CLAUDE KARGER

Was geschah in Duma/Syrien? Welcher Stoff wurde in diesem Kriegsgebiet eingesetzt, der am vergangenen 7. April offenbar Dutzende qualvoll ersticken ließ? Experten der internationalen Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen sind nun an Ort und Stelle, um das zu untersuchen. Was sie eine Woche nach dem Angriff noch dort vorfinden werden, wenn sie denn wirklich frei arbeiten dürfen, steht freilich auf einem anderen Blatt. Wie lange ihr Einsatz dauern kann ebenfalls. Denn es ist leider nicht ausgeschlossen, dass es demnächst zu einem massiven Eingriff des Westens in den nun über sieben Jahre währenden syrischen Bürgerkrieg kommt. Der Ausgang für Syrien und die Welt: ungewiss. Lassen es die Supermächte USA und Russland zu einem Schlagabtausch in Syrien kommen? Bleibt zu hoffen nicht.

Aber das brandgefährliche Gezwitscher des US-Präsidenten, der es immer wieder in ein paar launischen Zeichen fertig bringt, diplomatische Bemühungen zu zerballern einerseits und die dauernd von Moskau bemühte globale anti-russische Verschwörungstheorie, verheißen natürlich nichts Gutes.

Diese Theorie geht so: In Duma gab‘s überhaupt keinen Giftgasangriff. Die ganze Misere der Bevölkerung sei eine „Inszenierung“ gewesen, um das Assad-Regime zu diskreditieren und obendrein „russophob“, sagte Russlands Außenminister Lawrow gestern. Verantwortliche lieferte Moskau gestern gleich mit: Geheimdienste aus dem Westen und insbesondere die von Großbritannien, mit dem Russland wegen dem Giftangriff auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten im Herzen von England über Kreuz liegt. Von den angeblichen Beweisen für die britische Beteiligung am Duma-Angriff, die Russland gestern hätte vor den Vereinten Nationen vorlegen können, gibt es derweil keine Spur. Ist auch egal, soll doch die verbale Eskalation in dieser Konfrontation möglichst auf die Spitze getrieben werden. Hüben und drüben faseln schon welche von „fetten Raketen“ und „Megatonnen“, als ob sie einen Nuklearkrieg herbeisehnen würden. Wer übrigens glaubt, dass wir der Gefahr der totalen atomaren Auslöschung mit dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges von der Schippe gesprungen wären, irrt gewaltig. Die Arsenale reichen immer noch für die Sprengung des Planeten. Alternativ könnte sich die Menschheit auch selbst auslöschen durch die tausenden Tonnen an biologischen und chemischen Kampfstoffen, die noch in vielen Ländern lagern. Trotz der hehren internationalen Abkommen dagegen. Aber Papier ist geduldig, auf dem Terrain sieht vieles ganz anders aus. Die internationale Gemeinschaft hat sich zwar reichlich Institutionen gegeben, um das zu analysieren und zu kontrollieren, wie etwa die OPCW. Doch was sind ihre Berichte wert, wenn sie umgehend von der Partei diskreditiert werden, die darin angeprangert wird? 2017 kamen OPCW und UNO zum Schluss, dass die syrische Luftwaffe den Saringas-Angriff auf Chan Scheichun mit rund 80 Toten durchführte. Der Bericht wurde kurzerhand von Syrien und seinen Alliierten abgewiesen, das Mandat der OPCW in Syrien nicht verlängert. Internationale Institutionen dienen heute nur mehr als Feigenblatt für angebliche Friedensbemühungen von Mächten, die völlig andere Agendas verfolgen. Fakten werden von Emotionen verdrängt. Die Welt ist in Gefahr wie nie.