LUXEMBURG
CLAUDE MULLER

Mahlers 9. mit dem „London Symphony Orchestra“ unter Sir Simon Rattle in der Philharmonie

Beethoven, Bruckner, Mahler, die Sinfonien dieser Meister der romantischen Tondichtung gehören seit Generationen zu den meistdiskutierten Schöpfungen der Musikliteratur. Warum besonders die verschiedenen Interpretationen der Mahlerwerke völlig unterschiedliche Eindrücke vermitteln können, davon wurden wir am Montag in der Philharmonie durch den exemplarischen Einsatz des Stardirigenten Sir Simon Rattle überzeugt.

Schon zwei Tage vorher kamen wir beim Kultursender „3sat“ in den Genuss dieses monumentalen Werkes, das im Ranking der fünf besten Sinfonien nach Beethovens Neunter den zweiten Platz belegt, mit dem WDR Sinfonieorchester unter Dirigent Jukka-Pekka Saraste.

Wenn nicht nur einer der weltbesten großorchestralen Klangkörper auf der Bühne unserer Philharmonie Platz nimmt, sondern zudem einer der beliebtesten, für seinen eleganten Führungsstil hochgeschätzten Meister der Klangzauberei auf dem Podium steht, ist natürlich höchste Spannung angesagt und die Erwartung des ohnehin verwöhnten einheimischen Publikums äußerst hochgeschraubt.

Hochgeschätzter Meister der Klangzauberei

Bei Sir Simon Rattle war von den ersten Tönen an klar, dass hier einiges anders als gewohnt war und sein gewisses Etwas, seine berühmten Subtilitäten, beständig das großangelegte anderthalbstündige Werk in neuem Licht erscheinen lassen würde.

Besonders beim ersten Satz, der fast nur aus effektvollen Klangfragmenten besteht und eigentlich keine konkreten melodischen Anhaltspunkte vermittelt, stellte Rattle seine wirkungsvolle Strategie, die Pracht und Herrlichkeit der kontrastreichen Orchestrierung bis zum Maximum zu intensivieren, in den Mittelpunkt des Geschehens. Selbst der kleinste Fingerzeig vermochte dem gewaltigen Klangkörper die Übergänge vom geheimnisvollen Pianissimo bis zum strahlenden Fortissimo in atemberaubenden Steigerungen abzugewinnen.

„Man hört quasi zwei Herzinfarkte im 1. Satz“ erläutert Thomas Hengelbroeck, Chefdirigent des NDR Sinfonieorchesters, das „von der ersten bis zu letzten Note enorm aufgeladene Stück“ kürzlich in einem Kommentar anlässlich eines Konzerts in der Hamburger Elbphilharmonie.

Im zweiten Satz allerdings, zu dem Mahler die Anweisung „etwas täppisch und sehr derb“ verfasste, konnte man anfangs, bedingt durch die sonst bestechende Leichtigkeit der Interpretation, das Makabre, das Groteske des volkstümlichen Ländlerthemas vermissen. Aber Rattle verstand es diesen leicht beschwingten Abstecher geschickt mit den kurzen disharmonischen Sequenzen des eigenartigen Verlaufs und den immer präsenten Sehnsuchtsmelodien zu einer spannungsgeladenen Stimmung zu kombinieren.

Wer ein Liebhaber von Fellinifilmen ist und die Musik seines Hauskomponisten Nino Rota schätzt, kommt nicht umhin im darauffolgenden „Rondo-Burleske“ Ansätze zu dessen skurrilen, gefühlsbetonten Klangkollagen zu bemerken. Nach den gewaltigen, kontrapunktischen Finessen der ersten Takte verstand Rattle es die manchmal humorvollen Passagen, die lyrischen Momente und die Tragik des erschütternden Werks mit seiner verführerischen Macht zu einem eindrucksvollen, komponierten Ausflug in Mahlers zerrüttete Seelenwelt voller Abschiedsvisionen zu konkretisieren.

Dynamische Gegensätze

Was es heißt die dynamischen Gegensätze dieses Wechselbads der Gefühle, die durch die raffinierte, wirkungsvolle Instrumentierung des Komponisten in bestechender Vollendung ausgearbeitet sind und ohne Unterbrechung höchste Konzentration der Musiker und des Orchesterleiters fordern, so treffend zu illustrieren, offenbarte sich noch einmal zusammenfassend im letzten Satz dieser komplexen, abstrakten Programmmusik. Ein Phänomen, dem wir schon im vergangenen Dezember bei dem „Lied von der Erde“ mit den selben Protagonisten begegnet sind. Besonders hervorzuheben sind die Leistungen der Hornisten, die mit ihren markanten Soloeinsätzen dem perfekten Gesamtbild des Weltklasse-Events die Krone aufsetzten.

Monumentales Meisterwerk

Mit dem monumentalen Meisterwerk, das 1909-10 in einer abgelegenen Gartenlaube, seinem „Komponierhäuschen“ in den Südtiroler Bergen entstand und dessen Uraufführung der Komponist nicht mehr erleben sollte, wo sich dank der hervorragenden Regie des Chefdirigenten Simon Rattle sowie der atemberaubenden Expressivität und der dramatischen Intensität des „London Symphony Orchestra“ pausenlos Höhepunkt an Höhepunkt reihte, konnten wir eine der eindrucksvollsten Soireen der aktuellen Saison erleben.

Der große amerikanische Orchesterchef Lorin Maazel sagte einmal, dass er diese Sinfonie nicht dirigieren werde, da sie ihn zu traurig und depressiv stimme.

Gestern stand dann in einem weiteren Konzert noch die zehnte, unvollendete Sinfonie von Gustav Mahler auf dem Programm.