CORDELIA CHATON

Ganz oben auf der Agenda der EU-Bürger stehen zwei Themen: Immigration beschäftigt 45 Prozent, Terrorismus immerhin 32 Prozent. Diese Themen sind wichtiger als die Wirtschaft, die öffentlichen Finanzen oder Arbeitslosigkeit. Das ergab das Eurobarometer, das die Europäische Kommission gestern veröffentlichte. Wirklich verwundern kann es nicht angesichts der Aktualität.

Und doch ist es immer das gleiche: Ein Anschlag, kollektive Betroffenheit, Facebook-Bekenntnisse über „ich bin...“, mediale Hatz nach dem Täter. Den werden die Behörden erwischen, denn wenn das öffentliche Interesse da ist, gibt es meist auch mehr Mittel. Irgendwann sitzt er hinter Gittern, genau wie die anderen.

Derweil brüllen Populisten nach Härte, weniger Flüchtlingen, blabla, alles schon gehabt. In Frankreich forderte eine Frau, die acht Familienmitglieder in Nizza verloren hat, sogar dazu auf, keine Weihnachtsmärkte mehr abzuhalten. So ein Quatsch. Das wäre so, als dürfe kein Israeli mehr auf die Straße gehen.

Bis zu einem gewissen Grad lebt man nicht sicher. Verkehrsunfälle, Herzinfarkte, Schicksalsschläge und neuerdings auch Terror, der irgendwie Teil einer neuen Normalität wird, ohne dass das irgendjemand will. Aber was soll man machen? Weiterleben ist immer noch die beste Antwort. Denn auch wenn das deutsche Boulevard-Blatt „Bild-Zeitung“ mit „Angst“ aufmacht, obwohl sie sonst eher emphatisch gegenüber Flüchtlingen ist, fühlen sich die meisten Menschen nicht ängstlich. Sie sind vielleicht beunruhigt, traurig, betroffen oder genervt. Aber sie wollen ihr Leben leben, ohne Angst. Ganz abgesehen davon, dass Angst genau das wäre, was die irren IS-ler wollen, und zwar schon lange: Die Geschichte ihrer Anschläge reicht weit zurück, London war 2005.

Dennoch fehlt es bis heute an wirksamen Terror-Gegenmitteln. Vielleicht liegt es daran, dass es mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie mit Gewichtsveränderungen ist: Schnell geht gar nichts, vor allem dann nicht, wenn der Erfolg dauerhaft sein soll. Wer auf eine Radikalkur setzt, ist schnell wieder am Ausgangspunkt.

Dennoch wurden europaweit Polizei-Etats gekürzt. Schlimmer ist wahrscheinlich noch, dass auch Sozialhelfer gekürzt wurden, gerade in Vierteln, die das dringend nötig haben. Als Nicolas Sarkozy 2005, damals noch französischer Innenminister, nach „Kärchern“ schrie, kürzte er gerade diese Etats zusammen. Heute wachsen private Koranschulen an jeder Ecke in diesen Vierteln aus dem Boden. Schulen fühlen sich allein gelassen, genauso wie Freizeitzentren und Betreuungseinrichtungen.

Jetzt stolzieren schwer bewaffnete Militärangehörige durch die Straßen. Kein Bürger glaubt, dass das hilft. Wirklich wirkungsvoll wären dagegen mehr IT-Spezialisten, die im Internet dem IS Kontra geben und Terroristen verfolgen. Luxemburg hat das Glück, dass hier viele Menschen verschiedener Nationalität das gleiche Bildungsniveau haben. Aber nicht alle. Und Hasspredigten soll es hier im Land auch geben. Zumindest haben sich Flüchtlinge darüber beschwert.

Immigration und Terrorismus werden uns weiter beschäftigen. Ich gehe aber heute auf den Weihnachtsmarkt. Und hoffe, dass bis dahin keine üblen Eilmeldungen mehr kommen.