LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Bastian Obermayer von der „Süddeutschen Zeitung“ war der Journalist, den die Quelle am Ursprung der Enthüllungen zuerst kontaktierte - Wie er mit den Informationen umging

„Hallo, hier ist John Doe. Interessiert an Daten?“ Diese Mail fand der „Süddeutsche Zeitung“-Investigativreporter Bastian Obermayer irgendwann 2014 spät abends in seinem E-Mail-Fach. John Doe ist das US-Äquivalent von „Max Mustermann“.

Kein Hinweis darauf, wer sich wirklich hinter der Botschaft verbirgt. Trotzdem bekundet Obermayer sofort Interesse. Aus dieser Kontaktaufnahme wurden dann knapp anderthalb Jahre später die „Panama Papers“.

Wie sah die Arbeit konkret aus? Und was geben die „Panama Papers“ noch her? Der Journalist hat unsere Fragen per E-Mail beantwortet.

ICIJ

Weltweites Konsortium investigativer Journalisten

„The World’s Best Cross-Border Investigative Team“, nennt sich das als Projekt des US-amerikanischen „Center for Public Integrity“ (CPI) 1997 gegründete „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ). Ziel des 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten „Centre for Public Integrity“ ist es laut eigenen Angaben „der Demokratie zu dienen durch Enthüllungen von Machtmissbrauch, Korruption und Bruch des öffentlichen Vertrauens durch mächtige öffentliche und private Institutionen“. Dazu dienen sollen die Mittel des investigativen Journalismus. Aus ICIJ wurde im vergangenen Februar eine eigenständige unabhängige Nachrichtenorganisation. Das ICIJ-Netzwerk zählt mittlerweile rund 190 Investigativjournalisten in 65 Ländern. In den letzten Jahren hat es unter anderem mit „Offshore Leaks“, „LuxLeaks“ aber auch mit Reportagen über Umweltverschmutzung, Tabakschmuggel oder Privatsöldner für Aufsehen gesorgt.

Wie haben Sie reagiert, als Sie von „John Doe“ angeschrieben wurden? Und später, als Sie erste Daten von ihm bekamen?

Bastian Obermayer Erst einmal war die erste Nachricht nur interessant, aber es war nicht ersichtlich, dass es sich um dermaßen viele Daten handeln würde. Ich habe insofern interessiert geantwortet, hatte aber keinerlei Idee, was danach kommen würde. Ähnlich verhielt es sich mit den ersten Daten, das war nur eine Handvoll Dokumente, und es ging noch nicht um die ganz großen Fälle.

War Ihnen sofort klar: Das ist eine Akte mit sehr viel Sprengkraft? Sie hatten zu dem Zeitpunkt ja bereits über Offshore-Firmen recherchiert.

Obermayer Nein, ich habe natürlich gehofft - aber eher darauf, eine gute Geschichte zu bekommen. Am Ende haben wir allein in der SZ um die 300 Artikel dazu geschrieben, und weltweit laut Zählung des ICIJ um die 5.000... Das war schon sehr erstaunlich.

Wie lief die Zusammenarbeit mit ICIJ? Wann haben Sie sich beim Konsortium gemeldet?

Obermayer Als wir die ersten größeren internationalen Fälle gefunden hatten - darunter den damaligen Premierminister Islands - rief ich Gerard Ryle an, den Direktor des ICIJ, und habe ihm von den Daten erzählt. Er kam darauf hin nach München und wir haben ein paar Tage gemeinsam recherchiert und überlegt, ob das ein Projekt wert wäre. Damals hatten wir aber immer noch erst 90 oder 100 Gigabyte. Erst ein paar Wochen später stand die Entscheidung, nochmals ein Steuerprojekt in Angriff zu nehmen, trotz Offshore-Leaks, Luxemburg-Leaks und Swiss-Leaks. Wir waren alle sehr skeptisch, ob die Leute nicht schon genug hätten davon. Hatten sie aber nicht, zum Glück.

Wie lief die konkrete Recherchearbeit? Was bedeutet das für einen Journalisten einen solchen Datenfundus aufzuarbeiten und zu kontrollieren, ohne aber zuviel über die eigene Arbeit preisgeben zu dürfen?

Obermayer Aufarbeiten im eigentlichen Sinne kann man das nicht, dazu sind es zu viele Dokumente, wir hatten am Ende ja 11,5 Millionen. Wir haben also versucht alles so gut wie möglich durchsuchbar zu machen, mittels OCR („Optical Character Recognition“), und dann haben wir angefangen Suchwörter in den Haufen zu werfen. Wie: PEP, „sanctions“, „search warrant“ oder ähnliches.

Und so kamen weitere richtig gute Fälle. Intern haben wir alle E-Mails verschlüsselt, und extern galt einfach: Klappe halten. Das betraf leider auch die eigene Redaktion. Viele unserer SZ-Kollegen haben am Tag der Veröffentlichung von unserem Projekt erfahren.

Sind Sie bei Ihrer Arbeit irgendwann irgendwie unter Druck gesetzt worden?

Obermayer Nur von den üblichen Anwälten, aber damit kann man nach ein paar Jahren umgehen. Und manchmal haben diese Anwälte auch recht - und gute Gründe, sich für ihre Mandanten einzusetzen.

Man muss bis zum Ende ergebnisoffen bleiben. Wir haben etliche Geschichten in den letzten Tagen gekippt.

Die Enthüllungen haben viel in Bewegung gesetzt, die „Panama Papers“ sind noch immer in aller Munde. Denken Sie, dass nun eine neue Ära der weltweiten Steuertransparenz einsetzt?

Obermayer Ich finde es toll, dass wir das Thema mit einem Schlag weltweit auf die Agenda gebracht haben, aber ob es wirklich weltweite Steuertransparenz geben wird?

Da bin ich sehr sehr skeptisch. Die Finanz-Lobby ist ziemlich stark, und die Entschlossenheit der Politiker manchmal eher gespielt. Wir werden das weiterhin beobachten, sachlich und als das, was wir sind: Journalisten. Nicht Aktivisten.

Sind die „Panama Papers“ völlig aufgearbeitet, oder gibt es da noch Dokumente, die erst in Augenschein genommen werden müssen?

Obermayer Es gibt noch sehr vieles, was nicht richtig und wahrscheinlich noch mehr, was noch gar nicht bearbeitet wurde. Man findet nur, wonach man sucht. Deswegen kann es sein, dass sich noch etliche große Geschichten darin verbergen. Genauso kann es aber sein, dass wir die besten gefunden haben. Wir werden jedenfalls weiterhin daran arbeiten.

ZUR PERSON

Bastian Obermayer

Bastian Obermayer, Jahrgang 1977, arbeitet seit 2005 für die „Süddeutsche Zeitung“. Zunächst als Reporter für das Magazin der Münchner Zeitung, dann, ab 2012, für die Tageszeitung. Dort koordinierte er als stellvertretender Leiter der Investigativabteilung die Arbeit an den „Offshore-Leaks“ (2013) und den „Panama Papers“. 

Gemeinsam mit seinem Kollegen Frederik Obermaier hat er kurz nach der Veröffentlichung der Resultate der „Panama Papers“-Recherche das Buch „Panama Papers - Die Geschichte einer weltweiten Enthüllung“ (Kiepenheuer & Witsch) veröffentlicht, in dem die beiden die Recherchearbeit erklären und erzählen.

Obermayer, der mit zahlreiche Preise für seine journalistische Arbeit erhielt, hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht, darunter eins über Dysfunktionen beim deutschen Automobilclub ADAC und eins über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche. (LJ)