PATRICK WELTER

Am Anfang dieser Woche im Hinterland der Algarve in Portugal, plötzlich taucht rechts von der Autobahn ein architektonisches Ensemble auf, das aus der Ferne wie ein aufgeklappter Lampion aussieht. „Was’n das?“ Ein EM-Stadion mit Platz für 30.000 Zuschauer. Leider ist die EM vorüber und die Vereine von Loule und Faro agieren unter ferner liefen. Immerhin ist noch Platz für den Zweitligisten Olhanense - und es ist das offizielle Heimatstadion der Nationalmannschaft von Gibraltar. Was am Defizit nichts ändern wird.

Eine Autostunde später stehen wir vor dem Autodromo Algarve, eine perfekte Rennstrecke. Im sprichwörtlichen Nirgendwo, der Nürburgring ist im Vergleich zentral gelegen. . Eine Rennstrecke, die jeden Wunsch erfüllt, eine anspruchsvolle Strecke mit Tribünen, Boxen, Hotel, Restaurant, VIP-Bereichen und riesigen Parkplätzen. Hinzu kommen noch eine Kart-Rennbahn und ein Offroad-Parcours. Nur eines gibt es hier fast nie - Rennen oder gar Zuschauer. Der offizielle Kalender weist für 2015 ganze sechs Veranstaltungen auf. Bei Baukosten von 200 Millionen Euro. Immerhin ist die Autoindustrie dankbar, sie kann die Strecke für Testfahrten und Presseveranstaltungen jederzeit mieten. Was am Defizit nichts ändern wird.

Auf eines kann man wetten: Privates Geld wurde an diesen Orten nicht versenkt, außer ein cleverer Investor hat ein paar gierige Anleger übers Ohr gehauen. Das Defizit tragen die öffentlichen Kassen. Am Rande: Es geht hier nicht um Portugal. Es war Zufall in dieser Woche, auf diesen unglückseligen Dreiklang aus Geld, Beton und Öffentlichen Kassen gestoßen zu sein.

Wer reist und die Augen aufhält, stolpert schnell über die Spuren europäischer Strukturfonds. Egal ob in Polen oder Portugal. Wenn eine neue geteerte Dorfstraße von einem Bürgersteig mit Verbundpflastersteinen aus Beton begleitet wird, findet man spätestens nach hundert Metern ein Schild, dass stolz auf die Co-Finanzierung aus Mitteln des europäischen Fonds zur Entwicklung des ländlichen Raums (FEDER oder EFRE) verweist. Ist es ein Zeichen europäischer Kohärenz, wenn es in den benachteiligten Dörfern der EU die gleichen scheußlichen Bord- und Pflastersteine gibt? Gibt es keine sinnvollere Art der Förderung benachteiligter Regionen? Europa-Bürgersteige für alle?

An dieser Stelle haben wir uns schon oft mit der unglückseligen Anziehungskraft halbseidener Investoren auf Kommunalpolitiker befasst. Der Sirenengesang der lockenden Millionen schaltet das Hirn aus - egal ob am Nürburgring oder in Faro.

Dabei sind wir noch nicht einmal im Bereich der Organisierten Kriminalität. Vor dreißig Jahren wurden in Süditalien Millionen in sinnlose Brücken, Autobahnen ohne Anschluss oder nutzlose Häfen versenkt, das fiel irgendwann auf. Die Mafia ist schlauer geworden: Heute baut man zu Ende. Stellt sich nur die Frage, in welchem Verhältnis die geflossenen Fördersummen zur Qualität der Arbeit stehen.

Man muss zugeben, der Wunsch eine genauere Kontrolle der Verwendung öffentlicher Gelder, egal ob auf kommunaler, staatlicher oder europäischer Ebene, ohne die Bürokratie noch weiter aufzublähen, kommt der Quadratur des Kreises oder der Sache mit dem Kamel und dem Nadelöhr schon sehr nahe.

Aber man wird doch noch träumen dürfen.