LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Klassiker der Moderne: die Filarmonica della Scala unter Riccardo Chailly in der Philharmonie

Nach dem Gewandhausorchester Leipzig am vergangenen Donnerstag stand am Dienstag wieder ein großorchestrales Ensemble von Weltruhm auf den Brettern der Philharmonie. Mit Werken, die schon heute zu den absoluten Klassikern der Moderne zählen und mit einem Orchesterchef, der seit Jahren zur Elite der Weltbesten gehört, konnte man sich auf einen spannenden und wirkungsvollen Abend einstellen.

Oft als „Musik des Grauens bezeichnet“ zählt das dem russischen Kultgeiger David Oistrach gewidmete 1. Violinkonzert von Schostakovitsch zu seinen meistgespielten Werken. Und eben deshalb wird von dem Solisten, in diesem Fall der 1974 geborene russische Violonist Maxim Vengerov, der zu den bedeutendsten Interpreten unserer Tage zählt, eine besondere Hingabe und ungewohnte Originalität erwartet. Diese Erwartungen erfüllte Vengerov in einer Weise, die einfach sprachlos oder besser fassungslos machte.

Musikalisch perfekt inszeniert

Dass besonders im ersten Satz eine besondere Form von Geduld seitens der Zuhörer Voraussetzung und eine Eingewöhnung der Hörgewohnheiten nötig ist, wussten die Protagonisten auf unaufdringliche, aber konsequente Art optimal zu nutzen. Eine solche Intensität besonders im ersten Satz, wo die konzentrierte Phrasierung des Solisten und sein perfekt dosiertes Klangvolumen wie hypnotisierend wirkten, hatte man selten bei Werken ähnlicher Aussagekraft erlebt. Diese musikalisch perfekt inszenierte Ausgeglichenheit zwischen Solist, den dumpfen, bedrohlichen Klangbild der Streicher, teilweise unterstützt von Bassklarinette und Kontrafagott im Kontrast zu den blitzenden, prächtigen Einwürfen der Celesta und den Harfenistinnen vermochte Riccardo Chailly so bewegend und spannend zu vermitteln, dass unweigerlich ein hervorragender Film eines hoch interessanten Romans sich in unseren Köpfen abspielte.

Auch das höchste Ansprüche an den Solisten stellende Scherzo mit dem ergreifenden jüdischen Totentanz, die beeindruckende Solokadenz und die abschließende „Burlesque“ mit ihren volkstümlichen Melodien reflektierten das globale, fast programmhafte Geschehen, das exemplarisch kunstvoll in das überdimensionale Musikstück hineingezwängt wurde.

Venderov und Chailly lieferten hier eine Referenzdarbietung des gewaltigen Klanguniversums, die unwillkürlich Spuren hinterlässt und die Aussage des Chefdirigenten „Für mich bleibt nach jeder Aufführung einer Komposition von Schostakovitsch eine Wunde zurück, die nie verheilt“ kann man nach dieser markanten Interpretation, die den Ruhm des Solisten als Weltklassestar bestätigte, völlig nachvollziehen.

Unter einem Konzert für Orchester kann man sich vieles vorstellen und das späte Opus des ungarischen Komponisten Bela Bartok in irgendeine Schublade einzuordnen wäre ein völlig unsinniges Unternehmen. Genießen sollte man das rund 40-minütige Werk als Sinfonie mit konzertanten Einwürfen der einzelnen nach Klangfarben ausgewählten Gruppen.

Kammermusikalische Leckerbissen

Und eben diese kammermusikalischen Leckerbissen, diese auserlesenen Spitzfindigkeiten eines einmalig, originellen Orchestrators wusste das Orchester der Scala einzigartig, unschlagbar in die Tat umzusetzen. Die außerordentliche Flexibilität des Orchesters, die bewundernswerte Virtuosität sämtlicher Musiker, die unsymmetrischen Muster der Satzkonstruktion und die komplexen Interpretationsschichten eines abstrakten Klanguniversums, alles wirkt so ungezwungen und selbstverständlich, wie die Idealvorstellung einer unerschöpflichen, interpretatorischen Freiheit eines kompositorischen Geniestreichs nicht kunstvoller hätte sein können.

Ein Vorzeigewerk, das dem Orchesterchef Chailly sichtlich am Herzen liegt, wusste er doch selbst die verstecktesten, unauffälligen Skizzen oder Zitate markant und prosaisch zu realisieren und selbst der satirische Exkurs in die Welt der Operette mit „Heut gehn wir ins Maxim“ aus Lehars „Die lustige Witwe“ war hier nicht wie üblich, aufreißerisch präsentiert, sondern dezent in Bartoks Welt der volksnahen Melodien und Stimmungen integriert.

Zwei unvergängliche Werke, die uns dank der fantastischen Interpretationen als unvergessliches Konzerterlebnis in bester Erinnerung bleiben werden.