WELLENSTEIN
PATRICK WELTER

Die Weinlese 2020 hat ein Corona-Problem und den Weinbergen fehlt Wasser

Eigentlich wollten wir über den Stand der Dinge in den Weinbergen reden. Doch unser Gespräch mit Bernd Karl, dem Technischen Direktor der Vinsmoselle und später mit Serge Gales, Winzer aus Bech-Kleinmacher, über den Vegetationsstand in den Weinbergen und die bevorstehende  Weinlese dreht sich zunächst nur um eines – um Corona. Das blöde Virus lässt auch den Weinbau nicht aus seinen Fängen.

Nicht erst die Ankunft der Saisonarbeiter, die wie jedes Jahr aus Polen und Frankreich kommen, sorgt für coronabedingte Änderungen im üblichen Ablauf. Bernd Karl erläutert, dass schon mit dem ersten Auftreten der Pandemie im Frühjahr in den Betrieben der Genossenschaftskellerei alles umorganisiert wurde: Abstände, gestaffelte Nutzung der Umkleidekabinen, Desinfektionsmittel überall, regelmäßige Reinigung von Flächen und Anlagen und Maskenpflicht, wenn ein Abstand von anderthalb Metern von Mensch zu Mensch nicht einzuhalten ist. Die Betriebe, unter anderem in Wellenstein, Wormeldingen und Grevenmacher, sind, mit Ausnahme der „touristischen Bereiche“, für Außenstehende geschlossen.
Für die bevorstehende Lese haben die Winzer der Genossenschaft einen Katalog mit Verhaltensweisen erhalten, um die Ein- und Ausfahrt bei der Anlieferung der Trauben so reibungs- und vor allem kontaktlos wie möglich zu gestalten. „Das lockere Gespräch zwischen den Winzern wird es nicht geben – Abstand halten ist angesagt“, meint Bernd Karl. Obwohl die Ladehallen alle hoch und gut durchlüfte sind, will man das Ansteckungs-Risiko so klein wie möglich halten. An den Annahmestellen wird vieles umgebaut werden und auch die Bude mit der Kaffeemaschine bleibt zu. Bei der Vinsmoselle sieht man die kommende Lese genauso, wie die es die Biowinzer bereits vor zwei Wochen sagten: „Das Gemeinschaftsgefühl fällt weg!“ – genau das, was eine Lese trotz aller körperlichen Anstrengung zu einem positiven Erlebnis macht.

Die Saisonarbeiter sind entsprechend untergebracht und in den Betriebsräumen der Kellereien wurden beispielsweise zusätzliche Sozialräume eingerichtet und die Arbeiter werden in festen Teams zusammengestellt. Das Landwirtschaftsministerium hat eine Empfehlung für das Verhalten während der Lese im Wingert herausgegeben: Abstand halten ist alles. Was eine ganze Reihe von Problemen beim Transport der Erntehelfer mit sich bringen wird, selbst das Mittagessen wird es nur mit Abstand geben.

Das Ausweichen auf Maschinen ist nur bedingt möglich. Der Einsatz von Vollerntern zur mechanischen Weinlese ist nur bei einfachen Reb- und Weinsorten erlaubt. Für Qualitätsweine ist eine Lese per Hand unerlässlich.

Verluste sind nicht auszugleichen

Nicht nur die Regeln für eine kontaktlose Ernte setzen den Winzern zu. Das gesamte Jahr 2020 ist durch Corona finanziell verhagelt. Es gab Umsatzeinbrüche bis zu 50 Prozent. Das Gastronomiegeschäft läuft zwar wieder an, aber verhalten. Was vor allem fehlt sind die Wein- und Kirmesfeste sowie die Bustouristen, die die Kellereien sonst den Sommer über besuchten. Es gibt keine MICE-Veranstaltungen von und für Firmen und vermutlich auch keine Weihnachtsfeiern.

Wenigstens können Weinproben im kleinen Rahmen durchgeführt werden, das Privatkundengeschäft läuft ordentlich und vor allem der Absatz über das Internet hat sich drastisch verbessert. Dennoch, die geschäftlichen Verluste aus den anderen Bereichen kann der Weinbau in keiner Weise auffangen, so Bernd Karl. Wein sei eben ein „Luxusgut“, das in einer Krise nicht direkt lebenswichtig ist.

Zu trocken

Nach dem virologischen Kapitel  kamen wir dann doch noch aufs Wetter und die Erwartungen an die Lese 2020 zu sprechen. Damit wurde es aber auch nicht besser, denn der letzte richtige Regen fiel im Februar. Seit März hat es extrem wenig geregnet, der April war sogar besonders trocken. Trockenheit greift in erster Linie junge Weinstöcke an, aber in diesem Jahr haben auch ältere Stöcke Trockenstress. Ob die Lese früher als zum üblichen Termin, um den 19. September herum, beginnen wird, hängt davon ab, ob es nun ein paar Tage regnet. Bei ausreichender Wasserversorgung erhalten die Trauben einen letzten Wachstumsschub und ein Lesebeginn um den 10. September herum könnte möglich werden.

Die gute Nachricht lautet: Im Grunde sind die Trauben gesund, es gibt praktisch keinen Pilzbefall in diesem Jahr. Je nach Lage, nicht im oenologischen Sinn, sondern so wie sie gerade zur Sonne stehen, haben einige Trauben Sonnenbrand erlitten und sind deutlich verkümmert. Winzige Abweichungen in der Ausrichtung reichen aus, dass es den einen Stock erwischt und den daneben nicht.

Was die Winzer aber erschrickt, ist das vereinzelte Auftreten von Esca, einer Virus oder Pilzerkrankung, die einen Weinstock schockartig absterben lässt. Serge Gales beschreibt es als „plötzlichen Herztod“. Hintergründe und Zusammenhänge sind noch nicht erforscht.

Wärmeliebende Sorten kommen

An der Mosel wird jetzt der erste Merlot angebaut. Die veränderten Klimabedingungen machen es notwendig, wärmeliebende Traubensorten auszuprobieren. Anfangs sahen sich die Winzer auf der Gewinnersete des Klimawandels. Die Wärme brachte gute Jahrgänge, aber die zunehmende Trockenheit sorgt jetzt für Probleme. Der letzte Eiswein – für den es eine Temperatur von -7 Grad braucht – wurde 2014 gelesen. Seit dem setzt man bei der Vinsmoselle auf Strohwein.

Im Wingert

Vor Ort, in den Weinbergen über Wellenstein kann man dann sehen, wie die Einflüsse manchmal von Stock zu Stock oder in einer Parzelle sichtbar werden. Rechts hängen volle Pinot-gris-Trauben, links – weniger vor der Sonne geschützt – sind in den Trauben einzelne oder alle Beeren durch Sonnenbrand zu harten Knoten zusammengeschrumpft. Alle Stöcke in dieser Lage scheinen gesund und kräftig zu sein, doch ein paar Reihen weiter steht ein Stock – inmitten der anderen – und ist völlig tot. Ein Esca-Opfer.

Auf der anderen Seite des Dorfes besuchen wir eine Parzelle mit relativ jungem Chardonnay, wo selbst der Laie die unterschiedliche Vegetation erkennen kann. Die Stöcke im unteren Abschnitt sehen ein bisschen schmal und schlapp aus, während die obere Hälfte in prächtigem vollem Grün steht und voller Trauben hängt. Einfache Erklärung: Die oberen erhalten ausreichend Wasser aus dem Boden, die unteren haben Trockenstress.

Fazit: Die Lese wird mengenmäßig deutlich besser ausfallen als letztes Jahr, als Spätfrost und Sonnenbrand für einen kleinen aber guten Jahrgang sorgten, aber es wird alles sehr kompliziert werden.