Ostende, im frühen 20. Jahrhundert als „Königin der Seebäder“ bekannt, zieht Luxemburger Urlauber seit mehreren Jahrzehnten an. Obwohl das Wetter leider allzu häufig nicht wirklich fantastisch ist, zieht die belgische Küste jährlich viele Besucher aus dem Großherzogtum an, schließlich ist das Meer nirgendwo näher an unseren Landesgrenzen und obendrauf sind Belgien und Luxemburg schon länger politisch wie auch wirtschaftlich miteinander verbunden.
Noch bis Anfang September ist im Kursaal die sehr interessante Lego-Ausstellung „The Art of Bricks“ zu sehen, am Strand sind derzeit Sandskulpturen zum Thema Disney zu bestaunen. Eine weitere Attraktion, welche hierzulande bislang kaum beachtet wurde, ist die „Marvin Gaye - Midnight Love Tour“, die seit nunmehr über zwei Jahren existiert. Moment, Marvin Gaye? Der US-amerikanische Soulsänger, der am Anfang der 1980er Jahre einen Riesenhit landete mit „Sexual Healing“? Ja, genau jenen Weltstar Marvin Gaye hat es im Februar 1981 mit seinem Sohn Bubby in den kleinen belgischen Seeort Ostende verschlagen.
Leidenschaftlich und ergreifend
Mit einem iPod und Kopfhörern ausgestattet geht es über zwölf Stationen auf eine zweistündige Reise in die Vergangenheit: Auf dem kleinen Bildschirm sind Marvin Gaye, der Erzähler und Soulsänger Jamie Lidell sowie mehrere damals in Belgien lebende Zeitgenossen zu sehen. Aufnahmen aus den Jahren 1981 bis 1983 und Interviews aus den 1990er und 2010er Jahren erzählen die Geschichte des Weltstars im Exil an der belgischen Küste auf eine leidenschaftliche und ergreifende Weise.
Seine besten Tage hatte Marvin Gaye 1981 hinter sich: Er war Anfang 40, hatte zwei gescheiterte Ehen hinter sich, vier Millionen Dollar Steuerschulden am Hals und seine Karriere war auf dem Tiefpunkt. Mit Drogenproblemen und Depressionen blieb er nach einer Europatour in London hängen. Logischerweise beginnt die Tour am Meer, Gaye kam nämlich damals mit der Fähre aus Dover. Auf dem iPod ist er in einen langen Mantel gekleidet und mit nachdenklichem Blick am Bug eines Schiffes zu sehen.
„Soul Chicken“, zubereitet von Arno
Freddy Cousaert, ein bekannter belgischer Promotoer, Clubbetreiber und Hotelier mit guten Kontakten in der britischen Soulszene hatte Marvin Gaye eingeladen und bot ihm an, zum Entspannen und Entgiften einige Zeit in seinem Hotel zu verbringen. In jenem Hotel arbeitete auch ein gewisser Arno Hintjens - dem heute bekannten belgischen Sänger ist derzeit auch eine Ausstellung in Ostende gewidmet - in der Küche, der dem US-Amerikaner regelmäßig auf Wunsch das Hähnchengericht „Soul Chicken“ zubereitete.
Der „Digital Walk“ trumpft auf mit vielen Erinnerungen: Cousaerts Witwe Liliane erzählt, wie der Weltstar schnell zu einem Freund der Familie wurde, die Interviews werden mit vielen Fotos und Videoaufnahmen illustriert. Gaye sah sich selber als Waisen und nannte Ostende sein Waisenhaus. Weitere Etappen auf der Tour sind unter anderem das Hotel Mercury, welches inzwischen Wohnungen gewichen ist, die Warschaustraat, die königlichen Bestallungen, wo Gaye häufig Basketball spielte, oder noch der Casino-Kursaal, in welchem Freddy Cousaert einen mäßig besuchten Auftritt für den Amerikaner organisierte.
Während seinen Exiljahren schrieb Marvin Gaye unterdessen auch seinen größten Hit „Sexual Healing“, der das Comeback-Album „Midnight Love“ hoch in die Charts hievte. Daran erinnert auch ein vier Meter hohes Schild an der Einfahrt in die Küstenstadt. Die empfehlenswerte, kurzweilige Tour endet am hellen Rundbau des Kursaals, wo im Foyer eine zweieinhalb Tonnen schwere Bronzeskulptur von Marvin Gaye am Piano zu sehen ist. Jenen verschlug es 1983 zurück in die Vereinigten Staaten, wo seine alten Dämonen - Drogen und Depressionen - ihn schnell wieder im Griff hatten. 1984 wurde er von seinem eigenen Vater im Streit erschossen.
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