LUXEMBURG
BOB DIESCHBURG

DVD-Veröffentlichung: Verdis „Le Trouvère“ am „Teatro Farnese“

Eine Aufführung von „Il Trovatore“ sei im Grunde sehr einfach; man benötige nur die vier besten Sänger der Welt. Wie kaum ein anderes hat das Bonmot Carusos die Einschätzung von Verdis spätromantischem Meisterwerk geprägt. In dramatischem Eiltempo diktiert die Oper ein unerhörtes Maß an technischer Brillanz, die sie als Paradestück des italienischen Stils - vor allem in der Festspielsaison - fest im internationalen Bühnenrepertoire etabliert. Umso erfreulicher ist daher die DVD-Veröffentlichung von Robert Wilsons Inszenierung am „Teatro Farnese“ in Parma, die den Blick auf die Pariser Fassung von 1857 lenkt und durch ihr choreografisches Regieverständnis ein im Grunde antithetisches Verhältnis zur italienischen Erstversion eruiert.

Ein französischer Troubadour

„Le Trouvère“ wurde als Kompensation für einen verlorenen Rechtsstreit von François-Louis Crosnier, dem Direktor der Pariser Oper, in Auftrag gegeben. Verdi sollte sein 1853 uraufgeführtes Musikdrama den Anforderungen der Tradition der „Grand Opéra“ anpassen, wozu das obligatorische Ballett nach Ferrandos Rezitativ im dritten Akt gehört. Die französische Übersetzung stammt von Milien Pacini.

Gegenüber der italienischen Version fallen nur geringe Unterschiede auf, die im Wesentlichen auf zwei Faktoren beruhen: Der stilistischen Konvention und dem als raffinierter geltenden Geschmack des Pariser Publikums, sowie den Starqualitäten von Alto Adelaide Borghi-Mamo. So überrascht es nicht, dass die Partie der Azucena an Prominenz gewinnt und die Rollenpsychologie sich verschiebt: Die ödipale Mutterliebe tritt nunmehr als gleichberechtigt zum Verhältnis Manrico-Leonora in Erscheinung. Dies zeigt sich unter anderem in der Segnung Manricos, die auf die Coda Azucenas in der Schlussszene der Oper dramatisch folgt.

Minimalismus à l’américaine

Die Prämisse von Robert Wilsons Inszenierung liegt in einer Ästhetik der Diskrepanz, die sich antithetisch sowohl zur historischen Opulenz der Grand Opéra als auch zur betonten Dramatik des Librettos und gängiger Aufführungspraktiken verhält. Der amerikanische Regisseur benutzt das minimalistische Setting eines kubischen Raums als Aktionsfeld seiner als Choreografie verstandenen Regie. Dabei verzichtet er auf jegliches Bühnendekor; die fließenden Gesten seiner Protagonisten werden lediglich begleitet von einer scheinbar zufällig eingeblendeten Stadtfotografie Robert Rosenkranz‘. Die „Mise en Scène“ streift hier und im Ballett - mit Boxern und einer als Verdi verkleideten Figur - die ästhetische Kategorie des Absurden.

Leider bleibt sich Wilsons konzeptioneller Mut nicht konsequent und das choreografische Element rutscht allzu oft ins Plakative. Die Verwendung der Achsensymmetrie entpuppt sich als redundant zum Beispiel im Terzett des ersten Akts. Als Spiegelung des musikalischen Dispositivs gruppieren sich die Figuren in einer recht unspektakulären Dreierformation, die sich im Verlauf der Oper ad libitum wiederholt.

Die besten Sänger der Welt?

Das Dirigat von Roberto Abbado ist durchgehend inspiriert und trägt sowohl der komplizierten Akustik als auch der zurückhaltenden Regiesprache Rechnung. So erklingen die Arpeggios zu Beginn der Oper mehr als Träger einer Stimmung oder sogar Psychologisierung denn als cineastisches Bombast-Motiv. Das Gleiche gilt für die Cabalettas und insbesondere das klimaktische „Supplice infâme qui la réclame.“

Die Protagonisten sind mit Giuseppe Gipali, Franco Vassallo, Roberta Mantegna und Nino Surguladze sehr solide besetzt. Insbesondere Mantegna besticht durch ihre differenzierte Stimmführung in den Arien des ersten und vierten Aktes. Die Stimme besitzt ein unverkennbar italienisches Timbre, das sich mühelos dem französischen Adaptationskontext und seiner veränderten Vokalbildung anpasst. Bedauerlich ist lediglich das Unbehagen Vassallos, dessen Graf Luna sich einer scheinbar unüberwindbaren Sprachbarriere gegenüber sieht. Dem Gesamteindruck tut dies jedoch keinen Abbruch und „Le Trouvère“ präsentiert sich als audiovisuelles Kuriosum, das sich musikalisch und regietechnisch als Ganzes behaupten kann.

Robert Wilsons „Le Trouvère“ ist unter dem Label Dynamic als DVD und Blu-Ray erschienen.