TRIER
MARCUS STÖLB

Gibt es für jeden Topf wirklich einen Deckel?

Alle Jahre wieder, an Valentinstag, Hochfest der Verliebten und Pflichtdatum der Verheirateten, floriert das Floristikgewerbe und werden in den guten Restaurants schon mal die Tische knapp. Bei Kerzenlicht versichern sich mehr oder weniger frisch Vermählte anlässlich eines eigentlich eher willkürlich gewählten Anlasses ihrer Zuneigung.

Absolute Beginners dürfte der 14. Februar ein Graus sein. Menschen ohne Beziehungserfahrung, die mitunter bis in ihre fünfte Lebensdekade hinein unentwegt allein durch die Welt gehen und oftmals noch keinerlei sexuellen Erfahrungen machen konnten, werden sich an Tagen wie diesem ihrem Schicksal mehr denn je bewusst. Dabei ist es in einer sexualisierten Mediengesellschaft ohnehin schwierig genug, sich als AB zu outen. Dass jemand mit 30 oder älter noch nie Sex hatte, bleibt für viele schier unvorstellbar.

Dabei finde sich in fast jedem Bekanntenkreis ein Mensch, der diese Erfahrung durchlebt, schreibt Maja Roedenbeck. Die Berliner Autorin hat dem weitgehend ignorierten Phänomen nun ein Buch gewidmet. „Und wer küsst mich? - Absolute Beginners - Wenn die Liebe auf sich warten lässt“, basiert auf knapp zwei Dutzend Interviews mit Betroffenen fast aller Altersklassen sowie Gesprächen mit Psychologen. Einfühlsam doch nicht gefühlig beschreibt Roedenbeck die tagtägliche Not der ABs, die mitnichten rein sexueller Natur ist.

Am Verdursten

Dass gleich zu Beginn der erst 20 Jahre alte Fachinformatiker Bastian zu Wort kommt, scheint ein Klischee zu bedienen und wirft eine Frage auf: Ab wann gilt man noch als Spätstarter oder schon als Absolut Beginner? Die Grenzen sind fließend! Er fühle sich mitunter, „als wäre man am Verdursten und würde hinter einer dicken Glasscheibe tausende Liter kaltes Wasser erblicken“, berichtet Bastian und ergänzt: „Dieses Gefühl ist auch mit 20 schon unerträglich“. Die Autorin erzählt von Männern, die sich ihre ersten sexuellen Erfahrungen bei einer Prostituierten einkauften und Frauen wie der 43-jährigen Christine, die sich keine Illusionen macht: „Ich werde die wohl unbeschwerte Ausprobierzeit der Jugend nicht mehr nachholen können“.

Absolute Beginners bewegen sich oft zwischen Bindungsangst und Perfektionismus-Wahn - beides ist verheerend, will man sich auf eine Beziehung einlassen. Roedenbecks Buch rückt Menschen ins Bewusstsein, die es für viele Zeitgenossen nicht zu geben scheint, schildert ihre Ängste, aber auch ihre psychologischen Schutzmechanismen. Nach der Lektüre ist sich der Leser noch ein wenig bewusster - ein Leben mit Liebesbeziehungen ist nicht für alle Menschen selbstverständlich.
Maja Roedenbeck, Und wer küsst mich? Absolute Beginners - Wenn die Liebe
auf sich warten lässt, Ch. Links Verlag. Berlin 2012, 200 Seiten