Hier und jetzt, wo uns die Vergangenheit um Schuld und Mitschuld im Zweiten Weltkrieg wieder eingeholt hat, erinnern sich vielleicht einige von uns an jene antisemitischen Lieder und Sprüche, die auch noch nach dem Krieg in Luxemburg kursierten. Der derzeit viel diskutierte Artuso-Bericht, der auf einer Forschungsarbeit des Historikers Vincent Artuso von der Uni Luxemburg gründet, musste kommen. Er wird uns helfen, die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs in Luxemburg zu verstehen und einzuordnen, und er weist erneut darauf hin, dass jede Schwarz-Weiß-Malerei, also jede Aufteilung der luxemburgischen Bevölkerung in gute und böse, in Widerständler und Kollaborateure, einer näheren Analyse nicht standhält. Das Thema der Kollaboration, und zwar der staatlichen wie auch der persönlichen, ist keineswegs aufgearbeitet. Der Artuso-Bericht wird unser Land vor die Frage stellen, ob denn heute, im Jahre 2015, eine Entschuldigung angebracht ist, und die Antwort ist auf jeden Fall: Ja. Menschen und Staaten tun sich allerdings schwer mit Entschuldigungen, denn sie enthalten das Bekenntnis eines geschehenen Unrechts.

Der Artuso-Bericht offenbart, dass die luxemburgische Verwaltungskommission, die nach der Flucht der Regierung die Geschicke des Landes leitete, aktiv an der Verfolgung der Juden beteiligt war. Dies ist zum Teil auf Diktatur, Angst und Resignation zurückzuführen; auch machte sich in allen Institutionen Bespitzlung und aktive Kollaboration durch Luxemburger breit. Bereits in den 1930er Jahren gab es darüber hinaus einen latenten und einen offenen Antisemitismus in Luxemburg, der sich durch die Presselandschaft und die Alltagskultur zog. Die Forschung um die staatliche Kollaboration konfrontiert uns jetzt mit der Tatsache, dass wir kein Volk von Widerständlern sind; auch die Franzosen, die den Luxemburgern im Krieg viel geholfen haben, haben sich penibelster Verbrechen gegen die Menschlichkeit unter dem Vichy-Regime zuschulden kommen lassen.

Die Wirklichkeit ist also sehr komplex, die Mythen haben ausgelebt, und Heldentum, Widerstand und Kollaboration ziehen sich durch alle Gesellschaftsschichten und durch viele Familien. Es gab Behörden, die aus verschiedenen Gründen die Juden ausgeliefert haben, und es gab Luxemburger, die ihre Nachbarn verraten haben. Es gab Kollaborateure, die versteckte Fahnenflüchtige verrieten, und solche, die eben Opportunisten waren, aber niemandem wirklich etwas zuleide taten. Es gab Kinder und Enkelkinder von Kollaborateuren, die ihr ganzes Leben lang diskriminiert wurden, und Kinder von Deportierten, die die Schmerzen der Eltern immer noch in sich tragen, und bei denen sich bis heute niemand entschuldigt hat.

Angesichts des Schmerzes der Kriegs- und der Nachkriegsgenerationen, angesichts der Tatsache, dass man die verschiedenartigen Leiden der Luxemburger im Krieg als gemeinsames Schicksal betrachten soll, erscheint es hier und jetzt als notwendig, das Leiden, die Ungerechtigkeit und den Verrat zu verstehen, und Empathie für alle Opfer des Krieges und für deren Nachkommen zu zeigen.