LORENTZWEILER
SIMONE MOLITOR

Von der Dorf-Épicerie zur alternativen Medizin: Diana Calvário und Jérôme Koch haben den Schritt gewagt

Einzig die Werbetafel für Kaffee oben an der Fassade erinnert in Lorentzweiler noch an die frühere „Épicerie Kuerf am Duerf“, die Diana Calvário im Juli 2013 übernommen hatte. Seit Oktober letzten Jahres wird an dieser Adresse eine andere Produktpalette angeboten. Auch die Kundschaft hat sich geändert. „Dreams“ heißt der neue Shop, in dem sich alles um alternative Medizin dreht, wozu gerade auch CBD-Hanfprodukte gehören. Ein Hanfladen mitten im Dorf? „Ich habe wirklich alles versucht, doch die ,Épicerie‘ lief einfach nicht“, bedauert Diana Calvário. Konkurs anmelden, sei nicht in Frage gekommen, vielmehr entschied sie sich für eine Produktumstellung. Die Idee dazu lieferte Sohn Jérôme Koch, mit dem sie das neue Geschäft führt. „Er kannte sich bereits mit CBD-Blüten aus und hat mich schließlich davon überzeugt. Allerdings wollte ich mich nicht darauf beschränken, sondern allgemein auf alternative Medizin setzen. Eine besondere Genehmigung war übrigens nicht erforderlich, da der Lebensmittelladen ohnehin als S.à.r.l. funktioniert hatte“, erklärt sie uns. 

Produkte mit einer Funktion

„Mir war es wichtig, Produkte anzubieten, die eine Funktion haben. Viele Leute vertragen die üblichen Medikamente nicht mehr, haben Magenprobleme, geschädigte Nieren oder sonstige Nebenwirkungen und sind auf der Suche nach Alternativen“, fährt sie fort. „Nicht wenige haben das Vertrauen in die Pharmaindustrie verloren. Das ist auch ein wichtiger Punkt“, fügt ihr Sohn hinzu. Der Großteil der Kunden – übrigens aller Altersgruppen - komme natürlich wegen der CBD-Produkte. Im Angebot sind aber auch ätherische Öle, Hanf-Schokolade, Cremes, Weihrauch, Shampoo und so weiter. „Gelegentlich müssen wir Aufklärungsarbeit leisten oder mit Vorurteilen aufräumen: Nein, wir verkaufen keine Drogen, CBD-Hanf wirkt im Gegensatz zu Cannabis mit THC-Gehalt eben nicht psychoaktiv, sondern in erster Linie beruhigend. Die meisten Kunden wissen aber ziemlich genau, was sie wollen und sind bereits gut informiert“, bemerkt Calvário.

Natürlich wollen wir wissen, wie die Reaktionen der Dorfbewohner waren, als aus ihrem „Tante-Emma-Laden“ plötzlich ein Hanfshop wurde? Die Geschäftsführerin lacht: „Fifty-fifty, würde ich sagen, wobei wir ja auch nicht mitbekommen, was draußen so geredet wird. Unsere Kunden sind jedenfalls total zufrieden, und es werden immer mehr. Die einzige Kritik, die wir mal gehört haben, bezog sich auf die Fenster, die nicht durchsichtig sind, sodass das Ganze angeblich von außen etwas unheimlich wirkt. Das ist aber einfach eine Diskretionssache. Ein Teil unserer Kundschaft hat nicht nur physische sondern auch psychische Probleme. Manche kommen mit Tränen in den Augen zu uns, weil sie nicht mehr weiterwissen. Neugierige Blicke von außen müssen deshalb nicht sein“. Natürlich gebe es auch Skeptiker, die dann später umso überzeugter von den Produkten reden würden, wenn sie sie erst einmal ausprobiert und sie ihnen geholfen hätten. Bedient werden übrigens nur Volljährige.

Von Schlafproblemen bis Medikamentenabhängigkeit

In welchen Fällen werden also CBD-Produkte, ob als Tee oder Öl, empfohlen? „Das reicht von relativ banalen Einschlafproblemen über ADHS oder Medikamentenabhängigkeiten bis hin zu Schmerzen im Falle von schweren Krankheiten. Auch wenn manche Erkrankungen nicht heilbar sind, kann man durch den Konsum von CBD doch seine Lebensqualität verbessern. Zu unserer Kundschaft zählen darüber hinaus nicht wenige junge Leute, die versuchen vom THC wegzukommen und deshalb auf CBD umsteigen. In diesem Sinn kann man in gewisser Weise sogar von einer Ausstiegsdroge reden, um eben von dem härteren Zeug wegzukommen“, wird uns berichtet. Ihr Wissen haben sich die beiden Autodidakten übrigens durch das Verschlingen etlicher Bücher, das Lesen von Online-Berichten und den Austausch mit anderen Hanfladen-Betreibern angeeignet, dies um wirklich eine fachgerechte Beratung bieten zu können. Auch das Feedback der Kunden helfe, um weiter an Erfahrung zu gewinnen.

Die CBD-Blüten werden indes als Tee verkauft, auch wenn sie von einem überwiegenden Teil der Kunden geraucht werden. „Da Rauchen schädlich ist, können wir diese Form des Konsums natürlich nicht empfehlen. Was die Leute zuhause machen, ist aber ihre Sache. Über einen ,Vaporizer‘ inhalieren, ist da schon empfehlenswerter“, erklärt Koch. Die Produkte beziehen die beiden aus Luxemburg, der Schweiz, Holland, Deutschland und Frankreich. „Dreams“ ist übrigens neben drei weiteren Shops Mitglied im „Hanf Verband Lëtzebuerg“ und Calvário noch dazu deren Sekretärin. „Dies um uns eine gewisse Qualitätscharta zu geben und uns gleichzeitig von schwarzen Schafen abzugrenzen, die es durchaus gibt und die nicht gut für unser Image sind. Wer Mitglied sein will, muss sich nämlich an bestimmte Bedingungen halten“, sagt sie. 

Diskussion um Cannabis-Legalisierung

Auch in die momentane Diskussion um die Cannabis-Legalisierung versuchen sich die zwei einzumischen. „Manche Leute sehen darin nur den eigenen Profit, sie haben die Sache aus den Augen verloren. Uns geht es darum, dabei zu helfen, das Ganze in die richtige Richtung zu denken“, erklärt uns Koch. „Ich persönlich sehe die Pflanze nicht als Rauschmittel, sondern in erster Linie als Heilpflanze. Das gilt auch für Cannabis mit THC-Gehalt, der sich beispielsweise für Multiple Sklerose- oder Tourette-Patienten eignet“, fügt Calvário hinzu und gibt gleich zu verstehen, dass sie auch nach der absehbaren Legalisierung keinen „Kiffer-Laden“ aus ihrem „Dreams“ machen will.

Weitere Infos zum Shop in Lorentzweiler: tinyurl.com/DreamsShop

HINTERGRUND

Was ist CBD, das sogenannte Cannabidiol?

Der medizinische Einsatz der Hanfpflanze wurde bereits vor 5.000 Jahren praktiziert. Wissenschaftlich konnten mittlerweile 489 wesentliche Bestandteile in der Hanfpflanze bestimmt werden, darunter auch 70 Phytocannabinoide. Davon am besten bekannt sind die Tetrahydrocannabinole (THCs), Cannabidiole (CBDs), Cannabinole (CBNs) sowie Cannabigerole (CBGs). Der psychoaktive bzw. berauschende Bestandteil von Cannabis ist das THC. CBD gilt in diesem Zusammenhang als effektive, gut verträgliche und vor allem sichere Komponente der Hanfpflanze. Cannabidiole sind für die Selbstmedikation besonders interessant, da es antientzündliche, antiepileptische und antischizophrene Eigenschaften, ohne dämpfende Nebenwirkungen, entfalten kann. Der Einsatz von Cannabidiol erfreut sich im komplementären Bereich aufgrund der positiven Erfahrungsberichte einer zunehmenden Beliebtheit. CBD-reicher Nutzhanf darf daher aufgrund des niedrigen THC-Gehaltes legal angebaut werden, das Cannabidiol kommt dabei in höherer Konzentration im oberen Drittel der Pflanze sowie in den Blüten vor. Nach der Ernte werden die Pflanzenteile extrahiert oder auch für Auszüge in Öl eingelegt. Besonders hochwertig sind die CBD-Extrakte aus Co2-Extraktion. Durch das hitzefreie Extraktionsverfahren bleiben das kompletten Pflanzenstoffspektrum sowie alle Phytocannabinoide, ausgenommen THC, enthalten.