LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Colette Flesch und Simone Polfer zu Gast bei den „Femmes Libérales“

Sie hatten nicht zuviel versprochen, die „Femmes Libérales“, die am Donnerstagabend zu einer Konferenz über den Lebenslauf „zweier engagierter Damen“ in das Auditorium der „Banque de Luxembourg“ geladen hatten. Denn es sind zwei Frauen, die durch ihren besonderen Lebenslauf, aber auch durch ihre Lebenseinstellung hervorstechen und für einen sehr aufschlussreichen und inspirierenden Abend sorgten. Colette Flesch, Ehrenbürgermeisterin der Stadt Luxemburg, ehemalige Ministerin und sogar Vizepremierministerin, „Grande Dame“ der Demokratischen Partei, ist auch mit 80 noch sehr aktiv im gesellschaftlichen und politischen Leben dabei und hält sich fit nach dem Motto: „Leiwer eng Ditt a fit, wéi 20 an ëmmer midd“, wie sie selbst sagt. Im Interview mit Christiane Haller-Feidt erzählte sie, wie der Zweite Weltkrieg das Leben der gebürtigen Düdelingerin prägte, wie ihr Vater bei der Evakuierung aus Luxemburg im Mai 1940 starb, wie ihre Mutter sie im französischen Brives-la-Gaillarde großzog, wie die Familie im Keller über die BBC-Radiosendungen die Fortschritte der alliierten Truppen verfolgte. Der Krieg sei der Moment gewesen, in dem sie verstanden habe, dass Politik etwas im Leben bedeutet, sagt Colette Flesch, deren politische Karriere allerdings erst bei den vorgezogenen Wahlen im Jahr 1968 begann.

Die Bedeutung des Sports

Damals nahm sie an ihren ersten Parlamentswahlen teil. „Ich wurde von drei Parteien gefragt und wählte die, die mir am nächsten stand“, erzählte die Politikerin, die damals ein großes Renommee als Fechterin hatte. 1960, 1964 und 1968 war sie bei den Olympischen Spielen dabei. „Der Traum eines jeden Sportlers“, sagt Colette Flesch, die eine Lanze für den Sport insgesamt brach. Denn hier lerne man Disziplin, aber auch Werte wie Fair Play und gegenseitigen Respekt. „Sport war in meiner Erziehung so wichtig, wie das, was ich aus der Schule mitnahm“. Zum Fechten sei sie übrigens gekommen, weil die Ballettstunden, bei denen ihre Mutter sie eingeschrieben hatte, damit die Tochter ihre Haltung verbessere, nicht wirklich zusagten.

Nach den Wahlen 1968 rückte Colette Flesch nach der Regierungsbildung ins Parlament nach. Bei den Gemeindewahlen 1969 sollte sie auch den Sprung in den hauptstädtischen Gemeinderat schaffen, wo sie zugleich jüngstes Mitglied und einzige Frau war. Das hielt die damals 32-Jährige nicht davon ab, 1970 den Bürgermeisterposten zu übernehmen. „Eigentlich verdanke ich das den Escher Sozialisten“, erzählte sie, „denn die hatten dort eine Koalition mit den Kommunisten geschmiedet, obwohl sie mit der CSV verhandelt hatten“. Das hatte zur Konsequenz, dass die CSV in der Hauptstadt keine Koalition mehr mit der LSAP eingehen wollte und stattdessen eine Partnerschaft mit der DP wählte. Als „eine schwierige und herausfordernde aber auch sehr lehrreiche Zeit“ bezeichnete sie ihre Zeit in der Regierung zwischen 1980 und 1984, wo sie unter Pierre Werner Außenministerin, Wirtschaftsministerin und Justizministerin war. Es war die Zeit der Stahlkrise, in der „die Existenz des Landes auf dem Spiel stand“. Durch die gute Zusammenarbeit in der Tripartite aus Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgebern konnte die Krise schlussendlich gemeistert und weitere Pfeiler für die hiesige Wirtschaft errichtet werden. Auf die Frage, was ihr denn mehr zusagte, die Regierungs- oder Gemeindepolitik, antwortete die ehemalige Generaldirektorin in der EU-Kommission, das sei schwer zu sagen. Die Regierungsarbeit sei intellektuell herausfordernder, aber als Kommunalpolitiker könne man den Bürgern ziemlich direkt helfen. Auf die Frage, welchen Satz sie nicht mehr hören antwortete sie: „Lëtzebuergesch ass a Gefor“, werde das Luxemburgische doch heute mehr praktiziert als je zuvor, in der Politik, in der Korrespondenz, in der Literatur und in den digitalen Medien. Luxemburgisch sei ein „exzellenter Integrationsfaktor“, den viele Nicht-Luxemburger lernen möchten. „Wir dürfen aber nicht die Vorteile unserer Mehrsprachigkeit vergessen“. Auf die Stärken des multikulturellen Luxemburgs kam auch der zweite Gast des Abends zu sprechen: Simone Polfer. Die Soroptimistin ist erste Direktionsrätin in der Forschungs- und Innovationsabteilung des Wirtschaftsministeriums und sehr engagiert in zahlreichen Initiativen für die Förderung junger Frauen sowie erneuerbarer Energien.

Drei Erfolgsfaktoren Luxemburgs

Das Wirtschaftsministerium hat sich 2009 aufgestellt, um der Wirtschaft tatkräftig bei der Energiewende zu helfen und wurde nicht zuletzt von der EU-Kommission dafür gelobt, eines der besten Ökosysteme entwickelt zu haben, um das zu bewältigen. Aber Luxemburg habe auch international zu dieser Wende beitragen können. Simone Polfer erinnerte an die Führungsrolle des Großherzogtums unter den EU-Staaten beim Pariser Klimaabkommen im Dezember 2015. Damals hatte Luxemburg die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Eine der Kompetenzen des Landes sei zweifelsohne, Kompromisse einfädeln zu können, sagte die Rednerin, die die Offenheit Luxemburgs zu den Grundwerten zählt, die auch zum wirtschaftlichem Erfolg führen. „Brücken und keine Mauern bauen“, laute die Devise eines Landes, in dem rund die Hälfte der Einwohner nicht den luxemburgischen Pass besitzt und das täglich fast 190.000 Pendler anzieht. Die Diversität und Multikulturalität sei „der Schlüssel für die Innovationskraft unserer Wirtschaft“. Simone Polfer erinnerte daran, dass etwa die Stahlindustrie, das Banken- oder das Satellitengeschäft nicht hätte entstehen können ohne ausländisches Kapital und ausländische Arbeitskraft. Das Zusammenspiel verschiedener Kulturen und Erfahrungen bringe Großes hervor. Polfer zitierte einige Unternehmensbeispiele wie Ama Mundu Technologies, ein sehr internationales Team, das ein System zur Trennung von Wasser und Dünger aus Gülle erfunden hat, oder Carbon Process Engineering S.A, die mit einer Aktivkohletechnologie Schwefelsäure und CO2 aus Abgasen filtert.

Der zweite starke Wert für Luxemburg sei der Dynamismus, der auch Risikobereitschaft bedinge. Auch und vor allem von der Regierung. Polfer ist nicht der Meinung, dass der Staat lethargisch verwaltet sondern oft auch ein initiales Risiko auf sich nimmt, um die Entfaltung von Wirtschaftsbereichen zu fördern. So wurde der erste SES-Satellit mit einer Staatsgarantie von 500 Millionen Franken besichert. Wäre es schief gegangen, hätte das den Staat in den Ruin treiben können. Auch die Investitionen in „Space Mining“ wären ohne die Risikobereitschaft der Regierung nicht möglich.

„Make your values actionable“

Der dritte Erfolgsfaktor Luxemburgs ist laut Simone Polfer die Zuverlässigkeit. Unternehmen müssen darauf setzen können, dass ein Ja auch Ja bedeutet. Nur so können Projekte möglich werden wie etwa die digitale Botschaft Estlands - das Land hat eine Kopie seiner wichtigsten Daten in einem Datenzentrum in Luxemburg gebunkert, um im Falle des Falles sofort darauf zurückgreifen zu können.

Auch der Großherzog stehe für Zuverlässigkeit und Vertrauen. Weil er gute Beziehungen zur Leitung des Holzpaneeleherstellers Kronospan pflegte, kam das Unternehmen ins Land und baut heute nicht nur erneut aus, sondern forscht auch an Technologien, um seinen Erdgasverbrauch durch Energiegewinnung aus Biomasse zu ersetzen. „Wir haben unser Ökosystem auf diesen drei Grundwerten aufgebaut“, erklärte Simone Polfer abschließend und riet, diese auch im privaten Leben anzuwenden. „Ein großer Wert für mich ist die Familie. Ich muss aber Aktionen definieren, um diesen dann auch umzusetzen. Eine Aktion kann zum Beispiel sein, dass ich täglich mit ihr zu Abend esse, oder am Wochenende mit ihr zum Fußall gehe“. „Make your values actionable“, gab sie dem Publikum mit auf den Weg. Das sei auch ein wichtiges Prinzip, um die richtige „work-life-balance“ zu schaffen.


Mehr zu den „Femmes Libérales“,

die übrigens im kommenden Jahr ihr

50. Jubiläum feiern: liberales.lu