CLAUDE KARGER

Der diese Woche erschienene jüngste Länderbericht zu Luxemburg der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung birgt zwar keine großen Überraschungen, dennoch beinhaltet er einige Feststellungen, die in der öffentlichen Diskussion stärker in den Vordergrund gestellt werden müssten.

Wie schon in vergangenen Länderberichten applaudiert die OECD das solide Wirtschaftswachstum, das günstige Umfeld für Unternehmen, die gute Steuer- und Haushaltspolitik, die politische Spielräume zu schaffen vermag, die Attraktivität des Standorts für Arbeitnehmer aus aller Welt. Eine vorteilhafte Lage, die nicht vom Himmel fällt, und sich nicht nur durch konjunkturelle Faktoren erklären lässt, sondern auch durch beherzte politische Weichenstellungen, wie sie diese Regierung vorgenommen hat. Auch in Sachen Wirtschaftsdiversifizierung - sprich Reduzierung der Abhängigkeit vom Finanzplatz, der immer noch das Rückgrat der hiesigen Ökonomie darstellt, aber Schockwellen an den internationalen Finanzmärkten sehr direkt ausgesetzt ist - sind wir in den letzten Jahren ein bedeutendes Stück vorangekommen.

Auch in Richtung „grüne Wirtschaft“, wie sie in der Rifkin-Vision angepeilt wird. Luxemburg ist längst zu einem Laboratorium für „circular economy“ geworden und es gibt eine Menge Unternehmen, die weltweit Spitze bei Recycling und umweltschonenden Prozessen sind. Aber „grün“ heißt auch „dekarbonisiert“, also ohne die Nutzung fossiler Brennstoffe. Es ist zweifelsohne noch ein langes Stück des Weges bis etwa der Transportsektor ohne auskommt. Das ist nicht nur eine Frage der technologischen Umsattlung, sondern auch eine der hohen Investitionen in den öffentlichen Transport und der Anhebung der Akzisen auf fossile Treibstoffe, welche die Organisation befürwortet, ebenso wie die Untersuchung eines Maut-Systems um Staus zu vermeiden...

Da sind also eine Menge Transitionen gleichzeitig im Gange, die ungleich schneller verlaufen, wie frühere „Revolutionen“, wie Rifkin sagen würde. Und um sie zu bewältigen, braucht es auch die notwendigen Kompetenzen. Dass die OECD immerzu dazu mahnt, das Bildungswesen näher an die Anforderungen der Wirtschaft anzupassen, wird oft scharf als „neoliberal“ kritisiert. Und sicher muss die Bildung jungen Menschen mehr mit auf den Weg geben als technische Kompetenzen allein, aber es gibt zweifelsohne einen deutlichen Graben zwischen Unterrichtswesen und den Realitäten in der Arbeitswelt. So hat es viel zu lange gedauert, bis eine Regierung den Erwerb von digitalen Kompetenzen auf allen Ebenen des Bildungssystems konsequent förderte, wo doch schon seit vielen Jahren händeringend nach IT-Spezialisten und anderen Profis gesucht wird.

Einen wichtigen Akzent legt die OECD-Studie auch auf die frühe Individualisierung des Unterrichts, die Verbesserung der Übergänge zwischen den Programmen, den Ausbau und die Diversifizierung des Sprachenunterrichts, hochwertige Kleinkindbetreuung und später auch den Zugang zu Weiterbildung, für die mehr Urlaubstage gewährt werden sollen - es gab in letzter Zeit wichtige Reformen in diese Richtungen. Reformen, bei denen es nicht nur um die Adäquation der Bildung an die Anforderungen der Arbeitswelt geht, sondern um Chancengerechtigkeit und Inklusion in unserer komplexen Gesellschaft. Deren Kohäsion zu gewährleisten ist zweifelsohne die größte übergeordnete Herausforderung.