NIC. DICKEN

Die Art und Weise, in der am vergangenen Donnerstag über der Ostukraine 298 Menschen ums Leben gekommen sind, erscheint bei näherem Hinsehen und etwas vernünftiger Überlegung als so unsinnig, so überflüssig, dass es wirklich schwer ist, das Geschehene zu erfassen. Eine bestimmte Absicht, diese menschliche Katastrophe herbeizuführen, die so gar nichts mit den Vorgängen in der Ostukraine an sich zu tun hat, darf wohl ausgeschlossen werden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach war es mangelnde Fertigkeit und Erfahrung im Umgang mit komplizierten Waffensystemen, die wildentschlossene Kämpfer zu hundertfachen Mördern an unbeteiligten, unschuldigen Zivilpersonen machte.

Die Tragik des Geschehenen wird dadurch nicht geringer. Wenn man Kindern ein Gewehr in die Hand gibt, darf man sich nicht wundern, wenn sie damit am Ende die eigenen Eltern erschießen.

Jeder Waffenproduzent, jeder Waffenhändler muss damit rechnen, dass die von ihm beschafften Todesinstrumente nicht nur der Abschreckung dienen. Eine von Kriegen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gekennzeichnete Vergangenheit lehrt uns nämlich gerade das.

Die 298 Menschen an Bord des Fluges MH17 sind tot, genau wie Hunderttausende japanische Zivilisten nach dem Abwurf der ersten Atombomben im August 1944, genau wie die mehr als hunderttausend syrischen Zivilisten, deren Leben in den letzten Jahren ausgelöscht wurde, die Hunderte von zivilen Toten in den endlosen Auseinandersetzungen im Nahen Osten oder auch die Tausenden von Toten und verstrahlten Kinder und Erwachsenen von Tschernobyl, wo ja nicht einmal militärische Aktivitäten im Spiel waren.

So als hätte man den Sinn der Geschichte vom Zauberlehrling nicht verstanden, hüllen sich gerade diejenigen in Unschuld, die jene für die Massaker erforderlichen Instrumente bereitgestellt haben. Und man verschone uns in diesem Zusammenhang vor einer Differenzierung nach ideologischen Gesichtspunkten. Wenn es um Geld oder Macht geht, stehen sich kapitalistische, kommunistische und religiöse Zielsetzungen in ihrer Menschenverachtung näher als man denkt.

Weil die Welt aber so funktioniert wie sie funktioniert, kann man derartige Vorfälle - „collateral damages“ wurde das bei früheren Gelegenheiten genannt, so herabwürdigend und verächtlich das auch klingen mag! - wohl nie ganz ausschließen. Es sind am Ende nämlich immer die Unschuldigen, die mit dem Leben oder der körperlichen Unversehrtheit für die Unvernunft und die Machtgier einiger weniger bezahlen müssen. Selbst die Militärfriedhöfe rundum den Erdball müssen in ihrer übergroßen Mehrheit als Sammelplätze von unschuldigen Opfern angesehen werden. Die den materiellen Nutzen daraus gezogen haben, hat man unbehelligt gelassen.

Den Opfern des Flugs MH17 hilft diese Einsicht wenig. Vielleicht sollte ihr Tod dennoch Gelegenheit bieten, etwas intensiver und ehrlicher über das Problem an sich nachzudenken.