PATRICK WELTER

Da freuen sie sich ein Loch in den Bauch, von alt bis jung. Die Altlinken genauso wie die neue Linke. Alle, die immer schon wussten, dass New-Labour oder Schröders Agenda 2010 böse Verbrechen an der reinen Lehre waren, hoffen nun auf ein Revival des weniger guten, aber ideologisch reinen Sozialismus. Mit der Wahl von Jeremy Corbyn zum neuen Vorsitzenden der britischen Sozialisten ist Old-Labour wieder auferstanden. Bejubelt von linken Kommentatoren, besonders von nichtbritischen, marschiert die traditionsreiche Arbeiterpartei dahin, wo sich der linke Flügel aller Arbeiterparteien am wohlsten fühlt - ins Abseits. Dorthin wo Labour schon einmal saß: Auf dem ideologisch hohen Ross und für Jahrzehnte in der Opposition. Selbst jemand wie John Major, ein Mann mit der Ausstrahlung eines Schluck Heilwassers, konnte Old-Labour mühelos in der Opposition halten. Erst New-Labour schaffte den Weg zurück an die Macht…

Wer alt genug ist, sich an die Zeiten vor der angeblich so schrecklichen Margret Thatcher zu erinnern, dem fallen ein paar denkwürdige Beispiele für die Lust am Untergang der britischen Arbeiterpartei ein. Monatelange Streiks sorgten 1979 für eine schleichende Entindustrialisierung und die spektakuläre Abwahl der für lange Zeit letzten Labour-Regierung unter James Callaghan. Unter dem Vorsitzenden Michael Foot war man lieber machtlos und links, als pragmatisch und in der Regierung.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Die produzierende britische Industrie ist nicht nur an verbohrten Klassenkämpfern wie Arthur Scargill, Parademarxist und Bergarbeiterführer, sondern auch am nicht minder verbohrten Standesdünkel der britischen Oberklasse gescheitert. In den Führungsetagen zählte Abstammung mehr als Fachwissen oder gar Können. Beispiel gefällig? In den 1950ern verfügte das Vereinigte Königreich über die größte Automobilindustrie Europas. Heute heißt der letzte unabhängige britische Automobilhersteller „Morgan“. Traditionsmarken sind untergegangen oder in den Händen indischer „Boys“ oder der „Krauts“.

Die so gerne dämonisierte Maggy Thatcher hat mit ihrem radikalen Kurs sicherlich keine Kuschelgesellschaft geschaffen, aber den Untergang verhindert. Tony Blair und „New Labour“ haben versucht mit einem gemäßigt sozialdemokratischen Programm die Radikalkur der Vorvorgängerin abzufedern.

Die neue Linke hasst pragmatische „Arbeiterverräter“ wie Schröder und Blair. Ihr geht die reine Lehre über alles. Leider übersieht sie dabei eines: Kalle Marx aus Trier hat eine brillante Gesellschaftsanalyse des 19. Jahrhunderts abgeliefert, aber keine brauchbare politische Strategie für das 21. Jahrhundert.

Der Erfolg von Jeremy Corbyn ist mit politischer Rationalität nicht zu begründen, aber durchaus mit Überdruss. Überdruss an all den rundgeschliffenen Politprofis, die sich nur mit stetem Blick auf Umfragen und an der Hand von Beratern durch das angebliche Minenfeld Politik bewegen. Niemals anecken! Die Leute haben die Nase voll von austauschbaren Typen, die in jeder Partei Karriere machen könnten. Die Wahl Corbyns ist kein Bekenntnis zum Sozialismus alter Prägung, sondern der Wunsch nach echten Typen mit einer echten Meinung - selbst wenn sie von gestern ist.