LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Knapp eine halbe Million Tote,  mehr als sechs Millionen Geflüchtete, die in anderen Staaten, auch in Luxemburg, Zuflucht gesucht und gefunden haben, 11,7 Millionen Syrer brauchen nach UN-Angaben humanitäre Hilfe, die aber immer wieder, vor allem durch das syrische Regime, Steine in den Weg gelegt bekommt, eine schwere Wirtschaftskrise und im Hintergrund lauert die Gefahr des Coronavirus, das angesichts eines teils zerstörten Gesundheitssystems viele Menschenleben fordern könnte: Dieser kurze Umriss ermöglicht es vielleicht, sich ein Bild der humanitären Lage infolge eines mehr als neun Jahre andauernden Bürgerkrieges in Syrien machen zu können, nicht  aber, sich das Leid all jener individuellen Schicksale vor Augen zu führen, die hinter den abstrakten Zahlen stecken.
Um das Leid zu lindern, hat die internationale Staatengemeinschaft auf der inzwischen vierten Syrien-Konferenz am Dienstag  für Syrien und Aufnahmeländer von syrischen Flüchtlingen zusätzliche Hilfen in Höhe von 6,9 Milliarden in Aussicht gestellt.  Über die vergangenen Jahre hat allein  die EU 20 Milliarden Euro-  eine unvorstellbare Summe - zur Linderung der Krisenfolgen mobilisiert. Geld, das nicht infrage gestellt werden darf, das aber natürlich besser in den Wiederaufbau des Landes investiert wäre. Doch davon ist man auch heute noch weit entfernt. Mehr als neun Jahre, nachdem es  im Zuge des Arabischen Frühlings auch in der Syrischen Arabischen Republik zu Protesten gegen das autoritäre  Assad-Regime kam und damit auch die Hoffnung auf eine Demokratisierung  aufkeimte, ist die Zukunft des Landes weiter ungewiss und hat sich der Konflikt eher noch zugespitzt, als dass er etwa eingefroren wäre. Zwar hält die EU weiter an dieser Vision fest, indem sie, wie es in der Abschlusserklärung der von EU-Kommission und Vereinten Nationen organisierten Konferenz  jetzt heißt,  eine „politische Einigung“ fordert, die den „legitimen Erwartungen des syrischen Volkes“ entspricht. Freilich sind sich aber selbst die EU-Staaten  mit Blick auf die syrische Zukunft längst nicht mehr in allen Fragen einig. Forderte die EU noch vor einigen Jahren zusammen mit anderen  Staaten explizit den Rücktritt des syrischen Machthabers, gibt es laut Einschätzung von Beobachtern  inzwischen zwei Lager, wäre für  einige Staaten also auch eine Lösung mit Assad denkbar. Das nennt man  dann wohl  Realpolitik, weil sich Assad trotz aller Verbrechen, für die er verantwortlich ist,  an der Macht halten konnte und inzwischen weite Teile des Landes zurück unter seine Kontrolle bringen konnte.
Über die Assad-Frage hinaus hat der Bürgerkrieg allerdings im Verlauf der Jahre auch an Komplexität gewonnen. Russland, Iran, die Türkei, die Kurden: alle Interessen zu bedienen, ist eigentlich nicht möglich.
Da hilft es jedenfalls nicht, dass die Vereinten Nationen in den vergangenen Jahren vor allem durch das Gebaren der USA unter Präsident Trump starke Risse bekommen haben und kaum noch handlungsfähig sind. Es ist allzu bezeichnend, dass sich der UN-Sicherheitsrat selbst nicht mehr angesichts eines wirklichen gemeinsamen Feindes - dem Coronavirus -  einigen kann.
Der viel beschworene Multilateralismus ist vielleicht nur vorübergehend ausgesetzt, vielleicht nimmt er in diesen Zeiten auch dauerhaften Schaden. Die Leidtragenden sind aber in jedem Fall die Syrer.