COLETTE MART

Ein Frauenschicksal ging um die Welt. Ein junges Mädchen wurde in Indien im Beisein ihres Freundes von mehreren Männern vergewaltigt, und danach so brutal misshandelt, dass die Weltöffentlichkeit plötzlich nach Indien schaute. Endlich!

In einem Land, wo jede zwanzig Minuten eine Frau vergewaltigt wird, wo eine korrupte Polizei grundsätzlich die Täter schützt, wo alle drei Minuten eine Frau innerhalb der Familie körperlich oder seelisch gequält wird, erregt hier und jetzt ein Einzelschicksal Aufsehen. Ein Mädchen wird misshandelt und getötet, ihr Freund wird grausam erniedrigt und kann ihr nicht helfen. Und endlich steht ein Land auf und setzt sich für Recht und Gerechtigkeit ein.

Obwohl politische Beobachter, Bürger und Frauenrechtler weltweit jeden Tag mit ähnlichen Nachrichten konfrontiert werden, erscheint es, als wäre auf einmal in der Weltöffentlichkeit jener Funke übergesprungen, der so lange auf sich warten ließ.

Das Drama der Vergewaltigungen in Indien, genauso wie in vielen anderen Ländern der Welt besteht nicht nur in der Grausamkeit der Handlung selbst, sondern ebenfalls in der Ächtung des Opfers, das keine Rechte hat, das sich schämen muss und je nach dem von Familie und Gesellschaft ausgeschlossen wird.

Angesichts der Brutalität der Tat in Indien ist es schwer, überhaupt die Betroffenheit zu überwinden und sich in eine Analyse vorzuwagen, wieso gerade jetzt, anlässlich dieser Jahreswende 2012/2013, genau das geschah, was hoffentlich zu einer weltweiten Wende in der Sensibilisierung gegen sexuelle Gewalt führen wird. Seit etwa zwei Jahrzehnten emanzipiert sich Indien auf weltwirtschaftlicher Ebene, viele Frauen haben Zugang zum Studium und zu führenden Positionen. Parallel zu dieser sowohl intellektuellen als auch sozialen Öffnung des Landes grassiert in Indien jedoch weiterhin der dunkelste Obskurantismus. Erniedrigendes Kastendenken, Vergewaltigung, Verbrennungen, Abtreibungen weiblicher Föten und Tötung neugeborener Mädchen bleiben die tragische Kehrseite des aufstrebenden Indiens.

Während die Tötung weiblicher Babys hin und wieder tatsächlich weltweites Aufsehen erregt, ist dies für Vergewaltigungen keineswegs der Fall. Sexualität ist Tabu, Vergewaltigungsopfern wird nachgesagt, sie seien Mitschuld, was sich dann auch im rezenten indischen Drama bestätigt, da sich ein bekannter Guru in diesem Sinne geäußert hat. Indien hat eine dynamische Frauenbewegung, aber die Tatsache, dass hier ein Land aufgestanden ist, steht nicht direkt in Verbindung mit dieser Bewegung. Hier haben sich Männer und Frauen, Eltern und Großeltern gemeinsam für mehr Gerechtigkeit für ihre Frauen, Mütter und Töchter eingesetzt, hier ging eine Information um die Welt, auch wegen der Tatsache, dass das Opfer ins Ausland transferiert wurde, die Grausamkeit des Mordes verheerend und der Ausgang tödlich war.

Es bleibt zu hoffen, dass Indien Schule machen wird, und dass sich auch in anderen Ländern der Welt Männer und Frauen dafür einsetzen werden, dass sexuelle Gewalt endlich kein Kavaliersdelikt mehr wird.