LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Ist Bekleidung identitätsstiftend?

Meine beste Freundin und ich machen uns oft einen ungemütlichen Shoppingtag. Ja, da steht tatsächlich „ungemütlich“. Das Problem ist nämlich, dass unsere sprudelnde Kauflust meist in schäumender Rauflust endet. Das ist mittlerweile fast Gesetz. Traurig, aber wahr: Wir sind wohl einfach nicht shoppingkompatibel!

Eigentlich müsste das das Ende einer weiblichen Freundschaft sein. Denn ist die Wortverbindung „shoppinginkompatible Freundinnen“ nicht geradezu ein Oxymoron? 

Shopping für Dummies

Doch so schnell geben wir nicht auf! Auf dem Ratgeberblog „Lëtzeboia-Shopping-Fränz“ haben wir uns ausgiebig darüber informiert, was wir tun können, wenn eine von uns die heikle Frage stellt: „Wie findest du dieses Oberteil?“ und die andere denkt: „das nackte – pardon: angezogene – Grauen“.

Eine Taktik, die letztere anwenden kann, ist, ein Pokerface aufzusetzen und möglichst ohne Aufregung in der Stimme festzustellen: „Geschmäcker sind verschieden“. Bestenfalls sollte dieses Statement mit einem Achselzucken gepaart werden, weil Gleichgültigkeit und Unbetroffenheit so am besten signalisiert – also vorgespielt – werden können. Wie in allen Lebensbereichen gilt: Lobeshymne und Notlüge hui, Ehrlichkeit pfui.

Doch warum bloß reagieren wir dabei so empfindlich? Was macht Kleidung so wichtig für uns?

Möglichkeit 1

Klamotten sind uns eigentlich Jacke wie Hose. So weit, so gut, doch das sollte es nicht sein. Wir können gar nicht anders, als eine Wahl zu treffen, was wir anziehen, und ganz gleich, wie sie ausfällt, drücken wir damit unweigerlich etwas aus, und sei es nur der Wunsch, nichts Bestimmtes auszudrücken und unauffällig zu wirken. Die Entscheidung, keine Entscheidung zu treffen und nackt zu bleiben, wäre sogar ein sehr gewagtes Statement! Wenn Kleidung ein Ausdrucksmittel ist, dann ist sie Kommunikation, und für Kommunikation gilt: Wir können nicht nicht kommunizieren! Was für ein Dilemma!

Möglichkeit 2

Kleidung ist ein Mittel, die eigene Persönlichkeit auszudrücken. Ihr kommt eine identitätsstiftende Funktion zu, ohne dass es dabei entscheidend wäre, was andere über uns denken. Es ist kaum sinnvoll, etwas auszudrücken, wenn es keinen Adressaten gibt, der das Ausdrucksmittel deutet. Ohne ihn kann es unsere Identität im Grunde gar nicht geben. Ist es zum Beispiel an Karneval nicht über alle Maßen frustrierend, wenn niemand nachvollziehen kann, wen oder was unser Kostüm eigentlich darstellen soll, erfüllt dieses Fest immerhin den Zweck, für einen Tag in eine andere Rolle zu schlüpfen?

Weiterhin wird schon im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ gezeigt, wie wichtig die Anerkennung von außen ist. Zu Beginn gilt die Nacktheit des Kaisers nicht als Nacktheit, sondern als statuskonstituierende Kleidung. Das funktioniert, weil alle sich darauf einigen. Ob der Kaiser sich selbst nackt fühlt, ist dabei völlig irrelevant. Erst im Nachhinein wird die Nacktheit offiziell entlarvt, was mit einem Statusverlust des Kaisers einhergeht; ein Status, über den eben nicht das eigene Lebensgefühl entscheidet. Er muss demokratisch an- oder aberkannt werden.

Hinzu kommt, dass wir den größten Teil unserer Bekleidung und Accessoires selbst gar nicht sehen können, es sei denn, wir stehen vor einem Spiegel, werden fotografiert oder gefilmt. In allen anderen Fällen sehen wir nur einen Teil unseres Oberkörpers sowie den vorderen Teil unserer Arme, Beine und Füße. Auf den Punkt gebracht bedeutet das, dass wir uns mit Dingen identifizieren, die wir an uns selbst im Normalfall nicht oder nicht komplett wahrnehmen können. Deswegen wäre es ziemlich inkonsistent, gerade die Person, für die die Kleidung weitestgehend unsichtbar bleibt – wir selbst – als den alleinigen Akteur zu betrachten, wenn es um identitäre Zuschreibungen in Verbindung mit Bekleidung geht.

Möglichkeit 3

Kleidung kommt eine identitätsstiftende Funktion zu; eine Identität, zu der wir uns selbst bekennen und die durch andere bestätigt wird. Fraglich ist, warum wir uns in dem Fall unsere Kleidung selbst aussuchen und dies nicht unserem Umfeld überlassen. So könnten wir doch viel eher sicherstellen, dass Fremd- und Zuschreibung übereinstimmen, dass unser Äußeres unseren Vorstellungen nach interpretiert wird.

Überhaupt ist es nicht nur nicht glaubwürdig, sondern regelrecht unverschämt, zu behaupten, es sei uns „egal, was andere denken“ und es komme nur darauf an, dass wir uns „selbst gefallen“. Denn nicht wir sind es, die uns die ganze Zeit in unseren Klamotten betrachten müssen. Es sind alle anderen. Sollte man darauf nicht eigentlich ein bisschen Rücksicht nehmen? Und wäre es nicht sinnvoller, unsere Lieblingsteile künftig den Menschen zu schenken, mit denen wir viel Zeit verbringen, damit wir sie auch selbst sehen und bewundern können, anstatt uns mit der bloßen Gewissheit zufrieden zu geben, dass wir bestimmte, für uns unsichtbare Klamotten tragen? Schön finden wir sie nicht im entscheidenden Moment, wenn wir sie tragen. Vielmehr können wir uns nur daran erfreuen, wenn wir sie abends auf den Kleiderständer hängen, sie waschen und bügeln, zusammenfalten und wieder im Kleiderschrank verstauen hinter verschlossenen, von Blicken undurchdringbaren Türen.