LUXEMBURG
MARCO MENG

Gerüchte um ersten ernst zu nehmenden potenziellen Käufer des ArcelorMittal-Werks

Der russische Stahlhersteller NLMK soll an einer Übernahme des Werks Düdelingen interessiert sein. Jean-Claude Bernardini vom OGBL sagt, „momentan sind das alles nur Gerüchte“. Auch NLMK selbst will diese „nicht kommentieren“, wie dem „Journal“ gestern vom Konzernsitz Moskau mitgeteilt wurde. Novolipetsk Steel (NLMK) ist eines von drei großen Stahlunternehmen Russlands mit Werken in Russland, der EU und den USA. Pro Jahr produziert die Gruppe 17 Millionen Tonnen Stahl, wobei mit einem Anteil von rund 36 Prozent am Gesamtumsatz des Unternehmens der russische Markt der wichtigste für NLMK ist. Europa macht eigenen Angaben nach 15 und die USA 14 Prozent des Gesamtumsatzes der Gruppe aus. Die NLMK Group ist auf internationalen Märkten stark vertreten und beliefert Kunden in mehr als 70 Ländern weltweit.

Die Gerüchteküche brodelt also - und das wird wohl bis zum 23. Mai anhalten, bis die Wettbewerbsaufsicht in Brüssel bekanntgibt, von welchen Werken sich ArcelorMittal trennen muss, um Ilva in Italien übernehmen zu dürfen. ArcelorMittal hatte Brüssel eine Liste von Werken übermittelt, von denen sich der Stahlhersteller trennen könnte, darunter die Werke Lüttich und Düdelingen, die wohl als „Package“, also gemeinsam, veräußert werden könnten. Die EU-Kommission hat Bedenken, dass die Übernahme von Ilva zu einer Kapazitätskonzentration führen und die Flachstahlpreise potenziell erhöhen könnte. Wirtschaftsminister Etienne Schneider wandte sich darum mit einem Schreiben am 16. April an EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager und argumentierte, wenn ArcelorMittal Produktionsstätten verkaufen müsse, agiere Brüssel gegen europäische industriepolitische Interessen. Er argumentiert: Da das Werk Ilva nur fünf Millionen Tonnen Flachstahl produziert für einen Markt, der in Europa das Volumen von 90 Millionen Tonnen hat, könne ArcelorMittal mit Ilva nicht marktbeherrschend werden, zumal weltweit ein Kapazitätsüberschuss im Flachstahlbereich von 375 Millionen Tonnen bestünde.

Ähnlich wie Luxemburg argumentiert auch die tschechische Regierung, die ebenfalls einen Verkauf des dortigen Werks Ostrava verhindern will. Und auch für Luxemburg hätte dieser Verkauf Folgen, denn das Werk in Tschechien liefert Vorprodukte ins ArcelorMittal-Werk in Rodingen. EU-Wettbewerbskommissarin hat zwar zugesichert, einem Verkauf der Werke auch nur zuzustimmen, wenn dadurch die Existenz dieser Werke nicht gefährdet würde. Brüssel sei an einem langfristigen Fortbestehen dieser Werke und deren Arbeitsplätze interessiert, hieß es. Bleibt dennoch die Frage: Wer wird die Werke, und vor allem Düdelingen, übernehmen? Die Indizien, dass Düdelingen doch im ArcelorMittal-Werk bleiben kann, sehen jedenfalls nicht besondern gut aus, wenn man bedenkt, dass das Werk ursprünglich nicht auf einer nach Brüssel geschickten Verkaufsliste gestanden haben soll - laut ArcelorMittal - und erst nachträglich beigefügt wurde, weil die ursprüngliche Liste Brüssel zu wenig war.

Argumente pro und contra Düdelingen

Fachlich wäre NLMK sicherlich geeignet, das Werk Düdelingen fortzuführen, allerdings müssen die Russen seit kurzem 25 Prozent Einfuhrzölle in die USA zahlen, das dürfte zu einem Überangebot an Produkten führen, die das Unternehmen allein mit seinen russischen Werken produziert. Wozu dann ein weiteres Werk in Luxemburg? Andererseits hat auch die EU selbst 2016 Strafzölle auf kaltgewalzten Flachstahl aus China und Russland beschlossen. Die Strafzölle zwischen 19 und 39 Prozent treffen damit auch NLMK-Stahl aus Russland. Also doch ein Argument für den Flachstahl aus Düdelingen, den vor allem die Autoindustrie nachfragt.

In Europa produziert NLMK 1,75 Millionen Tonnen in seinen drei Flachstahlwerken Clabecq (Belgien), Frederiksværk (Dänemark) und Verona (Italien). Schon einmal war ein russischer Konzern an den Stahlwerken in Luxemburg interessiert: 2006 wollte Severstal mit Arcelor fusionieren; nach der zweiten Angebotserhöhung kam dann der Zusammenschluss mit Mittal.

Die beiden großen Gewerkschaften LCGB und OGBL fordern nun eine neue „Tripartite“ zur Zukunft des Werks Düdelingen. Sie befürchten, dass der Kauf von Ilva nur ein Mosaikstein in einer konzernweiten Umstrukturierung des Europageschäfts von ArcelorMittal ist.

Am 26. April treffen sich die von etwaigen Verkäufen betroffenen Gewerkschaften auf europäischer Ebene. Ein Treffen mit der Unternehmensleitung ist für 22. Mai geplant - einen Tag vor Bekanntgabe der Brüsseler Entscheidung.