LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Künstler Jacques Schmitz hat etwas zu sagen - und malt es

An dieser ausdrucksstark bemalten Wand kommt man in der Kollektivausstellung „Fuel Box IV“ nicht vorbei, ohne genauer hinzuschauen. „Die Erschaffung der Welt“ heißt das großflächige Werk, das Künstler Jacques Schmitz in der Halle des ehemaligen „AS Adventure“ in einem regelrechten Rennen gegen die Zeit realisiert hat. Das Ergebnis ist ein echter Blickfang. „Es war tatsächlich eine Herausforderung. Neun Tage hatte ich, um etwas derart Riesiges zu malen, zum Schluss hat jede Minute gezählt. Zuhause in meinem Atelier habe ich nicht die Möglichkeit, in solchen Dimensionen zu malen, deshalb hat es mich umso mehr gereizt, bei dieser Ausstellung mitzumachen. Das Konzept der Fuel Box ist auch deshalb so interessant, weil man weiß, dass man sich in einem Gebäude noch einmal voll austoben kann, bevor es abgerissen wird. Das ist etwas anderes, als in einer Galerie auszustellen, die ja doch steriler ist und wo alles schön auf weißem Hintergrund hängt“, erklärt uns der 29-Jährige.

Befreiender Prozess

Jacques Schmitz ist einer von 80 Künstlern, die ihre Werke momentan bei der vierten Auflage der „Fuel Box“ in Howald zeigen. Da teils auch direkt auf die Wände und Böden gemalt wurde, sind in der ausgedienten Halle zwangsläufig auch viele vergängliche Kunstobjekte entstanden. Blutet das Künstlerherz nicht beim Gedanken, dass das Werk der Abrissbirne zum Opfer fällt? Jacques Schmitz winkt ab. „Die Arbeit war irgendwie befreiend. Normalerweise male ich mit Öl, das ist ein langwieriger Prozess, und vor der weißen Leinwand hat man immer etwas Angst. Hier konnte ich einfach loslegen, noch dazu mit dem Wissen, dass es nur temporär ist. Übrigens habe ich für die Wand tatsächlich einen Käufer gefunden“, freut er sich.

Unverkennbar spiegelt sich die Corona-Krise durch integrierte Zeitungsartikel in „Die Erschaffung der Welt“ wider. Welche Themen beschäftigen ihn normalerweise? „Die aktuelle Zeit spielt generell eine Rolle in meiner Kunst. Ich versuche immer, eine gewisse Zeitkritik einzubringen, manchmal nuancierter, manchmal radikaler“, antwortet der Künstler. Die Einschränkungen hätten sein Leben aber nicht komplett auf den Kopf gestellt. „Als freischaffender Künstler befindet man sich ohnehin meist in einer freiwilligen Isolation. Stundenlang ist man zuhause mit sich allein beschäftigt. Der Lockdown hat dafür aber die Chance auf Sichtbarkeit eingeschränkt, deshalb ist es gut, dass die Fuel Box ihre Türen trotzdem noch öffnen konnte. Wenn man etwas malt oder schafft, will man es schließlich auch einem Publikum zeigen.“

Bewusste Entscheidung ohne Kunststudium

Seit Schmitz im Februar beim „Salon d’Art contemporain d’Esch-sur-Alzette“ mit einem Preis ausgezeichnet wurde, haben sich einige neue Möglichkeiten aufgetan. „Ein solcher Preis verhilft natürlich zu Aufmerksamkeit und ist eine Anerkennung. Die damit verbundene finanzielle Unterstützung ist aber auch wichtig. Ich bin hauptberuflicher Künstler und Autor, das ist also eine Frage des Überlebens. Es ist nicht immer einfach, von seiner Kunst zu leben, trotzdem war es eine bewusste Entscheidung“, unterstreicht er. „Eine gewisse Naivität spielt wohl auch mit, oder nennen wir es Idealismus. Man ist sich schließlich bewusst, dass dieser Weg mit gewissen Faktoren zusammenhängt, die vor allem finanziell vielleicht weniger angenehm sind. Ein geregeltes Monatseinkommen hat man nicht. Dennoch hätte ich mehr Panik bei der Vorstellung, 40 Jahre lang bis zur Rente jeden Tag von 8.00 bis 17.00 das Gleiche machen zu müssen. Im Moment überwiegen für mich ganz klar die Vorteile. Mehr Zeit und weniger Geld ist mir wichtiger als mehr Geld und weniger Zeit“, verdeutlicht er.

Dass er Künstler werden würde, sei ein ganz natürlicher Weg gewesen. „Mein Vater ist Künstler und Kunstlehrer, zwangsläufig war ich dem also von klein auf ausgesetzt“, lacht er, „seit ich denken kann, sehe ich ihn an seinem Zeichenpult stehen. Irgendwann habe ich dann einen der Pinsel in die Hand genommen und es selbst versucht.“ Den klassischen Weg in Form eines Kunststudiums hat Jacques Schmitz trotzdem nicht eingeschlagen, sondern Germanistik und Philosophie studiert. „Aus voller Überzeugung. Dieses Wissen ist inhaltlich auch von absolutem Vorteil für meine Kunst. Ob man nun eine teure Akademie für Malerei besucht oder nicht, man befindet sich danach in genau der gleichen Ausgangssituation. Schließlich sucht niemand über eine Ausschreibung nach einem offiziell ausgebildeten Künstler. Jeder muss sich seine eigene Szene aufbauen. Ich glaube absolut an das Prinzip vom Autodidakten“, sagt er und fügt hinzu, dass er durch seinen Vater ja ohnehin quasi mit Privatlehrer aufgewachsen sei. „Manchmal auch unfreiwillig, ich konnte nie im Urlaub in eine Kirche gehen, ohne alles darüber zu erfahren. Schon mit drei Jahren wusste ich, was eine gotische und was eine romanische Kapelle ist“, schmunzelt er.

Neben der Kunst widmet sich der junge Mann dem Schreiben. „Das sehe ich durchaus ebenfalls als Kunst, alles hat miteinander zu tun. Theaterstücke und Gedichte schreibe ich beispielsweise, und vor kurzem einen Dokumentarfilm. Wir warten momentan auf die Zusage des Film Fund für eine finanzielle Unterstützung, um mit der Produktion beginnen zu können. Damit war ich die letzten fünf Monate beschäftigt und an verschiedenen Orten der Welt unterwegs, um zu recherchieren und teils auch schon zu drehen. Jetzt habe ich wieder Zeit, mich auf die Malerei zu konzentrieren“, erzählt er.

Eigener Stil mit Parallelen

Als Künstler hat Jacques Schmitz indes einen ganz eigenen Stil entwickelt. Gibt es Vorbilder? „Sicherlich, ich denke aber nicht, dass ich mich ganz bewusst an einem Stil oder Künstler orientiere. Ich weiß nicht, ob es beunruhigend ist, aber das kommt wirklich relativ genauso von meinem Kopf über den Pinsel auf die Leinwand“, antwortet er und lacht. „Ich weiß, dass mein Stil an andere Kunstrichtungen erinnert. Das stört mich nicht, weil es Sachen sind, die ich mag. Expressionismus und Neue Sachlichkeit, alles das, was vor 100 Jahren am Laufen war. Ich sehe da durchaus soziokulturelle Parallelen. Damals ist der Mensch in dieser neuen Welt untergegangen, war überfordert und drohte, in der großen Masse anonym zu bleiben. Das haben wir meiner Meinung nach heute mit unserer globalisierten medialen Welt noch auf ein ganz anderes Level gebracht. Populistische Tendenzen ziehen wieder. Genauso war es auch in der Zeit des Expressionismus, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Ich sehe da beunruhigende Parallelen. Deshalb passt diese Stilrichtung auch ziemlich gut“, ist er sich sicher.

Aussagekraft elementar

Jacques Schmitz erzählt Geschichten in seinen Werken, transportiert teils kritische Gedanken und setzt auf Aussagekraft. Eine gewisse Portion Zynismus und etwas Selbstironie gehören dazu. „Es ist mir wichtig, etwas auszudrücken, alles andere ist für mich Dekoration und keine Kunst. Als Künstler muss man etwas zu sagen haben und sich auch trauen, dies zu tun. Das ist die strenge Messlatte, die ich mir selbst gebe. Wenn ich ein Bild male, weiß ich ganz genau, was ich erzählen will. Kunst muss Inhalt haben, sonst ist es belangloser Scheiß, dann kann man auch einfach bei Ikea einen Poster kaufen“, stellt er klar. Die Interpretierung seiner Werke überlässt er allerdings dem Betrachter. „Ich würde meine Bilder niemals genau erklären. Wenn man das tut, nimmt man ihnen die Magie, und letztlich das, was Kunst im Idealfall leistet, dass nämlich jeder Mensch etwas Individuelles dabei empfindet“, findet der Künstler.

Die Ausstellung „Fuel Box IV“ läuft noch vom 28. bis 31. Mai zwischen 14.00 und 19.00 in Luxemburg-Howald, 20, rue des Scillas (ehemaliges Geschäft „AS Adventure“). Mehr zum Künstler: www.schmitzjacques.com und Instagram: jacques_schmitz