GREVENMACHER
GILLES SCHREINER

Die 20-jährige Luxemburgerin Catherine Weiler über ihre gemeinnützige Arbeit in Jamaika und die dort herrschenden Verhältnisse

Reggae, Rasta, Redemption Song. Bei diesen Wörtern denken auch Sie mit Sicherheit an ein Land, was in schier unendlicher Ferne inmitten der karibischen Idylle versteckt ist: Jamaika, Geburtsstätte Bob Marleys, Königreich des Hanf- und Urlaubsparadies mit TUI-Titelseitengarantie. Die 20-jährige Catherine Weiler aus Grevenmacher hatte den „Luxus“, sechs Wochen auf der drittgrößten Insel der Antillen zu verweilen. Doch Zweck ihres Aufenthalts war nicht die Flucht in die Erholung vom Alltag, sondern eine sechswöchige ehrenamtliche Arbeit - vom 18. April bis 30. Mai - für die Organisation „Projects Abroad“.

Far away, far away

Die 1992 in Großbritannien gegründete Freiwilligenorganisation bietet Dienste in über 25 Ländern aus aller Welt an, ob Projekte zum Schutz von Meeresschildkröten in Mexiko, Waisenhäuser in Ghana, Pferdetherapien in Argentinien oder Schulen in Jamaika. „Eine Bekannte nahm Teil an einem Projekt auf den Fidschi Inseln und ihre Erfahrung hat mich dazu verleitet, selbst tätig zu werden“, so die Spielerin der Musel Pikes. „Außerdem war es schon immer ein Traum von mir, alleine in die Fremde zu ziehen und so konnte ich nun beides miteinander vereinen“, ergänzt Catherine. Dass die Reise und Lebenskosten zu ihrer Last fielen, störte die ehrgeizige Studentin nur wenig, immerhin war sie doch bei einer äußerst liebevollen Gastfamilie untergebracht, wie übrigens auch die anderen 20 Ehrenamtlichen, die gemeinsam mit ihr den Dienst antraten und mit denen sie am Wochenende die traumhaft schönen Strände, Berge und Städte erkundigte.

Andere Verhältnisse

Die drei ersten Wochen half Catherine in einem Day Care-Center - einer Kindertagesstätte - in Mandeville, den Rest ihres Aufenthalts verbrachte sie als Sporterzieherin in der High School in Mile Gully. „Man kann das Leben und die Arbeitsbedingungen, die dort herrschen, unter keinen Umständen mit den Verhältnissen in Luxemburg vergleichen“, zeigt sich Weiler doch etwas schockiert über die Methodik des Personals: „Mir wurde von ‚Projects Abroad‘ am ersten Tag bereits mitgeteilt, dass es normal sei, dass die Kinder im Day Care Center von den ‚Erziehern‘ geschlagen werden. Wir sollten da am besten nicht eingreifen, das gehört einfach dazu“. Auch ist es so, dass die Erzieher gar keine Erzieher sind, sondern meistens unqualifizierte Hausfrauen, die auf die Kinder aufpassen. „Als junge fremde Europäerin hat man da natürlich wenig Einfluss”, so Catherine, „man kann dort keine Berge versetzen und ein neues Bildungssystem einführen. Es sind die einfachen Dinge des Alltags, kleine Gesten, mit denen man den Kindern ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Und die gesammelten Erfahrungen werden wir weitergeben an die Nächsten, die an diesem Projekt mitarbeiten. Nur so kann man auf lange Dauer etwas bewirken.“

… into a broken paradise

Einen prägenden Moment erlebte die Luxemburgerin am ersten Tag ihres Antrittes in der Mile Gully High School. „Ich betrat den Schulhof zum ersten Mal in dem Moment, als die gesamte Schule zum täglichen Gebet draußen war. In dem Moment herrschte Totenstille, hunderte Augenpaare waren auf mich, die einzige hellhäutige Person auf dem Komplex, gerichtet. Das war schon ein mulmiges Gefühl“, so Catherine. Aus ihren Schilderungen hört man heraus, dass die Rassenfrage in Jamaika nie wirklich beantwortet wurde. „Man hat ständig das Gefühl, die Einwohner suchten die Konfrontation oder wollten sich gar rächen für die Zeit der Sklaverei. Ständig hört man dumme Anmachsprüche und belanglose Parolen, die in die unterste ethnische Schublade gehören“, seufzt die charmante 20-Jährige. Und das Leben an sich? „Die Lebensqualität ist weitaus geringer, als wir das in Mitteleuropa gewohnt sind.“, so Catherine weiter. „Öffentlicher Transport existiert fast gar nicht, und auch ans Essen muss man sich erst einmal gewöhnen. Die Menschen sind ziemlich arm, auch wenn fast jeder ein Samsung-Smartphone besitzt“. Ein nahezu perfekt imperfektes Paradies mit Ecken und Kanten, die jedoch allerspätestens vom farbenprächtigen Abendhimmel und der sinnesberauschenden Meeresmusik vertrieben werden…