CHRISTIAN BLOCK

Auch wenn es wohl kaum jemanden geben dürfte, der sich nicht zumindest prinzipiell für Inklusion ausspricht, so stellt sich spätestens bei der Umsetzung dieses Leitgedankens in die Praxis die Frage, was eigentlich genau damit gemeint ist. Die Debatte am Dienstag im Parlament über das Gesetz zur Schaffung der acht beziehungsweise neun Kompetenzzentren hat sich von der ansonsten eher üblichen Wiederholung des bereits Gesagten insofern abgehoben, als verschiedene Redner ihren Erfahrungshintergrund zur Geltung bringen konnten und so zumindest auch ansatzweise die grundlegende Frage diskutiert wurde, wie schulische Inklusion aussehen soll und wo sie möglicherweise ihre Grenzen hat. Soll das Ziel lauten, das Bildungssystem so auszurichten, dass alle Schüler den Regelunterricht absolvieren können? Oder wird Inklusion eher als Ideal angesehen, dem man sich zwar annähern will, von dem man aber ausgeht, es in der Praxis nie wirklich erreichen zu können?

Die jetzt verabschiedete Reform, die im Kontext der Reform des Inspektorats und einer substanziellen personellen Aufstockung zu sehen ist, zielt darauf ab, Inklusion als den Normalfall anzusehen. Der Ausbau des sonderpädagogischen Apparats dient dabei im Prinzip auch diesem Ziel, auch wenn Schüler mit dem Einverständnis der Eltern eine angepasstere Unterstützung erhalten können. Vieles wird allerdings von der Umsetzung abhängen. Ist in Zukunft garantiert, dass Eltern wirklich frei zwischen Regelunterricht und einer sonderpädagogischen Begleitung entscheiden können? Wie stellen sich die jeweiligen Kompetenzzentren auf und welche Methoden wenden sie an? Findet die Beschulung von Kindern mit spezifischen Bedürfnissen im jeweiligen Schulgebäude statt oder fernab? Kommen die zusätzlichen Ressourcen - in Form von Weiterbildungen oder Spezialisten- wirklich in den Klassen an? Wie wirken sich die Reformen der vergangenen Jahre und der zusätzliche Personalbedarf auf den Lehrermangel in der Grundschule aus? Die Antworten auf diese Fragen stehen noch aus. Entscheidend wird aber sein, dass, wenn eine intensivere Betreuung benötigt wird, diese im Interesse des Kindes, und nicht im Interesse der Schule erfolgt, wie der Sprecher der LSAP am Dienstag betonte.

Positiv hervorheben muss man die Schaffung der drei neuen Kompetenzzentren, die Lücken im bestehenden System schließen sollen. Dass so manche Kinder mit spezifischen Bedürfnissen deshalb heute ins Ausland gehen müssen, ist ein Punkt, den auch der Ausschuss zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen in seinem jüngsten Bericht vom vergangenen Oktober festgehalten hat.

Besagte Kommission bemerkt in ihren Schlussbeobachtungen allerdings auch, dass es in der Öffentlichkeit an einem Bewusstsein für die von Luxemburg 2011 ratifizierte UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen fehlt und dass Behinderungen im Bildungssystem - wie auch in der Gesellschaft insgesamt - negativ wahrgenommen werden. Inklusion zu befürworten ist eine Sache, sie auch zu leben ist allerdings eine ganz andere.