Nachbarländern.

Zusätzlich kommt hinzu, dass der europäische digitale Binnenmarkt und Urheberrechtsmarkt alles andere als vervollständigt sind. Ein Anhaltspunkt dafür ist ein nerviger Umstand, über den sicher jeder schon mal gestolpert ist: Manche Sendungen oder Filme, die etwa auf Webseiten von TV-Sendern angeboten werden, können in Luxemburg nicht angeschaut werden. „This video is not available in your country“, heißt es dann. Stichwort: „Geoblocking“, gegen das die EU im vergangenen Jahr eine Strategie vorgelegt hat. „Es gibt leider noch eine Menge territorialer Barrieren in der EU“, bedauert Paul Denzle. Auch, dass sie nur sehr langsam abgebaut werden.

Möglichst alles aus einer Hand: „Multi-Service“-Anschlüssesteigen rasant

Wie entwickelt sich der Kabelfernsehmarkt in Luxemburg? Anhaltspunkte gibt es im jährlichen statistischen Bericht der Regulierungsbehörde ILR über den Telekommarkt. In der Ausgabe 2016 wird etwa festgehalten, dass sich die Zahl der Direktanbindungen fürs Fernsehen über VDSL oder Glasfaser auf 54.600 gesteigert hat, das ist ein Anstieg von 15,14 Prozent „zum Nachteil der Kabelinfrastruktur“. Grundsätzlich beziehen immer mehr Menschen Fernsehen über superschnelles Hochgeschwindigkeitsinternet. Laut ILR ist die Zahl solcher Anschlüsse von 21.700 Ende 2014 auf 38.600 Ende 2016 angestiegen. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der Kabelfernsehanschlüsse von 94.700 auf 85.600 zurück. Bei all diesen Zahlen muss man sich vor Augen halten, dass der Verkauf von Internetanschlüssen oft im „Paket“ mit anderen Leistungen geschieht. Das ILR spricht von „Multi Service“-Angeboten oder „gruppierten Angeboten“. 170.700 Internetzugänge wurden so 2016 mit anderen Dienstleistungen zusammen verkauft, das sind 84 Prozent der Gesamtzahl an bestehenden Webzugängen. Die „Multi-Service“-Abonnemente steigen demnach rasant an, 2016 gab es davon 9.900 neue, eine Hausse von 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die „Quadruple-Play“-Anschlüsse, also mit Internet, Fernsehen, Festnetz und mobilen Diensten, summierten sich 2016 auf 54.800, ein Sprung von 14,6 Prozent im Jahresvergleich.

Vom Kupferkabel zur Glasfaser

Am Anfang bestanden die Kabelnetze ausschließlich aus einfachen Kupfer-Koaxialkabeln für die Übertragung des analogen TV-Signals. Diese Kabel erlaubten lediglich eine kleine Zahl von Fernsehprogrammen. Mit dem Auftreten digitaler TV-Signale mussten die Kabelnetze oft aufwändig nachgerüstet werden, umsomehr wenn sie auch Telefonie- oder Internetdienste anbieten sollten. Dazu braucht man nämlich einen Rückkanal. Seit einigen Jahren wird - auch wegen der wachsenden Datenmengen, die transportiert werden - bei Aufrüstungen von Netzen zu Glasfaserleitungen gegriffen, die heute noch meist nur bis zur „Kopfstation“ in einer Straße oder bei einem Gebäude führen. Ab da laufen die Daten dann wieder über die herkömmlichen Koaxial-Kabel, die in den Mauern liegen. Meist muss lediglich die Koax-Dose durch eine Multimedia-Dose (mit drei Anschlüssen statt einem) ersetzt werden, damit man auch die „Fiber to the home“-Dienste zurückgreifen kann.