LUXEMBURG
SVEN WOHL

Karin Priem forscht auf der Grundlage von Fotografie - ein Medium, das überraschend komplex sein kann

Im „Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History“ (C2DH) der Universität Luxemburg wird auf unterschiedliche Art die Geschichte erforscht. Prof. Dr. Karin Priem arbeitet in dieser Hinsicht vor allem mit fotografischem Material. Im November erscheint der erste Band der Buchreihe „Appearances. Studies in Visual Research“. Wir reden mit Karin Priem über ihre Arbeit und die Bedeutung der Fotografie.

Wie sieht ihre Arbeit beim C2DH aus?

Karin Priem Ich bin Bildungshistorikerin und konzentriere mich dabei weniger auf die Geschichte von Bildungssystemen, sondern eher auf Grenzregionen, die im weitesten Sinne mit kulturellem Lernen und Identitätsbildung zu tun haben. Dazu gehören Bilder, aber auch museale Präsentationen und der Bereich der Public History. Seit einigen Jahren arbeite ich sehr stark mit dem Medium der Fotografie. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach um eine zentrale historische Quellengattung, die über viele Jahre hinweg als zweitrangig betrachtet wurde. Für mich ist sie der Einstieg in ein Forschungsthema.

Fotografien sind in der Regel sehr facettenreich und im Grunde nie eindeutig. Analoge Fotografien zeigen Ausschnitte der Realität, in denen immer mehr gezeigt wird als beabsichtigt, wo aber auch etwas verborgen werden kann. Die Fotografie ist zudem ein Massenmedium. Sie galt und gilt als leicht zugänglich und Fotografien haben viele Interpreten.

Fotos werden gerne als Abbild der Realität empfunden. Macht dies Ihre Arbeit schwieriger?

Priem Ich stimme Ihnen zu. Fotografien sind in der Regel emotional stark besetzt beziehungsweise rufen emotionale Reaktionen hervor. Diese Reaktionen reichen von „Das ist eine Vortäuschung der Realität“ bis hin zu „Ja, so ist es gewesen“. Um aus dieser Zwickmühle von richtig und falsch, von Täuschung und Wahrheit, herauszukommen habe ich in den letzten Jahren die Fotografiegeschichte mit der Medien- und Technologiegeschichte, d.h. auch mit der Handhabung und dem Gebrauch von visuellen Medien verbunden. Ich gehe davon aus, dass die Fotografie eine Technologie ist, die Bilder erzeugt, die in verschiedenen Medien und Kontexten reproduziert werden. Es ist ein Medium, das immer wieder neue Bedeutung erlangt, indem es horizontal und vertikal durch Raum und Zeit zirkuliert. Ein Bild das in einer bestimmten illustrierten Zeitschrift erscheint oder als Mittel der Propaganda eingesetzt wird wechselt häufig seine Bedeutung und Rezeption wenn es in anderen Publikationskontexten auftaucht. Man muss daher untersuchen, wie Bilder wandern und wie sie bei diesen Wanderungen ihre Bedeutung verändern und durch ihre ständige Reproduktion Transformationen erfahren.

Ein Projekt, das ich vor kurzem abgeschlossen habe handelte von den Zusammenhängen zwischen den medialen Strategien und den sozialen Initiativen der ARBED und wie diese das „moderne“ Luxemburg und seine nationale Identität geprägt haben. Dabei bin ich von einem Fotobestand ausgegangen, der ungefähr 1.400 Glasplatten-Negative umfasste, die mehrheitlich in den 1920er und 1930er Jahren entstanden sind. Diese Negative wurden von der ARBED erzeugt, um sie in Printmedien und in Filmen zu reproduzieren. Man hat diese Glasplatten also gewissermaßen für Werbe- und Propagandazwecke gemacht, aber auch um eine bestimmte „Corporate Identity“ der ARBED zu erzeugen.

Erst indem man diese Wege verfolgt und die Kontexte erschließt bekommt man stärkere Hinweise auf die Bedeutung des Mediums der Fotografie. Wir haben im CNA eine Ausstellung gemacht mit diesen Fotografien. Selbstkritisch muss ich sagen, dass wir diese Fotos in sehr schönen Rahmen und digital retuschiert ausgestellt haben, womit sie wie künstlerische Arbeiten und nicht wie Gebrauchsgegenstände wirkten. Das Publikum hat dann häufig auch entsprechend reagiert und sich auf die ästhetische Dimension konzentriert. Die Glasplattennegative sowie deren digitale Reproduktion sind übrigens Teil des Archivbestandes des CNA. Dabei sind sie von einem Firmenarchiv über den Freundeskreis des Institut Emile Metz in ein staatliches Archiv und Museum gewandert, wo sie dann aufwändig restauriert wurden. Das machte diese Glasplattennegative zum nationalen Kulturerbe. Sie dienen nach wie vor der Identitätsstiftung: Da die ARBED eng mit Luxemburg und seiner Bevölkerung verbunden war, hat das Unternehmen mit seinen Printmedien und visuellen Präsentationen auch wesentlich das nationale Selbstbild beeinflusst was nun durch die aufwändige Restaurierung, Archivierung und Digitalisierung der Glasplatten-Negative in einem nationalen Museum eine eindeutige, öffentliche und langfristig wirkende Bestätigung erhält.

Durch die Digitalisierung hat sich unser Verhältnis zu Fotos verändert. Macht das ihre Arbeit komplexer?

Priem Ja. Die Digitalisierung von historischen Fotografien gehört zu ihrer Geschichte als visuelle Medien: sie werden mit einer neuen Technologie in ein anderes, digitales Format transformiert. Damit sind sie in der Regel auch einem breiteren Publikum zugänglich. Zudem treten sie im Internet in neuen, oft überraschenden Kontexten auf. Aber die Originale bleiben nach wie vor interessant und müssen auch weiterhin in der Forschung beachtet werden: Historiker verfolgen häufig die (Vor-) Geschichte dieser digitalen Fotos, denn diese ist Teil ihrer Bedeutung und ihrer wechselhaften Biographie. Hinzu kommt: Nicht jede digitale Reproduktion zeigt das gesamte Foto, seine Rückseite oder Gebrauchsspuren.

Für das Buch, das jetzt in der Reihe „Appearances“ erscheint , habe ich mit dem UNESCO-Archiv und mit Magnum zusammengearbeitet. Ich kam mit den Archiven in Kontakt, weil ich mich für die Arbeit von Fotografen im Europa nach dem Zweiten Weltkrieg interessiert habe. In der Nachkriegszeit sind die Magnum-Fotografen David Seymour und Werner Bischof durch Europa gereist um die problematische Lage und Zerstörung zu dokumentieren. Es gab zum Beispiel damals viele Kinder - heute nennt man sie unbegleitete minderjährige Flüchtlinge -, die ihre Eltern verloren hatten und auf eigene Faust durch Europa gezogen sind. Im UNESCO-Archiv wurde mir gesagt, ich könne die Bestände der Nachkriegsfotografie nicht einsehen, da das gesamte Material noch in bisher ungeöffneten Kartons gelagert sei. Ich habe allerdings insistiert und es wurden die ersten Kisten für mich aufgemacht. Gleichzeitig hat die UNESCO gerade ein Digitalisierungsprojekt laufen, das verborgene Bestände ans Licht bringt. Im Zuge der Sortierungsarbeiten hat eine Archivarin - auch weil ich als Forscherin die Aufmerksamkeit darauf gelenkt habe - ein kommentiertes Foto-Album des Magnum-Fotografen David Seymour gefunden, der 1950 von der UNESCO den Auftrag erhielt, in Kalabrien ein Projekt zum Kampf gegen Analphabetismus zu fotografieren. Das Album liegt inzwischen für alle zugänglich in digitaler Form vor. Gemeinsam haben wir herausgefunden, dass Magnum die Negative von diesen Fotos in New York archiviert hat. So haben wir die gesamte Geschichte dieses Albums nach und nach, und schließlich auch in italienischen Archiven, erforschen können.

Die UNESCO hat nur einen geringen Teil von Seymours Fotografien für ihre Medienkampagnen benutzt, obwohl das Album selbst einen sehr viel breiteren Kontext hat und mehrere visuelle Erzählstränge anbietet. Die Kommentare und Bilder von Seymour wurden nur teilweise benutzt oder aber ignoriert, weil sie politisch nicht in die Mission der UNESCO gepasst haben. Aber auch Magnum hat diese Bilder promotet. Dies hatte zur Folge, dass sie zum Beispiel in nordamerikanischen illustrierten Zeitschriften und hier mit einem anderen Text erschienen. Das heißt ein Foto hat nicht per se eine Bedeutung. Seine Bedeutung wird durch die verschiedenen medialen Zusammenhänge, aber auch durch Archive erzeugt. Fotografien werden in einem spezifischen Kontext und nach bestimmten Kategorien archiviert und mit anderen Quellen unweigerlich in Beziehung gesetzt. Das ist für die Forschung sehr interessant und gleichzeitig eine Herausforderung - auch in Bezug auf Zusammenhänge, die zwischen verschiedenen Archiven und zeitgenössischen medialen Gebrauchsweisen bestehen.

Worum geht es in dieser Buchreihe?

Priem Die Buchreihe gebe ich mit Kollegen heraus. Wir sind ein internationales Team, das schon lange zusammengearbeitet hat und über viele wissenschaftliche Netzwerke verfügt. Ich habe mit unserem Verleger Kontakt aufgenommen und gefragt, ob sie nicht interessiert wären, eine Buchreihe zum Thema Visual Studies zu machen und dies mit dem Ziel visuelle Quellen stärker in der Medien- und Technologiegeschichte zu verankern. Da bin ich offene Türen eingerannt. Der erste Band behandelt das Foto-Album von Seymour, das ich gerade erwähnt habe. Darin gibt es drei eher wissenschaftliche Beiträge, aber wir drucken auch das gesamte Album und ausgewählte Bilder ab. Ein zusätzlicher Beitrag kommt aus Italien, wo Pressefotografen die desaströsen Zustände in süditalienischen Schulen in der Nachkriegszeit ebenfalls dokumentiert haben. Diese Fotos mit denen von Seymour in Beziehung zu setzen, ist ebenfalls interessant und zeigt ein ganzes Netzwerk von mit einander interagierenden Bildern, die natürlich auch in der Öffentlichkeit zirkulierten und immer noch zirkulieren. Wir werden zwei internationale Tagungen publizieren. In einem Band geht es um Fotografie und Film als Propagandamittel; im zweiten stärker um Technologiegeschichte und um digitale Aspekte der Fotografie.