LUC SPADA

Die WELT berichtete am 27. Januar 2017 über einen „Vorfall“ in Venedig, der eine „Debatte über Mitmenschlichkeit und Rassismus“ ausgelöst haben soll.

Von dieser Debatte habe ich zwar bis dato immer noch nichts bemerkt, aber dafür weiß ich ganz genau wann und wo der neue amerikanische Präsident wieder einen weiteren dummen Furz gelassen hat. Es geht um einen 22-jährigen jungen Mann aus Gambia. Der 22-jährige junge Afrikaner ist Migrant. Der junge Gambier, so berichtet die WELT, ist vor zwei Jahren in Sizilien angekommen, in einem „Boot“, und hatte eine temporäre Aufenthaltsgenehmigung.

Weiter nach Venedig. Diese wunderschöne, romantische Stadt in Italien, mit diesen vielen Brücken und hässlichen, fetten Touristen, die überall in der Stadt an ihren Gläsern mit überteurtem gepunschten Aperol Spritz nuckeln.

Der junge Mann ist tot, ertrunken im Canal Grande. Womöglich versuchter Freitod. Ich muss kurz ausholen: Wenn du sterben willst und ich dich, beim Versuch dir das Leben zu nehmen, „ertappe“, werde ich immer alles Erdenkliche unternehmen, um dich davon abzuhalten. Und wenn ich nicht die Möglichkeit habe, respektiere ich deine Entscheidung, so schwer es mir fällt.

Aber bis dahin müssen wir doch immer versuchen den Schwächeren, den Verzweifelten, die Hand zu reichen. Auch wenn Letztere erstmal trotzig, überhaupt nicht oder nur zaghaft angenommen wird. Großzügigkeit, Empathie, Zusammenhalt, Respekt.

Im Video erkennt man den Kopf des jungen Mannes, und irgendwann ist auch der Kopf weg. Ende. Äh, warte, Video? Es wurde gefilmt? Ja, und auf geschätzten, gefühlten vier Meter vom jungen Mann entfernt ist ein Boot voll mit Menschen und guckt zu. Im schönen Venedig. Ja, Frechheit, nicht? Da wird der Pauschaltourist ausgerechnet beim romantischen Kultururlaub gestört.

IMMER TAUCHT IRGENDWO EIN FLÜCHTLING AUF UND VERSAUT EINEM DIE STIMMUNG. Es dauert auch recht lange, bis überhaupt jemand auf dem Boot auf die Idee kommt, dem jungen Mann Rettungsringe zuzuwerfen. Es ist aber tatsächlich sehr umständlich gleichzeitig einen Rettungsring zu werfen und mit dem Handy das Geschehene festzuhalten.

Da der junge Mann aber sterben möchte, keinen anderen Ausweg sieht, greift er nicht nach den Rettungsringen. Hier kommt die Großzügigkeit ins Spiel oder eben nicht. Im Video hört man einen Mann sagen, dass, wenn er zu blöd ist nach den Rettungsringen zu greifen, soll er halt sterben. Ein Anderer schreit belustigt „AFRIKA“. Auch in diversen Kommentarspalten sind Uwe, Hermann und Marion sich eins: Da ist er natürlich selbst Schuld, er hätte ja auch in Gambia bleiben können. Und so kommt es, dass eine große Masse an Menschen, es fehlt nur das Popcorn, einem jungen Menschen beim Sterben zusieht. Front row. Es wird gelacht, er wird teilweise beschimpft, aber Hilfe? Empathie? Nächstenliebe? Respekt? Nicht mehr als unbedingt nötig.

Mir bleibt die Kotze im Hals stecken, wenn da Leute behaupten, dass es viel zu gefährlich gewesen wäre (Wassertemperatur, Unterströmung, unberechenbarer Angriff des „Lebensmüden“) hinterherzuspringen, das waren fucking vier Meter! Was wäre, wenn das jetzt eine junge, weiße Frau wäre, ein weißer Mann, ein Passagier, ein Tourist, ein paar Kinder, Suizid oder nicht Suizid? Das halbe Boot wäre hinterhergesprungen. Verfickte Scheiße!

Der Tod als End(Er)lösung. Suizid, versuchter Suizid, wird bekanntlich oft als Hilfeschrei gedeutet. Anscheinend nicht für Geflüchtete. Hier gilt: Nimm den Rettungsring oder geh sterben. Pateh Sabally, 22 Jahre jung, hat an die Menschlichkeit appelliert. Niemand hat zugehört.