LUC SPADA

Krieg in Aleppo. Meine Facebook-Freunde posten fleißig Bilder von toten, verletzten Kindern, schreienden Frauen und schreienden Männern. Und noch mehr Kinder, sie weinen.

Auch posten meine Freunde Videobotschaften von Menschen, die sich öffentlich von ihrem Leben verabschieden. Der Tod LIVE auf Facebook. Trauriger Smiley. Kriegsverbrechen, der neue virale Super-Hit. Es bricht einem das Herz. Jetzt, ein letztes Mal hochladen? Ja, bitte. Ein allerletztes Lebensereignis. Du, mittendrin, statt nur dabei.

Du postest auch pertinente (sehr pertinentes Wort, das Wort „pertinent“) Beiträge von angesehenen Personen, die irgendwo in ihrer Wohnung mit Blick auf den Züricher See, sehr entsetzt sind, von dem was sie so gesehen, gehört haben: in den Medien; und haben, was man so in seiner Nespresso-Luftblase hat: AUCH eine Meinung.

Ist aber auch wirklich ein schlechter Zeitpunkt. Dieser Krieg. Ausgerechnet vor Weihnachten. Schnell noch ein bisschen das eigene Weltbild liken, schnell noch bisschen Petition signen und sharen. Kamillentee für das Gewissen. Oh. Moment.

Ich muss meinen Laptop aus meinem Doppelzimmer Deluxe („Upgrade von Einzel - auf Doppelzimmer, einfach mehr Platz, ein kleines Geschenk für Sie, Herr Spada, ist doch bald Weihnachten.“), obwohl ich alleine im Zimmer schlafe, in die Lobby tragen, weil das WLAN nach 23.00 AUSGESCHALTET wird, in den Zimmern, um völlige RUHE zu garantieren, denn „wenn man WLAN nicht deaktiviert, hat man eine permanente Belastung mit gepulster, hochfrequenter elektromagnetischer Strahlung“. Gut, nicht dass sich hier noch irgendein Gast einen Burnout von zu viel WLAN holt. VÖLLIGE RUHE.

Nun sitze ich also in der WLAN-Lobby eines Hotels im Schwarzwald, verstrahlt, mit Rotwein. Draußen die Bomben. Hier das WLAN. So. Weiter.

Eine Schriftstellerin aus Hamburg bedauert in einem ihrer letzten Facebook-Posts, dass sie eventuell zu Unrecht solche kritisiert hat, die sie kritisierten, dass sie immer nur dann „profilbildlich“ ihre Trauer nach außen mitteilt, wenn etwas Schlimmes im Westen passiert(e), Nice, Paris. Aber nie, wenn es um die Menschen „weiter weg“ geht. Jetzt hat wohl ein Text eines anderen Schriftstellers ihr die Augen geöffnet, und sie kann ihre Kritiker nun auch ein bisschen verstehen. Sie hat demnach gelernt, dass man für alle gleich viel Empathie empfinden soll, egal, wie weit sie weg wohnen. Oder von wo sie herkommen.

Gut, dass wir hier geklärt haben, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, egal, wo letzterer wohnt. Ja, wie schön, dass man Profilbilder so oft aktualisieren kann, sonst würden die Freunde ja nicht kapieren, dass man ein empathischer, mitfühlender Mensch ist. Empathie wie beißender Zynismus. Draußen die Bomben. Hier das Ego.

Und hier im Schwarzwald hat sich ein Gast mit dem Rezeptionisten gestritten, weil der Zug immer so laut am Hotel vorbeifährt. Der Rezeptionist hat dann erklärt, dass das Hotel nichts machen kann. Das Hotel sei nicht für den Zug verantwortlich.