LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Sommerserie: Wie das französische Kultmusical „Starmania“ entstand

Französische Musicals sind bis in die 1970er Jahre eine Seltenheit. Das bekannteste, „Irma la Douce“, wurde 1956 von Marguerite Monnot komponiert und schaffte es an den Broadway. Eine weitere musikalische Show war 1962 „La Grosse Valse“. Zu der Musik von Gérard Calvi spielte die damals berühmte Truppe der Branquignols, mit unter anderem Louis de Funès. 1973 lief „La révolution française“ im Palais des Sports in Paris. Komponist Claude-Michel Schönberg soll 1980 seinen größten Erfolg komponieren, „Les Misérables“.

Der französische Komponist Michel Berger (1947-1992) träumte seit seinen Hits, die er Anfang der 1970er Jahre für Françoise Hardy und seine spätere Frau France Gall komponiert hat, von einem eigenen Musical. Den Anfang macht das Lied „Au revoir Angelina“, das er im Duett mit France Gall 1974 singt. Berger inspiriert sich am Kidnapping von Patricia Hearst, der Enkelin und Erbin des amerikanischen Millionärs und Medienmoguls William Randolph Hearst. Eine Rockoper „Angélina Dumas“ zum Thema ist geplant, doch lässt Berger sie fallen. Ende 1975 lernt Berger den kanadischen Produzenten und Liedtexter Luc Plamandon kennen.

Verschiedene Titel

Anfang 1976 treffen sich die beiden in Paris. Schnell werden sie sich eins, ein futuristisches Musical zu erschaffen, das später als Cyberpunk-Musical eingestuft wird. Ein erster Titel „Le Monde est Stone“ wird jedoch fallen gelassen, wird aber als Liedtitel zurückbehalten. Auch die Inspiration am Fall Hearst gehört bald der Vergangenheit an. Einzig die gegensätzlichen Ideen dieser Affäre, Demokratie und Terrorismus, Humanismus und Kapitalismus, bleiben in der finalen Geschichte des Kampfes der rebellischen „Étoiles Noires“ von Johnny Rockfort gegen die Soldaten des Milliardärs und Herrscher über die Stadt Monopolis Zéro Janvier verankert. Und die Figur der Radiosprecherin Cristal hat auch noch einige Charakterzüge der Millionenerbin.

Über 50 Liedtitel werden komponiert. 1978 beginnen Berger und Plamandon, das Musical zu vermarkten. Das Musik-Label „Warner France“ hat mit Berger etliche Erfolge feiern können und produziert das Konzeptalbum der Show, die nun „ Starmania, ou la passion de Johnny Rockfort selon les évangiles télévisés“ heißt, als Doppel-LP. Daniel Balavoine singt den Rebellenführer Johnny Rockfort, Claude Dubois den Diktator Zéro Janvier und France Gall die Cristal. Zu diesem Zeitpunkt ist noch keine Rede von einer Bühnenfassung. Das Album verkauft sich überhaupt nicht. Erst als Berger und Plamandon in der Fernsehsendung „Exclusif“, die Marie-France Brière moderiert, die Chance bekommen, ihr Album vorzustellen, schnellt der Verkauf in die Höhe. Das Lied „Les uns contre les autres“ wird über Nacht ein Hit. Das Album verkauft sich über 2,2 Millionen Mal allein in Frankreich.

Die Bühnenfassung

Somit steht einer Bühnenfassung nichts mehr im Weg. Im Januar 1979 beginnen die Vorbereitungen, und die beiden Kreateure müssen ihre Geschichte, die jetzt nur noch „Starmania“ heißt, verfeinern und ergänzen. Doch alles klappt wie am Schnürchen. Tom O’Horgan wird als Regisseur engagiert. Er hat zuvor am Broadway „Hair“ und „Jesus Christ Superstar“ inszeniert. Am 10. April feiert das Musical seine Premiere im Pariser Palais des Congrès, mit in den Hauptrollen Daniel Balavoine (Johnny), Claude Dubois (Zéro Janvier), France Gall (Cristal), Diane Dufresne (Stella Spotlight), Eric Estève (Ziggy) und Nanette Workman (Sadia).

Die Show läuft nur einen Monat, prägt jedoch die französische Musikkultur mit Liedern wie „Complainte de la serveuse automate“, „Le Blues du businessman“, „La Chanson de Ziggy“ und ganz speziell „Le Monde est Stone“. „Starmania“ ist in Frankreich ein Kultmusical geworden, und wird etliche Male in Wiederaufnahme gespielt, auch wenn die Presse nicht den Geschmack des Publikums teilt. In Luxemburg gastiert „Starmania“ im Mai 1998 auf der Eisbahn in Kockelscheuer.

ZUM MUSICAL

Weltweite Aufführungen

* Das Musical feiert seine Premiere im September 1980in der Comédie Nationale (Station C) in Montreal (Kanada).
* Eine überarbeitete Fassung läuft ab dem 15. September bis November 1988 im Théâtre de Paris und im Théâtre Marigny und geht anschließend auf Tournee durch Frankreich.
* Eine neue Tournee-Produktion zieht 1990 durch Frankreich und wird ebenfalls in französischer Sprache in St. Petersburg gespielt.
* Am 14. Februar 1992 erlebt „Starmania“
seine deutsche Uraufführung im Aalto Theater in Essen, mit Uwe Kröger (Ziggy), Annika Bruhns (Cristal)
und Paul Kribbe (Johnny).
* Eine englische Fassung wird 1992 von Tim Rice geschrieben, „Tycoon“. Allerdings wird diese Version nie auf einer britischen Bühne gespielt. Lediglich in der Saison 1993-94 spielt die Truppe im Théâtre Mogador, wo „Starmania“ erneut aufgeführt wird, die englische Fassung jeweils freitagabends, und 1995 kam das Musical in dieser Version in El Paso, Texas (USA), zur Aufführung.